Keine Waffen für Psychotiker

US-Politiker erwägen Verschärfungen des Waffenrechts, Studien aus Australien und Österreich belegen die Wirksamkeit

Washington/Wien - Eine Minute andächtiger Stille und dann 32 Glockenschläge. Mit diesen Symbolen gedachten am Montag um 9.45 Uhr Ortszeit (15.45 Uhr MESZ) auf dem Gelände der Virginia Tech in Blacksburg die Überlebenden der Toten des Amoklaufs eine Woche zuvor. Nur für den 33. Toten, den 23-jährigen Schützen Cho Seung Hui, läutete keine Glocke - allerdings ist auf dem weitläufigen Campus auch kein überbordender Hass auf Cho spürbar, berichtet die New York Times.

Katastrophen-Tourismus

Die Läden mit Memorabilia der Universität wie Kaffeetassen, Teddybären und Anstecknadeln kommen mit dem Nachordern nicht mehr nach, so schnell kaufen Katastrophentouristen und betroffene Exabsolventen die Ware. Die Studenten selbst verbarrikadierten sich teilweise in ihren Wohnräumen, um Nachfragen der Medien zu entgehen. Ab Montag sollen auch in den Seminaren die traumatischen Erlebnisse aufgearbeitet werden.

Der folgenschwerste Amoklauf der US-Geschichte lässt die Politiker nun an strengere Waffengesetze denken. Im US-Kongress arbeiten Mitglieder der demokratischen Mehrheitsfraktion an einem strikteren Waffenabgabeverbot für psychisch Kranke - ein Vorhaben, für das sich nun auch republikanische Volksvertreter erwärmen können. Der Plan: Die Bundesstaaten sollen finanzielle Unterstützung bekommen, um ihre Listen von Personen, die keine Waffen kaufen dürfen, zu aktualisieren.

Suche auch bei Ebay

Denn Seung Hui konnte beide Tatwaffen legal erwerben, obwohl er in ambulanter psychiatrischer Behandlung war. Einem Bericht der britischen Sun zufolge soll er in kurzer Zeit mindestens 175 Kugeln abgefeuert haben. Die Polizei will nun ermitteln, woher die Munition für das Morden stammte. Ebay-Transaktionen könnten weitere Hinweise liefern, wie lange die Tat bereits geplant war, hofft die Exekutive.

Vertreter der Waffenbesitzlobby sehen dagegen eine Stärkung der eigenen Position. Philip Van Cleave, Vorsitzender des Bündnisses für Bürgerverteidigung von Virginia, führte das Waffenverbot auf dem Campus als Grund für die vielen Todesopfer an. "Niemand konnte sich selbst verteidigen", sagte er.

Statistiken

Ähnlich argumentiert auch die "Interessengemeinschaft liberales Waffenrecht in Österreich" (Ilwö) auf ihrer Webseite. Strengere Gesetze seien der falsche Weg, gerade in den USA sei in den 90er-Jahren die Zahl der Morde trotz gestiegener Schusswaffenzahl gesunken. In Großbritannien, wo es ein Totalverbot für Faustfeuerwaffen gebe, habe sich die Zahl der Morde mit Schusswaffen dagegen fast verdoppelt.

Was die Ilwö in ihrem Statement verschweigt: In Großbritannien gab es im Statistikzeitraum 2005/06 registrierte 765 Morde (1,3 pro 100.000 Einwohner), in den USA laut FBI im Jahr 2004 dagegen 16.138 Delikte (5,4 pro 100.000 Einwohner).

Dass strengere Waffengesetze Morde verhindern, zeigen auch wissenschaftliche Studien. In Österreich untersuchten Nestor Kapusta, Gernot Sonneck und Elmar Ezersdorfer von der Universität Wien die Entwicklungen nach der Verschärfung der Bestimmungen 1997. Ergebnis: Die Zahl der Morde mit Schusswaffen sank um mehr als 67 Prozent. Bei einer vergleichbaren australischen Studie zeigte sich auch, dass kein Ausweichen auf andere Waffen zu beobachten war. (moe, DER STANDARD Printausgabe, 24.4.2007)

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