Some Little Istanbuls

25. April 2007, 16:44
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Dass schreibende "Tschuschen" Österreich mit einem Schmäh ertragen, den ihnen der "Wiener Schmäh" gar nicht zutraut, zeigt der Aktionsradius

Wien - Von "Klein Istanbuls" in den Wiener Außenbezirken ist im Wiener Volksmund - meist abwertend - die Rede. Der Begriff "Parallelgesellschaft" steht seit einigen Jahren im Raum und verweist auf ein aktuelles Bedrohungsszenario: Abkapselung vorwiegend muslimischer Zuwanderermilieus, denen vermeintlich jeder Integrationswille fehlt. Der Aktionsradius Wien nähert sich diesem Themenkreis im Mai mit Debatten, "Gastarbeiter-Deutsch"-Literatur, Dia-Shows und Livemusik, die gängige Vorstellungen hinterfragen und aufbrechen sollen.

Istanbul darf nicht Wien werden

Zum Auftakt gibt es am Dienstag, 8. Mai, im Aktionsradius Wien um 19.30 Uhr "Mehmet Emirs Foto-Show 1: Istanbul darf nicht Wien werden". Der Sozialarbeiter und Künstler will den populistischen Slogan "Wien darf nicht Istanbul werden" mit seiner Kamera ad absurdum führen. Am Dienstag, 22. Mai, gibt es dann um 19.30 Uhr "Mehmet Emirs Foto-Show 2: Meine Reise nach Hause", die vom Besuch seines Heimatdorfs im Osten der Türkei erzählt.

Bereits am 26. April wird im Aktionsradius die Ausstellung des Monats "Kinder mit Phantasie - 25 Jahre Kindergalerie Lalibela" eröffnet.

Club Wagabund

Das Café-Restaurant Derwisch (Lerchenfelder Gürtel 29/Hasnerstraße, 1160 Wien) am Gürtel gilt als eine kulturelle Oase in einem der dichtesten Wiener Rotlichtzonen. Es ist zu einem kleinen Zentrum der transkulturellen Begegnungen geworden. Am Freitag, 11. Mai, steht um 20 Uhr der Film "Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul" von Fatih Akin, der die musikalische Vielfalt Istanbuls präsentiert, auf dem Programm. Ab 22 Uhr ist dann die "Vagabund Night" angesagt mit Circus Domino, der perso-austro-arabische Ragga Rumba Combo, DJ Uzak (orient oxident) und DJ Knatterton (balkan gipsy disco). Dazu gibt es diverse kulinarische Spezialitäten der Derwische sowie Shishas, Caj usw.

Eventuell auch parallel?

Eine Podiumsdiskussion zum Thema Parallelgesellschaften findet am Dienstag, 15. Mai, im Aktionsradius Wien um 19.30 Uhr statt. Am Podium werden unter anderem die Migrationsforscherin Reva Akkus, der Wissenschaftler Bernhard Perchinig und eine Vertreterin der Frauenservicestelle Orient-Express erwartet.

Colonia Tirol

Davon, dass es Zeiten gab, in denen es Wirtschaftsflüchtlinge gab, die wie TirolerInnen ausschauten und sprachen erzählt am Dienstag, 29. Mai, um 19.30 Uhr im Aktionsradius Wien die Dia-Show "Colonia Tirol" von Georg Lembergh: Weil sie in den Alpentälern zu verhungern drohten, gründeten TirolerInnen im 19. Jahrhundert oder während der Krise des Jahres 1933 Kolonien in Lateinamerika.

Tarzandeutsch

Dass schreibende "Tschuschen" Österreich mit einem Schmäh ertragen, den ihnen der "Wiener Schmäh" gar nicht zutraut, zeigt sich am Dienstag, 31. Mai, im Equalizent (Obere Augartenstr. 20, 1020 Wien): Goran Novakovic liest aus dem "Vergleichenden Wörterbuch der AusländerInnenologie". Jedes Stichwort wird in dieser Enzyklopädie zweimal erklärt, in der "volkstümlichen" und der "liberal-alternativen" Interpretation.

Der in Teheran geborene Autor Amir P. Peyman entwickelte für seine literarische Figur Tarek Kemal die "Tarek-Sprache", die in seinem Buch "Hunde, Katse oda Maus – Tarek macht dia Doener draus" durchgängig verwendet wird. Es ist eine Kunstsprache, die aber starke Anklänge an das "Gastarbeiterdeutsch" (pejorativ auch "Tarzandeutsch") aufweist. Die Veranstaltung wird in Gebärdensprache übersetzt. Im Anschluss zeigt Equalizent die Video-Eigenproduktion "DiversCD", eine Musikvisualisierung.

Von jedem Bier, das die Gäste im Aktionsradius Wien trinken, gehen übrigens 10 Cent an den Verein "Ute Bock". (red)

Aktionsradius Wien
Gaußplatz 11
1200 Wien
Tel. 332 26 94
www.aktionsradius.at

www.cafederwisch.com

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    foto: aktionsradius wien
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