Klassenzimmer-Politik mit Professor "Kienes"

24. April 2007, 19:22
4 Postings

Politische Bildung "aus Prinzip": Ein Lokalaugenschein im Adalbert-Stifter- Gymnasium in Linz zeigt Jugendliche zwischen Politik-Lust und Frust

Die Schule hat die Aufgabe, die Schüler zur Demokratie zu erziehen. Zeitgeschichte muss wirklich Zeitgeschichte sein und darf nicht erst in den letzten paar Sekunden im Schülerdasein passieren. Unser Professor Kienesberger ist da eine echte Ausnahme, bei ihm geht der Geschichtsunterricht in der achten Klasse nicht mit den Habsburgern unter" - klare Worte, entnommen aus der Schülerzeitung "Schwitzkasten" des Linzer Adalbert-Stifter-Gymnasiums. Verfasst bereits im Februar 1980 von Christian Buchinger, dem Bruder des heutigen SPÖ-Sozialministers Erwin Buchinger.

27 Jahre später, neun Uhr Früh im "Stifter-Gym": Professor Peter "Kienes" Kienesberger, mittlerweile deutsch-geschichtliches Schul-Urgestein, betritt forschen Schrittes seine Deutschklasse. Glocke. Auftritt Lehrkraft. Schüler in Habtacht-Stellung. Klappt auch an diesem Morgen. Kerzengerade stehen die 27 jungen Menschen, bis "Setzen" durch die Klasse tönt.

Diesmal wird es eine Deutschstunde abseits der Norm. Politik im Klassenzimmer steht auf dem Lehrplan, Fragen über eine diesbezügliche Bildung stehen im Vordergrund. Und eines wird gleich zu Beginn klar: Das Interesse an Politik ist groß, die Frustration auch. "Natürlich ist das auch in unserem Alter spannend und wir diskutieren in der Schule und in der Freizeit mit Freunden über aktuelle Themen", sagt Eva Klambauer. Problematisch sei aber, dass Themen, die junge Menschen bewegen, bei Politikern "weitgehend fehlen oder nur mangelhaft transportiert werden", bedauert die Oberstufen-Schülerin.

Kollektives Nicken in der Klasse zeugt von einem echten Problemfeld. "Man macht sich in unserem Alter natürlich Gedanken über die weitere Ausbildung, in Sachen Uni-Politik blickt aber keiner mehr durch", kritisiert Jakob Hofer.

Geteilter Meinung ist man in der 7B, inwieweit die Schule bei politischen Unklarheiten unterstützend eingreift. "Gerade in Deutsch und Geschichte greifen wir immer wieder aktuelle Themen auf und behandeln sie im Unterricht", zeigt sich Carolin Stika durchaus zufrieden mit der Schulpolitik. Und Professor "Kienes" lächelt zufrieden.

"Mir ist es zu wenig"

"Natürlich behandeln wir gewisse Themen, aber immer nur sehr oberflächlich. Wirklich Zeit für eine längere Diskussion oder Eigeninitiativen der Schüler gibt es eigentlich nicht", entgegnet Bank-Nachbarin Eva. Professor "Kienes" lächelt jetzt nicht mehr.

"Wann bitte ist von euch einmal eine Eigeninitiative gekommen, die wir nicht aufgegriffen haben? Solche Einwände kann ich nicht nachvollziehen. Wenn heute die Idee zu einer Schülerzeitung kommt - bitte machen wir sofort", mahnt der Lehrer. Eva bleibt dabei: "Mir ist es zu wenig. Ich hätte gerne ein eigenes Fach Politische Bildung. Nur so kann man sich vertiefend auf bestimmte Themen einlassen", fordert die Gymnasiastin, die außerschulisch bei den Jungen Grünen aktiv ist.

Den "Rückschritt" zu einem eigenen Unterrichtsfach will Pädagoge Kienesberger aber nicht mehr gehen. "Politische Bildung als Unterrichtsprinzip ist ideal. Man darf das nicht nur auf ein Fach reduzieren", so der AHS-Lehrer.

In Biologie könne man genauso gut umweltpolitische Themen behandeln, wie sich in Mathematik "anschauen, ab wie viel Prozent eine Partei jegliche Chance auf einen Wahlsieg verloren hat", rät Kienesberger zur politischen Vielfalt in der Schule. Die Umsetzung dieser "ehrgeizigen Ziele" funktioniere aber nur sehr bedingt: "Es ist vor allem ein rein zeitliches Problem. Wenn Sie als Lehrer heute Klassenvorstand sind und nur eine Deutscheinheit haben, gehen schon einmal 20 Minuten der Stunde für administrative Dinge drauf", weiß Kienesberger.

Einige Lehrer hätten aber auch kein Interesse, politische Bildung in ihren Unterricht einzubauen, entgegnen Teile der Klasse. "Das will ich gar nicht abstreiten", schließt sich auch der Herr Professor der Schülermeinung an.

Der "arme" Grasser

Die junge Generation konsumiert Nachrichten großteils online. "Wenn mich was interessiert, schaue ich im Internet nach", erzählt Carolin Stika. Doch auch der klassische Printbereich kommt in der Stifter-Schule nicht zu kurz. "Über das Projekt Zeitung in der Schule abonnieren wir einmal pro Jahr für sechs Wochen eine Tageszeitung", erzählt Professor Kienesberger aus der Praxis. Im Unterricht werden dann gemeinsam politische Berichte bearbeitet und Kommentare analysiert.

Politiker will in der 7B keiner werden. "Da braucht man gute Nerven. Ständig wird man kritisiert und durch Karikaturen veräppelt", hat Martin Hohensinn Mitleid "etwa mit Fiona und Grasser". Die Pausenglocke geht im Gelächter der Klassenkollegen unter. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD Printausgabe, 25. April 2007)

  • Politik am Vormittag: "Kienes" und die 7B.
    foto: alfred habitzl

    Politik am Vormittag: "Kienes" und die 7B.

  • "Mit 16 zu wählen ist sicher extrem cool. Die Jugendlichen müssen sich aber auch wirklich auskennen. Einfach ankreuzen was der Papa gesagt hat, ist sinnlos und blöd. Eine eigene Meinung ist wichtig, denn wir sind die Zukunft." Stefan, HAK-Schüler, 17.
    foto: habitzl

    "Mit 16 zu wählen ist sicher extrem cool. Die Jugendlichen müssen sich aber auch wirklich auskennen. Einfach ankreuzen was der Papa gesagt hat, ist sinnlos und blöd. Eine eigene Meinung ist wichtig, denn wir sind die Zukunft." Stefan, HAK-Schüler, 17.

Share if you care.