Ein Sprung in die Peripherie

24. April 2007, 13:38
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Hamburg schmiedet große Pläne. Mit der Internationalen Bauausstellung 2013 soll die in Vergessenheit geratene Elbinsel endlich an die Stadt angebunden werden

IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg erklärt im Gespräch mit Wojciech Czaja die strategischen Schritte.

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STANDARD: Ihr Vorgänger hat die Latte bei der IBA Emscher Park sehr hoch gelegt.

Uli Hellweg: Jede IBA steht in der Erwartungshaltung zu einem Paradigmenwechsel und möchte einen wichtigen Beitrag leisten. Die Latte ist eigentlich immer sehr hoch gelegt. Die Frage, der sich nun Hamburg widmen wird, lautet: Wie lebt die moderne Stadtgesellschaft des 21. Jahrhunderts? Und was heißt Stadt in den Flickenteppichen städtischer Peripherien?

STANDARD: Was sind die Probleme der Hamburger Peripherie?

Hellweg: Der Stadtteil, der nun Bestand der Internationalen Bauausstellung 2013 ist, hat mit einem Cocktail an typischen Problemen zu kämpfen: große stadttechnische Infrastrukturen, Versorgungsanlagen und Splittersiedlungen. Die Vorteile wiederum sind ökologische Vielfalt, interessante Nischenkultur und innovative ökonomische Initiativen. Wir wollen aus diesen heterogenen Rahmenbedingungen eine Stärke der Elbinsel machen.

STANDARD: Die Ziele, die Sie sich setzen, sind hoch gesteckt. Da erwartet Sie in den kommenden Jahren ja eine regelrechte Lawine an Konkretisierungsmaßnahmen.

Hellweg: Ja, aber wir mussten mit der IBA Hamburg ja nicht bei null anfangen. Die konzeptionelle Grundlage war von Oberbaudirektor Jörn Walter schon in den vergangenen Jahren mit dem Konzept des "Sprungs über die Elbe" gelegt. Dieses Konzept ist durchaus revolutionär. Denn erstmals seit fast hundert Jahren richtet sich der Fokus der Stadtentwicklung auf den Stadtteil Wilhelmsburg auf der Elbinsel – übrigens die größte Flussinsel Europas.

STANDARD: Was kann man sich unter einem Sprung über die Elbe denn genau vorstellen?

Hellweg: Das geografische Herzstück der Stadt, die Elbinsel Wilhemsburg, blieb bis dato ein blinder Fleck. Die Hamburger Politik hat nun fix beschlossen, das zu ändern. Es gibt ein paar Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, einige Großsiedlungen und Einfamilienhausgebiete aus den Siebzigerjahren, dazwischen Autobahnen, Gewerbegebiete und Mülldeponien. Unterm Strich: Peripherie vom Feinsten. Wir sprechen immerhin von 45 Quadratkilometern. Einziger Nachteil: Die Anbindung der Elbinsel an die Hamburger Innenstadt ist noch verbesserungsbedürftig.

STANDARD: Was wird in den nächsten Jahren passieren?

Hellweg: Wir entwickeln gegenwärtig Projekte und Projektideen. Eine große Rolle spielt das Thema Bildung. Denn neue pädagogische Konzepte brauchen auch eine neue Schularchitektur. Wir werden die Mauern des alten Schulmodells im wahrsten Sinne des Wortes einreißen. Daneben entwickeln wir zusammen mit den örtlichen Wohnbaugesellschaften Modelle des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen. Bei allen Projekten wird ein besonderer Fokus auf den Klimaschutz gerichtet. Außerdem werden Bauprojekte mit und auf dem Wasser realisiert. Last, but not least ist auch die Internationale Gartenschau 2013 zu erwähnen, die wir mit unserer Schwestergesellschaft IGS GmbH gemeinsam vorbereiten.

STANDARD: Sind Zwischennutzungen geplant?

Hellweg: Ja, es gibt eine Dramaturgie für die kommenden Jahre. Im Herbst werden wir die ersten IBA-Projekte in Ausstellungen präsentieren und zur Diskussion stellen. Außerdem wird es ein Kulturprogramm geben, das die Attraktivität der Vielfalt auf der Elbinsel zeigen wird. Geplant sind Sportveranstaltungen, Konzerte und Fachtagungen. Mit einem Wort: kulturelle Aufladung.

STANDARD: Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Hellweg: Im Wesentlichen gehen wir von Investitionen seitens Privater aus. Aber natürlich wird ein gewisser Bestandteil auch durch die öffentliche Hand abgedeckt. Im Rahmen eines Sonderbudgets von einer Milliarde Euro der Stadt Hamburg – es nennt sich "Lebenswerte Stadt" – sind vorerst 180 Millionen Euro für IBA und IGS vorgesehen. Weitere öffentliche Mittel müssen natürlich aus dem regulären Haushalt herangezogen werden.

STANDARD: Suchen Sie nach wie vor Investoren?

Hellweg: Ja. Wir intervenieren hauptsächlich über Schlüsselprojekte. Wir sind auf die Gelder von privaten Partnern vollends angewiesen. Nach meinen Erfahrungen sollte das Budget damit auf das Zweieinhalbfache ansteigen.

STANDARD: Szenario Elbinsel im Jahre 2014: Besteht die Gefahr, dass alle Maßnahmen im Nichts verpuffen?

Hellweg: Die Gefahr eines etwaigen Scheiterns ist nicht primär ein wirtschaftliches, sondern ein politisches Problem, etwa wenn sich politische Mehrheiten und Prioritäten ändern. Das haben manche Großprojekte der vergangenen Jahrzehnte gezeigt. Doch ich glaube nicht, dass in Hamburg zu befürchten ist, dass das politische Interesse an diesem Areal nach 2013 schwinden wird. Die kaufmännische Vernunft der Hamburger wird das zu verhindern wissen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22.4.2007)

Mit freundlicher Unterstützung der AZW Architecture Lounge.
  • Uli Hellweg: "Erstmals seit fast hundert Jahren richtet sich der Fokus der Stadtentwicklung auf die Elbinsel. Aus der Vielfalt wollen wir eine Stärke dieses Stadtteils machen."
    foto: czaja

    Uli Hellweg: "Erstmals seit fast hundert Jahren richtet sich der Fokus der Stadtentwicklung auf die Elbinsel. Aus der Vielfalt wollen wir eine Stärke dieses Stadtteils machen."

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