Ein Katzensprung zur Apokalypse

26. April 2007, 16:14
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Das erste Wochenende zeigte, wie rasch sich Computer­programme im Geräuschbereich mittlerweile abgelebt haben - Bonnie Prince Billy aber entschädigte für lange Leerläufe

Krems - Eine kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Aufbruch in die Moderne lautete einst "1, 2, 3, 4". Weil Elvis dann offenbar nicht gut genug war, legte sich die störrische Avantgarde quer: "1, 5, 4, 3" - und weil alles eh schon egal ist, geben wir als "interessantistischen" Bonus eine "2" aus dem Laptop extra dazu. Jetzt brauchen wir nur noch eine Harfenspielerin und eine katastrophal übersteuerte Stromgitarre, 470 atavistische Tattoos verteilt auf gut 80 Oberarme - und fertig haben wir den Festival-Salat. Ungefähr zwischen diesen Bereichen angesiedelt muss man sich also die zwei vom britischen ,,Klang- und Sprachmystiker'' David Tibet kuratierten Abende beim Donaufestival in Krems vorstellen.

Der Mann beschäftigt mittlerweile einen eigenen Religionslehrer. Der steht ihm als treuer Reisebegleiter auch in der Wachau zur Seite, um ihm nach Tibets Beschäftigung mit malaiischen Initiationsriten, satanischem Okkultismus unter besonderer Berücksichtigung von Aleister Crowley, einem Abstecher zum Buddhismus und zur russisch-orthodoxen Kirche und einem aktuellen Stopp beim römischen Katholizismus unter besonderer Berücksichtigung von Computer-Samples gregorianischer Choräle gegenwärtig die Reize des koptischen Glaubens in Ägypten näher zu bringen. Das wird David Tibet irgendwann in die Pyramiden und nach Stargate treiben. Aber so schrullig sind halt nun einmal unsere alten Idole aus der Industrial-Musik-Szene von vor 25 Jahren.

Neben dem mit reichlich Gastmusikern auf der Bühne vollgestellten Weltuntergangs-Folk- und Unheilsarmee-Orchester Nurse With Wound am Samstag erlebte man David Tibet dann auch noch zur Geisterstunde in der Nacht zum Sonntag mit seinem Weltuntergangs-Laptop und Armee-der-Finsternis-Einsatzkommando Current 93. Was soll man sagen, die Welt steht in diesem Universum schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr lang. Das aktuelle Current-93-Album titelt Schwarze Schiffe fraßen den Himmel. Wie uns jetzt auch live in der akustisch nach wie vor problematischen Messehalle in Krems zu schrammeligen Wandergitarren, zirpenden Harfen und sich düster blähenden, Richtung Hieronymus Bosch wummernden Laptop-Sounds mit gellend-deklamatorischer Predigerstimme verkündet wird, ist es zur Apokalypse immer nur ein Katzensprung.

Mit so genannter moderner oder auch nur zeitgemäßer Kunst hat das Wirken von David Tibet natürlich null Komma Maria und Josef zu tun. Aber David Tibet hatte zumindest einige der derzeit wesentlichsten musikalischen Inanspruchnehmer des Fortschritts als Gäste geladen. Die in Mönchskutten und Trockeneisnebel in der Minoritenkirche auftretenden zwei strengen Herren von SunnO))) etwa verschoben mit Bass- und tiefer, Richtung soeben offiziell abgeschafftem Fegefeuer gestimmter Gitarre bei zünftiger Gottseibeiuns-Magenflatterlautstärke tektonische Platten im Zeitlupenbereich. Sie bewiesen mit diesem archaischen wie präzise ausgeführtem Zweiton-Donnergurgel-Sound, dass der Kern der Metalmusik in ins Erdinnere wachsenden Bergen des Wahnsinns begraben liegt.

Danach konnte das Drum-and-Bass-Duo OM mit seiner stumpfen, von jeder musikalischen Idee befreiten Variation von Black-Sabbath-Riffs nur gewaltig abstinken.

Und auch die Freunde des Laptops, vertreten etwa durch die kalifornischen Veteranen Matmos oder die britischen Cyclobe machten recht deutlich, wie rasch abgelebt sich Computerprogramme im Geräuschbereich mittlerweile haben. Ungleich beeindruckender traditionelle Musikerinnen wie etwa die in New York lebende Sängerin Little Annie mit einem gebrochenen Programm zwischen Tragödie und Melodram in der Minoritenkirche, wo auch Cellistin Julia Kent im gefälligen Duktus der traditionellen Minimal-Musik in den Dialog mit sich selbst trat.

Der Höhepunkt des ersten Festivalwochenendes war zweifellos der heftig beklatschte Auftritt des US-Eigenbrötlers Bonnie Prince Billy. Der entledigte sich mit nur ansatzweise eingeprobter Begleitband und Sängerin gleich am Anfang seines Jahrhundertsongs I See A Darkness und der hübschen Ansage: "This is a special no request show!", um dann Freude schöner Götterfunken Richtung Kuhstalldisco in Kentucky zu deuten und mit einer wunderbar traurigen Version des alten Country-Haderns Love Hurts (Gram Parsons!) alte Männer im Saal mit greinendem Hillbilly-Gesang zu Tränen zu rühren. Bei alten Männern braucht es nicht viel, um sie aus der Fassung zu bringen. Okay, okay. Aber das war schon sehr schön. Mit Zeitgenossenschaft hatte Krems dieses Wochenende jedenfalls nichts zu tun. Aber muss ja nicht immer. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2007)

  • Freude schöner Götterfunken: Bonnie Prince Billy rührte in Krems zu Tränen.
    foto: christian fischer

    Freude schöner Götterfunken: Bonnie Prince Billy rührte in Krems zu Tränen.

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