Alice im Orgelland

27. April 2007, 14:12
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Iveta Apkalna ist im Klassikbereich ein Star an einem ungewöhnlichen Instrument, vereinigt phänomenale Artistik und gestalterische Durchdringung auf einzigartige Weise



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Die lettische Organistin im Gespräch über den wahren Charakter ihres Instrumentes.

Wien – Schade um jeden freien Konzerthaus-Sitzplatz, Bedauern für all jene, die sich das entgehen ließen: Denn was die lettische Organistin Iveta Apkalna an ihrem Instrument an Energien entfesselt, sucht zurzeit seinesgleichen. Zwar war sie in Wien vor ihrem sensationellen Konzerthaus-Debüt noch ein Geheimtipp. Ausgehend von ihrer Heimat, ist sie aber bereits seit einigen Jahren zum Star avanciert: Spielt sie im Dom zu Riga, ist dieser stets ausverkauft. Und auch in Deutschland, wo die 1976 Geborene nach Riga und London studiert hat, genießt sie höchste Aufmerksamkeit, spätestens seit sie 2005 für ihre CD Himmel – Hölle mit dem Echo Klassik Preis ausgezeichnet wurde. So gastierte sie bereits in den großen Konzertsälen der Bundesrepublik; kommende Saison musiziert sie unter anderem mit den Berliner Philharmonikern und Claudio Abbado.

Obwohl sie auch schon für den Papst gespielt hat, versucht Apkalna das weihrauchdurchsetzte Image ihres Instruments abzuschütteln. Dementsprechend unorthodox sind schon ihre Programme, die sie immer mit Bedacht auf das jeweilige Instrument auswählt – und die zuweilen kaum ein klassisches Werk aus dem normalen Repertoire enthalten.

Das Orgel-Schaf

"Ich bin ja auch keine normale Organistin", kokettiert Apkalna: "Es ist zwar relativ, was normal ist, aber ich weiß, dass mich viele für ein schwarzes Schaf halten – inmitten lauter weißer Orgel-Schafe. Für mich ist es ,normal‘, authentisch zu sein, das zu machen, was ich liebe. Ich bin zwar immer etwas neidisch auf Pianisten oder Geiger, die ein schönes Programm überall spielen können, aber eigentlich hält mein Neid nur kurz an, und dann finde ich das ziemlich langweilig."

Langweilig wird ihr sicher nicht, wenn sie mit exorbitant schwierigen Programmen am Ort des nächsten Konzerts eintrifft und dort – wie nun in Wien – nur zwei Tage Zeit hat, um sich auf ein vorher unbekanntes Instrument und die Raumakustik einzustellen. "Da fühle ich mich oft wie Alice im Wunderland – ich weiß nie, was mich erwartet", erzählt die Musikerin, die bei ihren Auftritten auch dem Publikum ähnliche Überraschungen bietet.

Direkter Kontakt

Dass Apkalna den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit im Konzertsaal sieht, hat indessen auch mit dem Vorteil zu tun, dass sie anders als auf Orgelemporen in Kirchen hier nicht den Blicken des Publikums enthoben ist: "Auch mir hilft der direkte Kontakt sehr. Obwohl ich auch auf der Empore fühle, was das Publikum empfindet, kommt mir das vor, als würde ich eine Party geben und wäre die ganze Zeit in der Küche. Die Augen hören mit, das ist mein Credo. Ich bin aber kein Narziss und will nicht nur auf der Bühne sein, um gut auszusehen. Das ist überhaupt nicht das Ding."

Vielmehr gehe es ihr darum zu zeigen, dass "Orgel viel mehr sein kann als nur Kirche. Man vergisst oft, dass man auch Jazz mit der Orgel spielen kann, oder dass es viel Repertoire mit Orchester gibt. Daher bin ich froh, dass ich nächstes Jahr einige Engagements mit Orchestern habe. Ich sehe das als große Chance, dem Publikum zu zeigen, was es alles gibt." Dem Wiener Publikum präsentierte sich Apkalna im Konzerthaus als souveräne Gestalterin, die bei ungemein farbenreicher Registrierung den Orgelklang plastisch-natürlich zu formen versteht.

Und bei Jean Langlais’ halsbrecherischen Konzertetüden für Pedal solo als phänomenale Virtuosin: Gleichzeitige Triller mit beiden Füßen, zwei synchrone Glissandi in verschiedene Richtungen mit punktgenauem Zielton, vierstimmiges Spielen mit Spitze und Absatz – alles gelingt scheinbar schwerelos und ist zugleich so großartig musiziert, dass ein bekannter Wiener Professor, der Generationen von Organisten ausgebildet hat, meinte, so eine technische Perfektion und eine solche Persönlichkeit habe er noch nie erlebt.

Apkalna gibt sich indessen bescheiden und humorvoll: "Als junges Mädchen habe ich viel getanzt, auch Wettbewerbe, das war eine große Liebe. Deswegen kam die Pedaltechnik sehr ,organisch‘. Und in meiner ersten Fahrstunde meinte übrigens der Lehrer, drei Pedale und sonst noch verschiedene Schalter zu bedienen – das sei jetzt sicher etwas wirklich Schwieriges für eine Blondine. Da konnte ich ihn beruhigen, dass ich jeden Tag mindestens 28 Pedale und vier Manuale betätige ..." (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 25.04.2007)

  • Die lettische Instrumentalistin Iveta Apkalna:  "Orgel kann viel mehr sein als nur Kirche..."
    foto: urban

    Die lettische Instrumentalistin Iveta Apkalna: "Orgel kann viel mehr sein als nur Kirche..."

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