Unterm Damoklesschwert

23. April 2007, 11:20
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Das Klischee, dass die häufigste neurologische Erkrankung bei jungen Erwachsenen zwangsläufig im Rollstuhl endet, hält sich hartnäckig - Zum Glück ist dem aber nicht so

"Muss ich in den Rollstuhl?" Mit dieser ersten Frage konfrontieren Patienten ihren Arzt, wenn sie von der vorerst niederschmetternden Diagnose Multiple Sklerose erfahren. "Das Damoklesschwert Rollstuhl trifft maximal ein Viertel der Patienten", weiß Thomas Berger von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. Die anderen 75 Prozent der Erkrankten zeigen eine große Bandbreite an möglichen Symptomen.

Leben mit der Unsicherheit

Nicht umsonst wird die MS daher im Volksmund auch gerne die "Erkrankung mit den tausend Gesichtern" genannt. "Das spezifische Problem der Multiplen Sklerose ist der große Unsicherheitsfaktor. Es kann alles sein, muss aber nicht", weiß Elke Knauder, klinische Psychologin und Psychotherapeutin von der MS-Gesellschaft in Wien. Das macht die Akzeptanz der Erkrankung von Anfang an besonders schwer, da sich bei jedem akuten Schub der Patient immer wieder ganz neu auf die Erkrankung einstellen muss.

Suche nach Markern

Prognosen zu zukünftigen Behandlungsmöglichkeiten wagt daher bis heute keiner, doch Visionen gibt es. "Wir sind auf der Suche nach Markern im Blut, um den Krankheitsverlauf voraussagen zu können. Nur so kann man die Therapie für MS-Kranke individualisieren", erklärt Berger, der die viel versprechenden biologisch aktiven Antimyelin-Antikörper im Blut von Patienten im ersten Schub entdeckt hat (New England Journal of Medicine, Nr. 349, 139-145, 2003). "Mit diesem biologischen Marker lässt sich das Risiko hinsichtlich des schubförmigen Krankheitsverlaufes eines Patienten prognostizieren", so Berger, der für diese Arbeit im Februar 2007 den Preis der Stadt Innsbruck erhalten hat.

Die Ergebnisse seiner Studie werden nach wie vor kontroversiell diskutiert. Berger selbst betrachtet sie ebenfalls kritisch, da unterschiedliche Studien auf diesem Gebiet bis dato auch sehr unterschiedliche Ergebnisse gebracht haben. Trotzdem will er aber im Sinne der Patienten seine Forschungen weiter vorantreiben.

Chronisch schwierig

Solange MS-Kranke allerdings nicht wirklich wissen, was auf sie zukommt und wie die Erkrankung sich entwickelt, bedürfen sie im Vergleich zu anderen an chronischen Erkrankungen leidenden Menschen eines besonderen Maßes an Unterstützung und Information. "MS-Patienten sind unsicher, wie offen sie mit ihrer Erkrankung umgehen sollen, denn die Befürchtung, den Arbeitsplatz oder einen Partner zu verlieren, ist häufig sehr groß", weiß Knauder.

Dass Betroffene nach wie vor stigmatisiert werden, weiß auch MS-Experte Berger: "Noch Ende des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die an Multipler Sklerose litten, oft als ,hysterisch' abgetan." (Regina Phillipp/MEDSTANDARD/23.04.2007)

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    foto: derstandard.at/eder
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