Kolossal ausgarniert

20. April 2007, 17:00
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Buffet Kolosseum: Das letzte Buffet Wiens war schon Geschichte - Jetzt aber gibt es die Mayonnaise- Brötchen vom Alsergrund, "unverändert seit 80 Jahren", doch wieder - Ein Wunder!

Links vom Eingang steht die Schank, mit Marmor verkleidet, mit Almdudler, Frucade und Cola, die fein säuberlich in die vernickelte Vitrine geschlichtet sind. An der Stirnseite ist die Budel, auch sie ein Monument aus Marmor, auch sie mit vernickelten Vitrinen, befüllt mit chemisierten Schinkenrollen, mit Mayonnaise-Eiern, Lachs-Eiern, Fisch- und Wurstsalat, mit Kaviar- und Lachsersatz-, mit Thunfisch-, Sardinen- und Sardellenbrötchen, mit Schinken-, Wurst- und Schwedenbrötchen, vor allem aber mit dem legendenumwobenen "Jägersandwich": einer Schwarzbrotscheibe, belegt mit Frühstücksspeck, Sardine, Käse, Ei und, ja doch, Salami. Stilecht mit Tubenmayonnaise, Gurkerl und Paprika-Wurli ausgarniert, dass einem das Herz aufgeht vor wirtschaftswunderlicher Kombinatorik. Vom Fass gibt es Ottakringer und Budweiser, im Kühlschrank wartet Henkell-Sekt auf einen Grund zum Feiern. Den gibt es jetzt, das Buffet Kolosseum ist am Dienstag nach Ostern nämlich wieder auferstanden.

Die 1928 gegründete Institution war seit Jahrzehnten ein kaum beachtetes, in keinem Lokalführer vermerktes, gleichwohl einzigartiges Relikt der klassischen Moderne, in dem es die für viele "besten Mayonnaisebrötchen Wiens" (mit wirklich gutem Weißbrot!) gab - was, zugegeben, wohl eine gewichtige, kulinarisch aber nachrangige Kategorie darstellt.

So viele Stammgäste

Mit Ende März gab Brigitte Freund das Buffet aus familiären Gründen ab, nachdem sie es seit 1977 betrieben hatte - das Ende schien gewiss: Wer sollte wohl ein Lokal mit wunderschönem, streng geometrischem, aber halt mehr als zerleppertem Fliesenboden, mit nicht gekühlten Vitrinen, mit einem Angebot wie aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts (bestenfalls) und einem Publikum, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus Tranklern im Pensionsalter bestand, übernehmen - nur weil es so wehmütig vorvorgestrig daherkam?

Niemand. Markus Csenar, der in Ottakring ein Wirtshaus und in der Leopoldstadt eine Betriebsverpflegung betreibt, las das Inserat, schaute sich die Bilanzen an - und schlug zu. "Die Umsätze waren ansehnlich", erklärt er dem bass erstaunten Besucher, "so viele Stammkunden würden sich viele Wirtshäuser wünschen." Na dann. Dazu konnte Csenar sich der Mitarbeit der einstigen Pächterin versichern, womit es auch die "seit Gründung" unveränderten Rezepturen der Sandwiches weitergibt. Eine Vitrinenkühlung wurde eingebaut. Die unfassbar günstigen warmen Speisen (Faschierte Laberl, G'röste, Salat um € 4,20) gibt es auch noch. Danke! Und: Denkmalamt! (Severin Corti/Der Standard/rondo/20/04/2007)

Buffet Kolosseum
Nußdorfer Str. 4
1090 Wien
Tel.: 01/317 51 07
Di-Sa 7.30-19.30 Uhr
Brötchen € 1,20-1,50, warme Speisen € 1,80-5,70
  • Die Klassische Moderne hat in Wien als Brötchenbuffet überlebt
    foto: gerhard wasserbauer

    Die Klassische Moderne hat in Wien als Brötchenbuffet überlebt

  • Neben dem Trzesniewski in der Innenstadt auch in der Nußdorfer Straße, wo das "Buffet Kolosseum" trotz Neuübernahme unverändert weiterexistieren darf
Fotos: Gerhard Wasserbauer
    foto: gerhard wasserbauer

    Neben dem Trzesniewski in der Innenstadt auch in der Nußdorfer Straße, wo das "Buffet Kolosseum" trotz Neuübernahme unverändert weiterexistieren darf

    Fotos: Gerhard Wasserbauer

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