Haufenweise "zufällig" verlegte Dokumente

18. April 2008, 12:07
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Vom toten Fisch im Geschenkspapier: Beschäftigte rächen sich an ungerechten Chefs - ein derStandard.at-
Interview mit Buchautorin Susanne Reinker

Rache statt Streik: Heutige ArbeitnehmerInnen würden immer häufiger zu subtilen Protestmitteln gegen ihre Vorgesetzten greifen, meint Susanne Reinker, Autorin des im Econ Verlag erschienen Buchs "Rache am Chef". Die Chefs seien sich viel zu wenig bewusst, welchen finanziellen Schaden die täglichen Denkzettel ihrer Beschäftigten anrichten können, meint Reinker im Gespräch mit Maria Sterkl. Vor allem in Kleinbetrieben könnten Sabotageakte existenzgefährdend wirken.

derStandard.at: Der Chef sitzt immer am längeren Ast. Richtig?

Reinker: Nein. Auch der Mitarbeiter hat Macht.

derStandard.at: Aber nur Vorgesetzte können kündigen.

Reinker: Es stimmt, dass der Mitarbeiter bei offenen Konflikten schlechte Karten hat, was Gehaltserhöhung und Beförderung betrifft, und dass er sich vor einer Kündigung fürchten muss. Gleichzeitig ist der Chef aber darauf angewiesen, dass seine Mitarbeiter gute Leistungen bringen. Davon hängt nämlich ab, ob er bei seinen eigenen Vorgesetzten als fähig oder unfähig gilt. Das heißt: Wenn sich die Mitarbeiter in den typischen unausgetragenen Konflikten mit dem Vorgesetzten stillschweigend auf stillen Boykott einigen, hat ihr Chef schnell schlechte Karten, was seine eigene Karriere betrifft. Schließlich bekommt er sein Chefgehalt nicht zuletzt dafür, dass er bei seinen Leuten für möglichst große Leistungsbereitschaft sorgt.

derStandard.at: Selbstständige UnternehmerInnen haben aber keine Vorgesetzten.

Reinker: Selbstständige UnternehmerInnen müssen zwar nicht um ihren Aufstieg bangen. Aber dafür droht der unwiderrufliche Abstieg: Kollektiver "Dienst nach Vorschrift" ist eine große Gefahr - besonders im hart umkämpften Dienstleistungssektor, aber auch in Handwerksbetrieben. Die dadurch ausgelöste Kundenflucht kann kein Kleinbetrieb auf Dauer verkraften.

derStandard.at: Sie sprechen von "Rache am Chef". Welche Racheakte kennen Sie?

Reinker: Besonders beliebt: verdeckter Bummelstreik, "Verlegen" wichtiger Dokumente und "Vergessen" entscheidender Termine, Lästern über die Firma, Hinweise auf Verfehlungen des Chefs an die Firmenleitung, Liegenlassen brandeiliger Angelegenheiten, teilweise oder falsche Erledigung von Arbeitsaufträgen, gezielte Fehlinformation, Frisieren von Spesenabrechnungen und Überstundenkonten, Korrektur zu niedriger Gehälter durch Sachmitnahmen, vom Kopierpapier bis hin zu kompletten Kundendateien zum späteren Weiterverkauf. Gelegentlich macht Rache richtig Schlagzeilen: "Mitarbeiter legt mit E-Mail-Bomben Computeranlage tagelang lahm", "Mitarbeiter lässt schwarze Kassen seiner Firma auffliegen", oder "Mitarbeiter will Profikiller auf seinen Ex-Chef ansetzen". Aber das Gros der Racheaktionen findet im Verborgenen statt, in Gestalt unzähliger kleiner giftiger Denkzettel.

derStandard.at: Bekommen die Chefs das mit?

Reinker: Sie wundern sich möglicherweise über gehäuftes Missgeschick und seltsame Inventurdifferenzen in ihrer Abteilung, und ärgern sich über ihre "inkompetente Truppe". Aber dass all diese Phänomene nachweislich zu einem bedeutenden Teil auf ihre eigenen Führungsschwächen zurückzuführen sind – auf diesen Gedanken kommen sie nur selten. Kaum ein Chef hält es für notwendig, sich ernsthaft mit den Folgen mangelhafter Personalführung zu beschäftigen.

derStandard.at: Welche Folgen haben diese Aktionen für das Unternehmen?

Reinker: Sie kosten immens viel Geld. Das wird aber erst klar, wenn man die vielen verschiedenen "Bagatellschäden" erstens überhaupt erst bemerkt, zweitens in Euro und Cent schätzt und drittens aufaddiert – was so gründlich nie passiert, weil es in der Rechnung einfach zu viele Unbekannte gibt.

derStandard.at: Gibt es Schätzungen?

Reinker: Experten gehen davon aus, dass die Produktivität eines Unternehmens zu bis zu 30 Prozent vom Betriebsklima abhängt. Einfacher ausgedrückt: Mit Denkzetteln können frustrierte Mitarbeiter die Leistung ihres Unternehmens um nicht weniger als ein Drittel schwächen. Und in dieser Rechnung sind die Kosten für die Beseitigung von Sabotageschäden noch gar nicht drin.

derStandard.at: Wird in den Betrieben heute mehr gerächt? Sozusagen "innerer Protest statt offener Streik"?

