Schlammschlacht gegen Wolfowitz

24. April 2007, 19:26
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Der Weltbank-Chef hat nichts Falsches getan - von Christopher Hitchens

"Es gibt kein lächerlicheres Schauspiel", schrieb T.B. Macaulay über die Herabwürdigung Lord Byrons, "als die regelmäßigen Moral-Anfälle der britischen Öffentlichkeit." Ersetzen Sie "lächerlich" durch "verachtenswert" und "britische Öffentlichkeit" durch "US-Presse", und Sie kriegen eine Ahnung davon, wie sensationsgeil, verleumderisch und penetrant man zu Werke ging, um Paul Wolfowitz und Shaha Riza nicht nur als Pendant zu Byron, dem Verführer seiner Halbschwester, hinzustellen, sondern auch so zu tun, als ob die beiden ihre schamlosen Begehrlichkeiten aus öffentlichen Mitteln und aus den Bettelschalen der Ärmsten dieser Welt finanzieren würden.

Ich sollte hier vielleicht vorausschicken, dass ich Wolfowitz und Riza ein wenig kenne - Letztere schon seit einigen Jahren. Jeder in Washington, dem die Demokratisierung der muslimischen Welt ein Anliegen ist, ist mit ihrer Arbeit in zahlreichen Institutionen vertraut, die zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf palästinischem Territorium, im Iran, in der Golfregion und anderswo unterstützen. Die Beziehung der beiden geht mich überhaupt nichts an (und Sie auch nicht), aber sie sind immer sehr diskret damit umgegangen, selbst in Zeiten, als Wolfowitz wiederholt als Büttel der israelischen Lobby karikiert wurde und möglicherweise von einem dezenten Hinweis auf seine arabisch-muslimische Lebensgefährtin profitieren hätte können.

Man wird es wohl schwerlich Riza als Fehler anrechnen können, dass sie eine leitenden Position in der Weltbank innehatte, als Wolfowitz' Amtsantritt als deren Präsident in der Presse verkündet wurde. Und offen gesagt, wäre ich an seiner oder gar ihrer Stelle gewesen, hätte ich jeden, der daraus eine große Sache macht, zum Duell gefordert. Nur wenigen, die dort arbeiten, kann nachgesagt werden, dass sie ihren Posten derart verdient haben wie Riza. Aber da wir alle zu wissen glauben, dass sich hier ein "Interessenkonflikt" auftut, möchte ich Ihrer Lektüre empfehlen, was der Rechtsbeistand der Bank, Robert Danino, am 27. Mai 2005 in einem Schreiben an Wolfowitz' Anwälte dazu sagte. Sein Brief beginnt wie folgt:

"Erstens möchte ich bestätigen, dass Mr. Wolfowitz über Sie den Vorstand darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er eine Beziehung zu einem Mitglied der Belegschaft unterhält, die bereits vor seinem Amtsantritt bestanden hat, und dass er vorschlägt, den Interessenkonflikt gemäß der Belegschaftsrichtlinien 3.01, Paragraf 4.02 zu lösen, indem er sämtliche Personalangelegenheiten und Arbeitskontakt wegen Befangenheit ablehnt."

Anstatt jedoch zur Beilegung des Falles beizutragen, sollte diese Offenlegung und dieser Vorschlag Wolfowitz schließlich zur Quelle seiner Nöte werden. Der Vorstand der Bank und das von diesem eingerichtete "Ethik-Komitee", entschieden, dass Riza ihren Arbeitsplatz in der Bank räumen muss - und zwar einzig wegen ihrer privaten Beziehung. Feministinnen und Kritiker der "gläsernen Decke" sollten an dieser Stelle aufhorchen.

Vielleicht war es das Unbehagen angesichts dieser Entscheidung und das Unrechtsempfinden gegenüber einer Person, die hoch geschätzt und zur Beförderung vorgeschlagen war (und deren Job weit abgelegen war von jeder Entscheidungsbildung des Präsidenten der Bank), das das "Ethik-Komitee" zu dem Vorschlag bewog, dass eine Beförderung in Rizas neuem Job vertretbar wäre, vielleicht auch "als teilweise Abfindung", begleitet von "einer sofortigen Gehaltserhöhung". Am 27. Juli schickte der Vorsitzende des Komitees, der niederländische Politiker Ad Melkert, ein Memo an Wolfowitz, in dem er ihm versicherte, dass "der mögliche Einbruch der Karriereaussichten des Belegschaftsmitgliedes durch eine in situ-Beförderung auf Grundlage ihrer nachweislich hohen Qualifizierung kompensiert wird".

