Biedermann als Brandstifter

26. April 2007, 17:00
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Die Honda SH 300i schaut aus wie ein biederer Roller und geht dennoch wie Sau - Kurzum: Eine böse Kombination

Ich darf bei Honda einen Roller ausfassen, bei dem ich mir beim ersten Blick schon denke: "Ah, ein Roller." Keine Ecken, keine Kanten. Gefälliges Rollerdesign. Nix Besonderes.

Nach dem Anstarten merkt man nur an den leichten Vibrationen durch den Einzylinder, dass der Murl schon am Werken ist, so angenehm leise ist die Waffe. Ich schupf den Roller vom Hauptständer und mir fällt auf, wie leicht der SH 300i wirkt. Dabei bringt er 172 Kilogramm auf die Waage. Drei Kilogrämmer gehen zu Lasten des ABS.

Beim Rausnudeln aus dem Hondagelände hab ich aber schon ein gewaltiges "Aha" im Helm. "Der geht ja wie Sau!" Um ein wenig mit faden, trockenen Zahlen zu jonglieren: Vmax von fast 150 km/h aufrecht sitzend, knapp über 150 km/h liegend. Citygeschlängel, Stadtautobahn, abgesperrte Piste – immer in der Pole.

Der Sulzi durfte mit dem SH 300i zum Fotoshooting fahren. Das ging sich fahrzeugorganisatorisch nicht anders aus. Seine Höchstgeschwindigkeitswerte differieren leicht von den meinen. Er schafft liegend grad die 150. Das lag vermutlich am fehlenden Eiweiß bei Sulzis Frühstück.

Über seine Messung wusste er aber Spannendes zu berichten: "Ich bin auf was drauf gekommen. Wenn ich mich ganz weit nach hinten setze, mit dem Schnabel vom Crosshelm ganz nach vorne gehe, dann geht der Fahrtwind vom Scheinwerfer über den Helm und mich über den Koffer. Perfekte Strömung." Ich warf ein, dass er in dieser Position ja gar nicht mehr auf die Straße schauen könne. "Wurscht, da schaust dann eh wie gebannt auf den Tacho."

Eher weniger Wortmeldungen kamen von der Reißerischen. Bei den ersten Fotos, die ich mit dem Sulzi machte, setzte die SH 300i mit dem Hauptständer auf. Das dabei entstehende Geräusch, ist ja für ein zartes Frauenohr nicht unbedingt mit einem liebevoll gehauchten Heiratsantrag vergleichbar. Gerade auch deswegen, weil für die Reißerische nicht die Fahrt mit einer güldenen Kutsche mit vorgespannten weißen Pferden in Aussicht stand, sondern ein Soziaritt auf dem Roller.

Was die Reißerische sagte, war nur: "Muss das sein, dass ich da mitfahr? Die Displayfarbe passt nicht zu meinen Nagellack!" Nachdem der Sulzi und ich nur müde lächelten und auf die Handschuhe verwiesen, die sie über dem Nagellack trägt, sagte sie den bösesten Satz, den eine Frau sagen kann: "Du weißt, ich vertrau dir!" Für Leser, die mit den Feinheiten der femininen Spracheakrobatik nicht so vertraut sind, will ich den Satz übersetzen: "Wennst dich jetzt einbaust, hetz ich meine Mutter auf dich!"

>>> Gelungene Flucht

Weil Honda ein wirklich feines Fahrwerk verbaut hat und die Drohung ihre Wirkung nicht verfehlte, ging auch nix schief. Das Soziusplatzerl ist komfortabel und man kann sich genüsslich hinten am serienmäßigen Topcase anlehnen.

Der Heckspoiler ist übrigens groß genug, dass der Sulzi darin seine Fotoausrüstung transportieren konnte. Oder, dass die Reißerische das Notwendigste für einen Halbtagesausflug unterbringen würde. Nur so zum Vergleich: Für einen Wochenendausflug mit einem Kombi braucht die Reißerische eine halbe Stunde, nur um zu entscheiden, was alles daheim bleiben muss weil es zu wenig Platz im Auto gibt.

Doch lenken wir die Aufmerksamkeit noch einmal auf das Fahrwerk. Keine Spur von schwammig, aber auch nicht brettelhart. Straßenunebenheiten werden brav verarbeitet. Sehr komfortabel, aber hart genug, um das Eisen sportlich zu bewegen. Einziges Manko, das Lenkerpendeln bei Geschwindigkeiten zwischen 40 und 60 km/h.

Das kriegt man aber nur mit, wenn man den Lenker loslässt. Lässt man die Griffeln dort, wo sie hingehören, spürt man gar nichts. Der Sulzi sagt "es ist ratsam die Hände am Lenker zu lassen", ich sag, "Lenkerpendeln wenn man es mit Gewalt herausfordert", die Reißerische sagt "Ihr seids beide deppert."

"Bist du deppert" knallte es mir auch durch die spärlichen Synapsen, als ich das erste Mal ordentlich in die Bremsen griff. Nicht deshalb, weil sich ein Blechdosenpilot den Spaß machte, mir absichtlich seine Autotür in meinen Fluchtweg zu stellen, sondern weil ich es dabremst hab ohne irgendwas zu schrotten.

Roller zeichnen sich ja in der Regel dadurch aus, dass die Bremshebel mehr der Zierde dienen, als dass sie Befehle an die Bremsen weitergeben. ABS und CBS beim SH 300i werken allerdings fantastisch. Das ABS regelt weich die Bremskraft nach. Jetzt ist der SH 300i zwar nicht der erste Roller mit ABS – aber der Erste, bei dem es wirklich gut funktioniert. Logisch. Zawas brauch ich ein ABS, wenn des Klumpat sowieso nicht bremst.

Das CBS, die kombinierte Honda-Bremse, ist natürlich weltisch. Da zangelt man unweigerlich immer gut. Taugt dem Sulzi aber nicht so, weil "das Radl, sogar wenn du nur hinten bremst, ordentlich verzögert. Da fangt man dann leicht an, schlampig zu werden." Seh ich anders. Das Teil funktioniert sogar noch, wenn man einmal ungewollt schlampig agiert – etwa in Gefahrensituationen. (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Martin Sulzbacher, derStandard.at, 26.4.2007)

Honda SH 300i

Preis: EUR 4.790,-. Aufpreis ABS: EUR 600,-. Motor: Flüssigkeitsgekühlter Einzylinder-Motor. Hubraum: 279 ccm. Leistung: 20 kW/27 PS. Max. Drehmoment: 26 Nm bei 6000 U/min. Fliehkraftkupplung, Variomatik. Federung: Telegabel vorne, Triebsatz-Schwinge mit zwei Federbeinen hinten. Bremsen: jeweils eine Scheibe vorne und hinten. ABS. Sitzhöhe: 785 mm. Trockengewicht: 172 kg. Tank 9 l.

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Honda

  • Tests in allen Lebenlagen - Guido Gluschtisch und die Honda SH 300i.
    foto: sulzbacher

    Tests in allen Lebenlagen - Guido Gluschtisch und die Honda SH 300i.

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