Von der Leyen: "Eltern sollen frei entscheiden"

27. Juli 2007, 12:03
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Auch mit Kindern könne man einen Beruf haben, sagt die deutsche Familienministerin und erklärt, warum sie als siebenfache Mutter kein schlechtes Gewissen mehr plagt

STANDARD: Sie wollen mehr Kindergartenplätze, aber Finanzminister Steinbrück (SPD) will kein Extrageld geben. Wie soll das funktionieren?

Ursula von der Leyen: Es ist nicht so, dass der Finanzminister grundsätzlich ablehnend ist. Die Frage ist das Wie. Aber indem Bund, Länder und Kommunen zum ersten Mal gesagt haben, wir wollen für 35 Prozent der Kinder Betreuungsplätze, haben wir schon einen großen gemeinsamen Schritt auf das Ziel zu gemacht.

STANDARD: Bei den Unions-Männern gibt es viel Ablehnung. Ärgert Sie das?

Von der Leyen: Keineswegs, denn es ist eine notwendige Debatte. Das Thema hat lange unter der Oberfläche gebrodelt und bricht sich jetzt selbst eine Bahn. Über Kinderbetreuung spricht nicht nur die Politik, sondern auch die Wissenschaft, die Gesellschaft und die Kirche.

STANDARD: Mit zum Teil sehr originellen Wortspenden. Ihnen wird vorgeworfen, die DDR wieder auferstehen zu lassen.

Von der Leyen: Ein ganz perfider Vorwurf. Das ist der böswillige Blick zurück in DDR und Sowjetunion, verbunden mit der Behauptung, unabhängig von den menschenverachtenden Systemen sei es die Kinderbetreuung gewesen, die Schaden angerichtet habe. Verschwiegen wird die heutige Situation, in der wir in Frankreich, Skandinavien und vielen anderen Ländern sehen, dass Kinderbetreuung, wenn sie mit guter Qualität und in Zusammenarbeit mit dem Elternhaus angeboten wird, vielen Kindern und ihren Eltern Chancen gibt. Auch in Deutschland sollen Familien Wahlfreiheit haben.

STANDARD: Die Einwände der Unions-Männer erinnern ebenfalls an die 50er Jahre.

Von der Leyen: Man kann nicht wegwischen, dass die Union die letzten dreißig Jahre eher die traditionelle Rollenverteilung als primär gültig verteidigt hat. Wir haben zu wenig konkrete Antworten auf die Frage gegeben, was junge Frauen tun sollen, die sich Kinder und Beruf gemeinsam wünschen, und auch nicht die Debatte über die wichtige Rolle des Vaters geführt.

STANDARD: Warum diskutiert man nun so emotional?

Von der Leyen: Weil Veränderung natürlich auch zunächst zu Verunsicherung führt. Wir müssen weg von der starren Haltung: Wenn Frauen Kinder bekommen, sollen sie zu Hause bleiben. Und wir müssen hin zu der Einstellung: Junge Eltern sollen frei entscheiden, wie sie leben möchten - wofür wir die Voraussetzungen schaffen. Dazu braucht es finanzielle Leistungen, gute Kinderbetreuung und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Wir haben kaum das Vorbild, dass man auch mit Kindern weiter in seinem Beruf teilhaben kann und es den Kindern dabei gut geht. Junge Menschen haben seit Beginn der 70er Jahre darauf reagiert. Der hohe Preis, den die Gesellschaft dafür bezahlt, ist die Kinderlosigkeit von heute.

STANDARD: Sie haben eine Zeit lang in den USA gelebt. Hat Sie das beeinflusst?

Von der Leyen: Entscheidend. Als junge Frau aus traditionellem Elternhaus war ich geplagt von schlechtem Gewissen. Ich fühlte mich schuldig, dass ich mit Kindern als Ärztin arbeiten wollte. Ich dachte, das sei mein Problem. Erst im Ausland lernte ich, wie viel innere Freiheit, Lebensfreude, Motivation und gute Zeit mit Kindern man gewinnt, wenn die Gesellschaft es leichter macht, Familie und Beruf zu vereinbaren. Im Nachhinein schmerzt es mich um viele Jahre schlechten Gewissens.

STANDARD: Haben Sie dieses immer noch?

Von der Leyen: Deutlich weniger, weil ich inzwischen sehe, dass es den Kindern gut geht. Auch der Versuch, mich als Person zu verletzten, trifft mich nicht mehr so sehr, weil ich es zu lange erlebt habe. Auch wenn es ganz schwierig ist, habe ich gelernt, zu akzeptieren, dass ich als Projektionsfläche herhalten muss. Mut macht aber die hohe Zustimmung der Bevölkerung.

STANDARD: Wie überzeugen Sie die, die von "Abschiebung" in den Kindergarten reden?

Von der Leyen: Bei denen, die schon erwachsene Söhne und Töchter haben, ist das etwas leichter. Sie wünschen sich Enkelkinder, aber auch, dass die Töchter und Söhne Kontakt zum Beruf halten können. Aber ich verstehe die Unruhe und den Schmerz derer, die jetzt ihr eigenes Lebensideal in Frage gestellt sehen.

STANDARD: Auch die SPD ist misstrauisch, weil Sie in deren Revier wildern.

Von der Leyen: Wir sind als Regierung gut beraten, Familienpolitik nicht parteipolitisch zu sehen. Union und SPD werden danach beurteilt, ob sie etwas schaffen. Tun sie das nicht, werden beide verlieren.

STANDARD: Einerseits bremst die SPD bei der Finanzierung von Kindergärten, andererseits will sie einen Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze. Das lehnen Sie aber ab. Warum?

Von der Leyen: Das ist eine Forderung, die den Konsens gefährdet. Wir haben jetzt acht Prozent Angebot in Westdeutschland und wollen auf 35 Prozent kommen. Ein Rechtsanspruch würde sich bei 50 bis 60 Prozent abspielen. Dann steigen aber alle aus. Außerdem würde ein Rechtsanspruch das Signal aussenden, es sei alleine Aufgabe des Staates, für Kinderbetreuung zu sorgen. Und das würde sämtliche beginnenden Initiativen der Wirtschaft, in Betriebskindergärten zu investieren, ersticken.

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Zur Person: Ursula von der Leyen (48), Tochter von Ex-Ministerpräsident Ernst Albrecht, war von 2003 bis 2005 Sozialministerin in Niedersachsen. Seit 2005 ist die siebenfache Mutter Bundesfamilienministerin. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 25.4.2007)

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    Ursula von der Leyen, Familienministerin

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