Reinker: Zwar erzählt kaum jemand offen von Racheaktionen, aber trotzdem spricht einiges für die Vermutung "Guerillakrieg statt Streikaktion": Die Gewerkschaften verlieren an Einfluss, gleichzeitig ist die innere Kündigung zum Massenphänomen geworden. Der Widerstand ist ganz unauffällig, leicht und ohne Kampfgefährten machbar – dank Internet. Da gibt es nur paar Mausklicks entfernt Informationen, Tipps und Hilfsangebote rund um die Schikane von oben, anonymisierte Meinungs-Blogs, E-Mail-Bomben und SMS-Bomben zum Bestellen oder Runterladen, private Racheanregungen bis zur Schmerzgrenze und weiter. Es gibt sogar kommerzielle Rache-Websites, über die man seinem Chef ganz bequem und anonym kleine Denkanstöße zukommen lassen kann, bis hin zum toten Fisch in Geschenkpapier.

derStandard.at: Wie sehen die Chefs aus, die typische Opfer von Racheakten sind?

Reinker: Die Racheforschung - in den USA ein etablierter Forschungszweig - zeigt: Wenn ein Vorgesetzter einen Mitarbeiter absichtlich immer wieder und vor anderen schikaniert, muss er mit Rache rechnen. Der drangsalierte Mitarbeiter wird sich zwar nicht umgehend rächen, aber immer wieder so handeln, dass er den anderen gegenüber das Opfer-Image abschüttelt und selbst wieder ins Gleichgewicht kommt.

derStandard.at: Viele Vorgesetzte meinen, ihre Beschäftigten brauchten ein gewisses Maß an Druck, um besser und schneller zu arbeiten. Teilen Sie diese Ansicht?

Reinker: Nein. Druck braucht niemand - es ist lange erwiesen, dass Druck ein Stressfaktor ist, der Leistung letztlich nicht steigert, sondern verringert. Übersteigerte Kontrolle ist genauso schlimm, denn systematisches Misstrauen von oben treibt selbst dem motiviertesten Mitarbeiter auf Dauer den Spaß am Job aus.

derStandard.at: Was können Chefs tun, um Racheaktionen zu vermeiden?

Reinker: Sie sollten ihre Mitarbeiter nicht nur fordern, sondern auch fördern. Und sie könnten versuchen zu erfahren, inwieweit sie gefährdet sind – zum Beispiel durch eine professionell konzipierte, anonymisierte Umfrage unter den Mitarbeitern. Oder durch die aufmerksame Lektüre von Fachbüchern für Führungsfragen, die vorhandene Defizite erkennbar machen - die nötige Bereitschaft zur Selbstkritik vorausgesetzt. Die Chefs könnten sich wenigstens gelegentlich eine Fortbildung zum Thema gönnen. Sie könnten grundsätzlich daran denken, dass die Minimalstandards der Bereiche Höflichkeit und Respekt auch für den Umgang mit Mitarbeitern gelten und von diesen auch erwartet werden: Ein Mitarbeiter, der von seinem Chef herablassend und verächtlich behandelt wird, fühlt sich, moralisch gesehen, völlig im Recht, wenn er sich rächt. Und ein kleiner Tipp: Eine rechtzeitig ausgesprochene Entschuldigung hat so schon manche Racheaktion verhindert.

derStandard.at: Welche Rachestrategien haben Sie in Ihrer eigenen Vergangenheit als Arbeitnehmerin angewendet?

Reinker: Die Kennerin genießt und schweigt.

derStandard.at: Glauben Sie, dass je ein Unternehmen Sie wieder anstellen wird?

Reinker: Wer weiß, kann schon sein, dass die jetzt alle Angst haben, ich könnte mich unter einem minderbegabten Chef klammheimlich in einen Racheengel verwandeln (lacht). Aber vielleicht gibt es ja die eine oder andere mutige Firmenspitze: Als Coach für Personalmanagement wäre ich garantiert eine sehr gute Partie. (Maria Sterkl, derStandard.at, 24.4.2007)

  • Streng vertraulich im Müllschlucker: Die unterschätzte Macht der Beschäftigten
    foto: xerox

    Streng vertraulich im Müllschlucker: Die unterschätzte Macht der Beschäftigten




  • Zur Person
Susanne Reinker war Pressesprecherin und PR-Managerin in der Filmbranche, bis sie sich als Buchautorin selbstständig machte. Auf der Basis ihrer Erfahrungen mit diversen Arbeitsstrukturen schreibt sie heute Ratgeber für Berufstätige. Vor kurzem erschien im deutschen Econ-Verlag ihr Buch "Rache am Chef"
    foto: privat

    Zur Person
    Susanne Reinker war Pressesprecherin und PR-Managerin in der Filmbranche, bis sie sich als Buchautorin selbstständig machte. Auf der Basis ihrer Erfahrungen mit diversen Arbeitsstrukturen schreibt sie heute Ratgeber für Berufstätige. Vor kurzem erschien im deutschen Econ-Verlag ihr Buch "Rache am Chef"

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