Was ist daran missverständlich? Eine hoch qualifizierte Person, die gezwungen wird, ihren Jobs aus Gründen aufzugeben, die überhaupt nichts mit ihrer Leistung zu tun haben - und sich außerdem einer bürokratischen Durchleuchtung ihres Privatlebens gefallen lassen muss - wird zumindest mit Beförderung und Bezahlung entschädigt. Der Ethik-Zar der Bank, jener Ad Melkert, schrieb am 24.Oktober 2005 an Wolfowitz, um ihm mitzuteilen, dass "angesichts der Tatsache, dass die getroffene Vereinbarung mit obgenannten Erkenntnissen und Empfehlungen des Komitees übereinstimmt, das Komitee Ihre Ansicht teilt, dass die Angelegenheit hiermit als erledigt gelte kann".

Fünf Wochen später wurde dieser scheinheiligen offiziellen Note eine persönliche nachgereicht: "Ich möchte Ihnen für die sehr offene und konstruktive Geisteshaltung unserer Diskussion danken, speziell im Wissen um das Zartgefühl gegenüber Shaha, und hoffe, dass sie in ihrer neuen Arbeitsumgebung glücklich ist."

Nun, das hoffe ich auch. Sie muss ja wirklich glücklich sein, durch die Presse geschleift zu werden, als wäre sie irgendeine levantinische Konkubine oder eine Sekretärin, die nicht einmal Schreibmaschine schreiben kann und ein Liebensnest mit Profiten polstert, die ihr nicht zustehen. Aber das ist wohl noch gar nichts, verglichen mit dem, was sie erwartet hätte, wenn sie auf ihren angestammten Job beharrt hätte, wie es ihr Recht gewesen wäre.

Dasselbe gilt für Wolfowitz: Egal, welchen Kurs er einschlägt - er kriegt eine aufs Haupt. Unlängst habe ich gelesen, dass ein gewisser "Bankangestellter" ihn anklagt, Hilfszahlungen an Usbeskistan gestrichen zu haben, nachdem das Land die Präsenz von US-Militärbasen auf ihrem Territorium abgestellt hat.

Die Anspielung war klar: Der böse Neocon benutzt die Weltbank, um jede vom Imperialismus abweichende Haltung zu bestrafen. Nun, der Bruch der USA mit Präsident Islam Karimows kleptokratischem und megalomanischem Regime war die Folge von Massakern an protestierenden Zivilisten und der Aufdeckung von institutioneller Folter. Glauben Sie wirklich, dass Wolfowitz eine bessere Presse gehabt hätte, wenn er auf fortgesetzte Hilfszahlungen bestanden hätte?

Na gut, sagen Sie, aber warum hat Wolfowitz sich so lange Zeit gelassen mit der Veröffentlichung dieser entlastenden internen Mitteilungen? Wer agiert so defensiv, wenn er nichts zu verbergen hat? Ich habe keine privaten Informationen, die ich hier weitergeben könnte. Aber es wäre doch denkbar, dass zwei erwachsene Leute, die beide frühere Ehen hinter sich haben und auf heranwachsende Kinder Rücksicht nehmen müssen, nicht besonders erpicht darauf waren, sich noch einer Runde von "Enthüllungen" zu unterziehen? Der angeblichen Korrektheit hatten sie ja bereits einigen Tribut zu zollen. So vermute ich. Ich wollte aber keine Aussage dazu zu treffen, bevor ich nicht Einsicht in die relevanten Papiere hatte, die eine klare und unmissverständliche Sprache sprechen. Müsste den gefräßigen Pseudomoralisten, hätten sie es einmal genauso gemacht, nicht wenigstens ein Anflug von Schamesröte ins Gesicht steigen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.04.2007)

© New York Timeas Syndication; Übersetzung: E. Loibl / M. Jäger

Christopher Hitchens ist Kolumnist bei "Vanity Fair" und "Slate Magazine"
. Sein letztes Buch "Thomas Jefferson: Author of America" erschien bei Atlas
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    Im Visier der "Pseudomoralisten"? Noch-Präsident Paul Wolfowitz und seine Lebensgefährtin Shaha Riza.

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