"Keine Unternehmen zweiter Klasse"

24. September 2007, 15:00
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Entrepreneure mit Migrationshintergrund unterscheiden sich einem "Gastarbeiter"-Image zum Trotz laut Studie kaum von den heimischen GründerInnen

"Ich hatte es leichter," sagt Slawa Bokowy, "ich habe hier in Wien auf der Wirtschaftsuni studiert, hatte schon die Unternehmerprüfung und habe auch verschiedene Kurse absolviert." Für die Umsetzung ihrer Geschäftsidee, ein polnisches Delikatessengeschäft, brauchte sie drei bis vier Monate "weil ich auch die deutsche Sprache sehr gut spreche." Parallel zur Auswahl der Lieferanten in Polen erfolgten die Gründungsschritte in Österreich. Seit drei Jahren führt Slawa Bokowy nun erfolgreich ihren Laden. Dass er funktionieren würde, hat sie sich gedacht, "weil hier viele Polen leben." Ihre Landsleute kommen in die Lassallestraße oder in die Filiale in der Langobardenstraße, um die direkt aus Polen importierten Waren - Wurst, Kuchen, Brot, Bier oder auch Zeitungen - einzukaufen, "auch wenn sie schon dreißig Jahre in Österreich leben."

Viele Gründer aus Deutschland

Slawa Bokowy zählt zur großen und äußerst heterogenen Gruppe der GründerInnen. 8.288 Firmen wurden laut Wirtschaftskammer im Jahr 2006 neu ins Leben gerufen. 65 Prozent davon von Österreichern und Österreicherinnen, der Rest hauptsächlich von UnternehmerInnen aus Polen, der Slowakei und Deutschland.

Die GründerInnen mit Migrationshintergrund nahm die KMU-Forschung Austria in der Studie "Entrepreneurship von Personen mit Migrationshintergrund" für das AMS gemeinsam mit dem Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft im Vorjahr genauer unter die Lupe. Übrigens zum ersten Mal in Österreich, so Studienautor Schmid. Erstaunlich spät, könnte man meinen, ob der Tatsache, dass Österreich seit geraumer Zeit als Einwanderungsland gelten darf. "Ja, aber man kann sagen, dass jetzt eine kritische Masse erreicht ist, dass migrantische Unternehmen jetzt wahrnehmbar werden. Das geht über den Kebabstand um die Ecke und den Obststand hinaus", so Schmid.

Mini-Gründerwelle

Der Anteil dieser Unternehmen stieg seit den 80er Jahren beachtlich von 3,2 im Jahr 1981 auf 7,1 Prozent 2006. (Die Zahl der Selbstständigen mit österreichischer Staatsbürgerschaft nahm im gleichen Zeitraum von 220.000 auf knapp 260.000 zu). "Es gab eine Mini-Gründerwelle in den 90 Jahren", sagt Kurt Schmid vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw). Zurückzuführen sei diese auf den erhöhten Zuzug durch den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, aber auch auf die Gewerberechtsnovelle, die jenen die Unternehmensgründung erleichterte, die ihre Ausbildung aus dem jeweiligen Heimatland mitgebracht hatten.

Rund 40 Prozent der zur Volkszählung 2001 festgestellten 19.800 Selbstständigen mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft kamen übrigens aus einem westeuropäischen Land, der Großteil aus Deutschland. "Wenn man von MigrantInnenbetrieben spricht, so hat man ein bestimmtes Bild und das ist nur ein Teil der Realität," betont Schmid. Wie heterogen die Gruppe der migrantischen Selbstständigen ist, zeigt sich schon daran, dass laut Volkszählung 2001 nicht weniger als 87 verschiedene Staatsbürgerschaften aufgelistet sind. Rund 40 Prozent der GründerInnen kommen aus einem osteuropäischen Land (inkl. der Türkei) und die restlichen 20 Prozent teilen sich auf eine Vielzahl anderer Staaten auf. Argentinien, Mexiko und Liechtenstein wird da ebenso genannt wie Armenien, Jordanien, Malta, Bangladesch und Griechenland. Dazu kommen noch etwa die 19.000 Selbstständigen, die im Ausland geboren wurden, aber mittlerweile eine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen.

Die Beratungen der Wirtschaftskammer werden beim Gründungsprozess als durchaus hilfreich empfunden, fand Irene Mandl von der KMU-Forschung Austria heraus. Allerdings gäbe es kaum mehrsprachige und nicht ausreichend aktualisierte Leitfäden. Ein Faktum, das Slawa Bokowy eher aus ihrem Umfeld kennt: "Für jemanden, der nicht so gut Deutsch kann, ist es kompliziert." Eigentlich hatte sie gar nicht vor, ein Unternehmen zu gründen. Aber nach der Babypause sagt sie, habe sie lange vergeblich einen Job gesucht. Ein Motiv, das laut Studienautorin Mandl übrigens keineswegs zu den wichtigsten Gründen zählt: "Hauptsächlich geht es um Selbstverwirklichung."

"Gastarbeiter"-Image

Die Branchenverteilung ist grosso Modo wie bei den InländerInnen: "Die Überraschung ist eigentlich eher die Ähnlichkeit" fasst Kurt Schmid die Ergebnisse der Studie zusammen. Umfangmäßig dominieren der Handel (inkl. Reparatur von Kfz und Gebrauchsgütern), das Realitätenwesen (inkl. Der Unternehmensdienstleistungen) und die Gastronomie. Auch was die Betriebsgröße betrifft, so gibt es keine nennenswerte Unterschiede: "Sie sind vielleicht einen Tick kleiner." "Was die konjunkturelle Entwicklung betrifft, sind die Unternehmen jenen heimischer GründerInnen vergleichbar", ergänzt Irene Mandl: "Diese Firmen sind keine Unternehmen ‚zweiter Klasse’". Eine Annahme, die es in Österreich durchaus gebe, so Mandl: "Es gibt ein Gastarbeiterimage auch im Unternehmensbereich." (Regina Bruckner)

  • Einkaufen aber auch Kaffee trinken und plaudern kann man bei Slawa Bokowy. Hier die Filiale in der Lassallestraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk.
    foto: derstandard.at

    Einkaufen aber auch Kaffee trinken und plaudern kann man bei Slawa Bokowy. Hier die Filiale in der Lassallestraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

  • Am Freitag ist im Geschäft viel los, da kommt frische Ware direkt aus Polen. Die Leute kommen auch noch, wenn sie schon dreißig Jahre in Österreich leben.
    foto: derstandard.at

    Am Freitag ist im Geschäft viel los, da kommt frische Ware direkt aus Polen. Die Leute kommen auch noch, wenn sie schon dreißig Jahre in Österreich leben.

  • Slawa Bokowy in ihrem Geschäft. Die Selbstständigkeit war nicht unbedingt ihr Traum.
    foto: derstandard.at

    Slawa Bokowy in ihrem Geschäft. Die Selbstständigkeit war nicht unbedingt ihr Traum.

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