Strom ohne Kohle

24. April 2007, 00:01
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Der Klimawandel macht das Energiesparen nöti­ger denn je – Ökostrom hat großes Potenzial, doch der Ausbau in Österreich stockt

Winter ohne Schnee, Sommer mit Trockenheit und Dürre, Pole und Gletscher schmelzen, tropische Stürme auch in unseren Breitengraden - der oscargekrönte Klima-Krimi "Eine unbequeme Wahrheit" des amerikanischen Beinah-Präsidenten Al Gore verheißt nichts Gutes: Im Mittelpunkt des viel diskutierten Werkes von "Goracle" stehen die Themen Klimawandel und Klimaschutz. Ersteres scheint nicht mehr zu stoppen, Letzteres knüpft an einen Trend, an ein langsames Umdenken an. Das Klimabewusstsein wächst.

Die Reserven fossiler Energieträger wie Kohle oder Erdöl sind endlich. Bei ihrer Verbrennung wird CO2 freigesetzt, das zu einem Großteil für die Erderwärmung verantwortlich ist. Energie aus Sonne, Wind oder Biomasse schaden dem Klima dagegen nicht. Entgegen dem landläufigen Vorurteil ist Ökostrom heute in aller Regel nicht mehr spürbar teurer, als aus Kohle oder in Atomkraftwerken erzeugter Strom. Im Gegenteil, gerade Haushalte im Versorgungsgebiet der teureren traditionellen Stromversorger können durch den Wechsel zu Ökostrom nicht nur ihr Gewissen entlasten, sondern auch ihre Brieftasche, sofern mit dem Energieverbrauch auch sorgsam umgegangen wird.

Rückenwind aus Brüssel

Die Staats- und Regierungschefs der EU unter Führung von Ratspräsidentin Angela Merkel einigten sich kürzlich in Brüssel auf eine Kürzung des Treibhausgas-Ausstoßes sowie auf den Ausbau der Ökoenergie. Der EU-Gipfel beschloss damit weltweit erstmals verbindliche Vorgaben für die Zeit nach Auslaufen des Klimaschutzabkommens von Kyoto 2012: Bis 2020 will die EU de n Ausstoß der gefährlichen Treibhausgase im Vergleich zu 1990 um ein Fünftel kappen. Der Anteil von Energie aus Sonne, Wasser, Wind und Biomasse soll bis dahin mit 20 Prozent verdreifacht werden.

Ein frommer Vorsatz. Um das Kyotoziel in Österreich zu erreichen, bräuchte es 2000 bis 3000 Windräder. Technisch machbar, so Peter Molnar, Geschäftsführer Stromvertrieb bei der oekostrom AG, praktisch derzeit aber nicht realisierbar. Molnar: "Der Bau von Windkraftanlagen ist von Förderungen abhängig." Die Problematik: Der Fördertarif wurde um drei Prozent gekürzt, gemeinsam mit der VStraffung der Förderdauer von 13 auf zehn Jahre ergibt sich insgesamt eine Kürzung von rund 20 Prozent. Entstanden in den letzten Jahren jährlich insgesamt an die 200 Windräder, so wurde im heurigen Jahr bislang kein einziges errichtet.

Der jährliche Stromverbrauch in Österreich liegt bei 68.000 GWh. Pro Jahr steigt er um etwa zwei Prozent. Um diesen Energiehunger ohne den Bau von Windrädern, Biomasseanlagen und Wasserkraftwerken zu sättigen, müsste der Strom verstärkt importiert werden. Den größten Anteil mit 12.000 GWh liefert heute bereits Deutschland, 6000 GWh nehmen österreichische Netze aus Tschechien auf. Was auf diese Weise hierzulande aus der Steckdose kommt, ist weder rot noch grün, seine Herkunft für den Endverbraucher vorerst also nicht erkennbar. Molnar gibt zu bedenken: "Das nächstgelegene tschechische Kraftwerk zu Österreich ist Temelin."

Molnar bemängelt aber nicht nur die zu geringen Fördertöpfe für Ökostrom seitens der Politik, sondern sieht noch weitere Ungereimtheiten: Während die Kosten für den Ökostromausbau im Jahre 2005 bei 136 Millionen Euro lagen, verzeichneten die Öleinfuhren einen Wert von 1.400 Millionen Euro. Überhaupt ist die öffentliche Wahrnehmung in punkto Ökostrom mitunter diffus oder dem Vorwurf, er sei zu teuer, ausgesetzt. So liegen die Prognosen für die Förderungs-Kosten weit höher als sie tatsächlich sind. 2006 lagen die Voraussagen bei 373 Millionen Euro, tatsächlich betrug die Förderung 251 Millionen Euro - immerhin eine stattliche Differenz von 122 Millionen Euro.

Strom erhält Stammbaum

Seit 1. Mai 2005 müssen alle Stromlieferanten in Österreich die Herkunft des Stroms an die Endverbraucher auf den Stromrechnungen und als Anhang zum Geschäftsbericht übersichtlich deklarieren. Die oekostrom AG hat als erstes österreichisches Unternehmen die EU-konforme Kennzeichnungspflicht umgesetzt (siehe untere Grafik). Neben dem Gütesiegel "100% Ökostrom" von arsenal research ist das Unternehmen auch mit dem Österreichischen Umweltzeichen "Grüner Strom" ausgezeichnet.

Seit der Liberalisierung des Strommarktes haben 200.000 Österreicher den Anbieter gewechselt. Acht Prozent beziehen Ökostrom.

Die oekostrom AG zählt 8000 Kunden, Tendenz stark steigend. Dennoch sieht Molnar weiteren Aufklärungsbedarf: "Manche denken immer noch, bei einem Wechsel des Stromanbieters wird der Stromzähler ausgewechselt oder die Stromversorgungsqualität ändert sich. Alles nicht wahr. Nach Vertragsunterzeichnung erledigt die oekostrom AG alle mit dem Lieferantenwechsel verbundenen Formalitäten." Etwa zwei Monate danach wird Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energiequellen einspeist.

Kostenfaktor und Mehrwert

Der Durchschnittsfamilie kostet Strom ca. 600 Euro im Jahr, für Ökostrom würde man 60 bis 120 Euro mehr zahlen, das sind in der Woche etwa plus zwei Euro. Der Mehrwert: Kein Co2-Ausstoß, keine Abhängigkeit vom Ausland. "Ein Durchschnittshaushalt, der auf Ökostrom umstellt, erspart der Umwelt jährlich eine Belastung mit 1.300 kg CO2-Ausstoß im Vergleich zur Produktion des österreichischen Kraftwerksmixes", erläutert Molnar. Zum Vergleich: Diese Einsparmenge können Kleinwagenbesitzer erzielen, wenn sie auf eine Fahrtstrecke von 10.000 Kilometer verzichten. (Sigrid Schamall)

  • Alles fließt - der Strom trägt keine Farbe, woher er kommt und ob er "grün" ist, erkennt der Endkunde erst an der Stromrechnung.
    foto: derstandard.at

    Alles fließt - der Strom trägt keine Farbe, woher er kommt und ob er "grün" ist, erkennt der Endkunde erst an der Stromrechnung.

  • Stromerzeugung in Österreich
    grafik: oekostrom ag/e-control

    Stromerzeugung in Österreich

  • Stromkennzeichnung bei der oekostrom AG
    grafik: oekostrom ag

    Stromkennzeichnung bei der oekostrom AG

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