"Zwangsarbeiter werden sterben"

30. Juli 2000, 20:56

Rot-Kreuz-Suchdienst bezeichnet Angebot des Innenministeriums als nicht praktikabel

Bad Arolsen/Wien - Nach dem STANDARD-Bericht, wonach ein Erlass des Innenministeriums die Arbeit des Suchdienstes des Internationalen Roten Kreuzes behindert, sagte ein Sprecher zu, dass am Montag Gespräche über eine Lösung aufgenommen würden. Die Behörde, die unter anderem ZwangsarbeiterInnen Bestätigungen für Entschädigungen ausstellt, hatte sich darüber beklagt, dass seit Mai per Erlass des Ministeriums die Einsicht in Meldekarteien aus der NS-Zeit verweigert werde.

Ein Mitarbeiter der Fachabteilung im Innenministerium bestätigte auf Anfrage den Erlass und bot an, dass bei Einreichung von Namenslisten Meldeangaben herausgegeben würden. Für Uwe Jost, Koordinator für die Ordnungsarbeiten beim Suchdienst, ist dies aber "für die Fondslösung nicht praktikabel". Dies bedeute zusätzlichen Aufwand und führe zu Verzögerungen. "Ich gehe davon aus, dass Österreich den Zwangsarbeitern so rasch wie möglich das Geld auszahlen möchte. Mit dem jetzt angebotenen Verfahren wird ein Großteil der Betroffen aber sterben, ohne einen Nachweis erhalten zu haben, um es drastisch auszudrücken."

Einzelne Nachfragen zu zeitaufwendig

So müsste bei allen Anfragen, die beim Suchdienst sukzessive ankommen, einzeln in Österreich angefragt werden. "Das ist zu zeitaufwendig. Deutschland hat deshalb für den Suchdienst eine Ausnahmeregelung von den Meldebestimmungen erlassen, eben weil Zeit ein entscheidender Faktor ist." Melderegister aus der Nazi-Zeit dürften mikroverfilmt werden, um rasch für die NS-Opfer Belege zu finden, so Jost.

Das Ministerium erläuterte, dass im österreichischen Meldewesen nicht vorgesehen sei, Angaben über eine unbestimmte Personengruppe herauszugegeben. Dies gelte auch für Mikroverfilmungen. Auf die Frage, warum 225 Stellen im Osten Österreichs dem Suchdienst bereits Einsicht gewährt hätten, hieß es: "Uns ist nicht bekannt, dass es bisher geklappt hat."

Über den Erlass wurde auch im Ausland berichtet. Die spanische Tageszeitung El Periódico schrieb: "Die österreichische Koalition hat dem Roten Kreuz die Tür zugemacht, damit die Sklaven des Dritten Reiches nicht die notwendigen Belege zur Entschädigung bekommen. Wien macht damit das Entschädigungsgesetz zur Farce." STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid

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