"Eurocrash" als Anagramm

23. April 2007, 17:09
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Wim Vandekeybus gastierte mit "Spiegel" bei den "Tanztagen" im Linzer Posthof

Linz – Die Tanztage im Linzer Posthof präsentieren sich wie jedes Jahr als ein "embedded" Festival. Die Aufführungen sind locker zwischen Kabarett und Konzerten gestreut. Das hat zwar Charme, vermittelt aber auch das Flair von Sonderaktionen im Supermarkt. So fand sich jüngst die neue Produktion Spiegel des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus zwischen Willi Resetarits und einem Theatersport-Ländermatch.

Vandekeybus wird im Sommer auch bei ImPulsTanz zu Gast sein. Mit Spiegel hält der unumstrittene Spitzenkünstler im Gegenwartstanz vor Augen, was das Renommee seiner Company "Ultima Vez" ausmacht. Auf der Website der Truppe ist das Gesicht des Choreografen zu sehen, dem das Wort "Spiegel" in Spiegelschrift quer über das Gesicht aufgemalt ist. In US-Tanzkreisen wurden seine frühen Arbeiten in den 80er-Jahren schnell als "Eurocrash" gebrandmarkt. Virtuosität, wie Vandekeybus sie versteht, dient allerdings nicht dem Vorführen technischen Könnens, sondern einer Radikalisierung der Reflexion über den Körper. Die Tänzerinnen wirken wie Stuntgirls, die Tänzer wie aus Actionfilmen entsprungene Desperados.

In Spiegel zitiert der Choreograf sich selbst, führt seine Arbeit vor, unterstreicht, was von Anfang an wichtig war. So werden Ausschnitte aus Klassikern der jüngeren Tanzgeschichte wie What The Body Does Not Remember (1987), Immer das Selbe gelogen (1991) oder In Spite of Wishing and Wanting (1999) zu einer neuen Komposition zusammengeführt, die erstaunlich gut funktioniert. Keinen Moment entsteht der Eindruck, das Stück sei eine Retrospektive oder ein banales "Best of".

Im Gegenteil, nach aufregenden und berührenden 90 Minuten steht fest, dass Vandekeybus hier, wie freiwillig auch immer, einen etwas ketzerischen Vorschlag macht: dass die Einzelwerke eines Künstlers dekonstruierbar sind, die Teile aber auch ausgetauscht und nach verschiedenen Prinzipien neu zusammengebaut werden können. Und dass diese anagrammatische Eigenschaft kein Armutszeichen, sondern ein Qualitätsmerkmal der ursprünglichen Werke darstellt.

Das erinnert an die französische Autorin Christine Angot, die sich in Mathilde Monniers großartigem Stück La Place du singe, das gerade im Tanzquartier Wien zu sehen war, auf die Bühne zitieren lässt und da aus ihren Texten zitiert, parallel zu Monnier, die ihr gestische Negative von Zitaten entgegenhält. Die Autorin hat sich zerlegt und in einem anderen Zusammenhang neu zusammensetzen lassen. So werden die Texte zur Figur, und die Figur wird zum Text, der die Autorin auf der Bühne als Darstellerin autorisiert.

Mit Kompilation oder Samp-ling hat das nichts mehr zu tun, auch nicht mit persiflierendem Zitieren wie bei Scary Movie von Keenen Ivory Wayans. Es ist eher so, als ob David Lynch aus seinen bisherigen Filmen einen neuen montieren würde oder in einem Theaterstück einen Monolog über verlorene Straßen hielte. Das Anagramm ist wiederentdeckt! Hoffentlich wirkt das ansteckend. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.4.2007)

  • Artikelbild
    foto: wim vandekybus /danny willems
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