Kulturkomet in der Wissenswolke

31. Juli 2000, 19:16

Kopf der Woche: Sigrid Löffler kehrt Reich-Ranicki und Co. den Rücken

Es hat von jeher die literarisch zarter angehauchten Seelen verletzt, Bücher vor ein öffentlich-rechtliches TV-Tribunal gestellt zu sehen. Längst aber hatte man sich nach zwölf Jahren Literarisches Quartett in das offenbar Unvermeidliche gefügt. Über fast jedes Buch schöngeistigen Inhalts ließ sich da eine Suada des Wohlwollens wie der Verdammung beliebig ausgießen.

Es nimmt sich daher beinahe grotesk aus, dass die literarische Arbeitsgemeinschaft zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler, den beiden natürlichen Antipoden im launigen Meinungswettstreit, an einer so heiter peinlichen Frage wie der nach der persönlichen Erotik zerbrach.

Denn keine Gretchen-, sondern eine Sigrid-Frage stand beim vorerst letzten Hauen und Stechen der beiden obersten SchiedssprecherInnen unbeantwortet im Studioraum: Allein, wie hält sie's mit der Erotik?

Sendung wohl für immer zerstört

Die schiere Zumutung dieses rhetorischen Ansinnens und der plumpe Versuch einer Disqualifikation der Meinungsmitbewerberin durch den Untergriff in die Schmutzkiste haben die Sendung wohl für immer zerstört. Dass die streitbare Kulturjournalistin mit ihrem Privatleben jemals hausieren gegangen wäre, daran erinnern sich nicht einmal enge WeggefährtInnen. Die 1942 in Aussig an der Elbe geborene, bald nach Wien übersiedelte Löffler heuerte 1968 in der außenpolitischen Redaktion der Presse an, wo sie mit Herausgeber Otto Schulmeister legendäre Sträuße focht.

Ihre Wirkungsjahre verlebte die nicht eben Umgängliche, aber Gedankenklare im profil. Sie stritt dort von 1972 bis 1993 zäh um ihr liberales Meinungsmonopol in Kulturfragen. Sie fütterte ihre häufig hellsichtigen Kommentare mit säuerlichen Bonmots und verätzte die schlampig übergeworfene Schmusedecke der nationalen Eintracht.

FreundInnen schuf sie sich damit wenige, sieht man von Mitstreiterinnen wie der Dichterin Elfriede Jelinek ab. Freizeit, bekannte Löffler, gönne sie sich keine.

Literaturmagazin

Tausende Bücher, die sie in ihre Wiener Dachwohnung hineinstopfte und besessen las (zirka 140 im Jahr), mochten der mit einem Anwalt Verheirateten ersetzen helfen, was andernorts für das "wirkliche Leben" galt. Nicht verschwiegen seien aber die zahlreichen Konflikte, die sie 1993 dem profil entrissen und, sechs Jahre später, auch aus dem Ressortleiterinnensessel des Hamburger Zeit-Feuilletons höchst unsanft herauskippten. Zurzeit tüftelt die nach Berlin Übersiedelte an einem internationalen Literaturmagazin, mit dessen Erscheinen im Herbst zu rechnen ist.

Sich selbst hat Löffler als "Komet mit ständig größeren Informationsstaubwolken" im Schlepptau gesehen. Und wer, außer Reich-Ranicki, fragt einen Kometen schon nach dessen Erotik? Ronald Pohl

Tipp:
Warum ich das "Literarische Quartett" verlasse - Sigrid Löfflers in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Rückzugserklärung

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