"Nicht nur in der Kleinfamilie kann es Kindern gut gehen"

6. Juni 2007, 08:14
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Patchwork-Familien gewinnen zunehmend an Bedeutung - Pädagogin Judit Barth-Richtarz im dieStandard.at- Interview über deren Herausforderungen und Chancen

In Österreich gibt es derzeit zwischen 60.000 und 80.000 sogenannte "Patchwork"- oder Fortsetzungsfamilien in den kunterbuntesten Konstellationen. Durch wachsende Scheidungsraten und die zunehmende Zahl an Wiederverheiratungen gewinnt diese Familienform neben der klassischen Kleinfamilie immer mehr an Bedeutung. Leibliche Elternteile, neue PartnerInnen, eigene und die Kinder des/der anderen leben hier auf verschiedenste Weise zusammen: Da ist zum einen die Familie, wo alle Kinder beider Elternteile unter einem Dach leben und kaum Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil besteht - so, als wäre es nie anders gewesen. Dann gibt es die sehr häufige Form, in der die Kinder bei einem leiblichen Elternteil, meist der Mutter, leben und am Wochenende Zeit mit dem anderen Elternteil und häufig auch dessen neuer Familie oder dem/der neuen PartnerIn verbringen. In wieder einer anderen Form werden in die neue Familie neue Halbgeschwister hineingeboren - hier spielt der getrennt lebende Elternteil als außerhalb stehende Bezugsperson meist eine ganz wichtige Rolle für das Kind.

Die Vereinten Nationen definieren eine Familie dann als Patchwork-Familie, wenn EhepartnerInnen oder LebensgefährtInnen mit einem oder mehreren Kindern leben und mindestens eines der Kinder von einem anderen Partner/einer anderen Partnerin ist.

Erziehungswissenschafterin Judit Barth-Richtarz zählt in ihrer Definition auch noch die jeweils "außerhalb" lebenden Elternteile dazu. Im dieStandard.at-Interview spricht sie über die rechtliche und gesellschaftliche Situation von Patchwork-Familien und über deren Chancen, Herausforderungen und Belastungen im Alltag.

dieStandard: Wie sieht die derzeitige rechtliche Situation von Patchwork-Familien aus?

Judit Barth-Richtarz: Erhebungen der Statistik Austria zufolge sind etwa neun Prozent aller Familien mit Kindern unter 18 Jahren Patchwork-Familien. Durch den Anstieg an Scheidungen wird diese Familienkonstellation künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen, sie findet bereits jetzt in Wissenschaft und Politik verstärkt Beachtung. Bereits in der letzten Legislaturperiode wurde etwa angedacht, dass die Stiefelternteile, egal ob mit dem leiblichen Elternteil verheiratet oder nicht, per Gesetz Vertretungsrechte für das Kind bekommen sollen, wenn sie eine erhebliche Erziehungsfunktion im Alltag des Kindes haben. Sie sollen zum Beispiel schulische Mitteilungen unterschreiben, Informationen vom Arzt entgegennehmen dürfen und dergleichen. Das ist mit einer Vollmacht des oder der Erziehungsberechtigten auch jetzt schon möglich, aber es ist noch nicht gesetzlich verankert. Im neuen Regierungsprogramm wird explizit auf die Problematik von Patchworkfamilien Bezug genommen.

dieStandard: Da steckt auch viel Konfliktpotenzial dahinter...

Judit Barth-Richtarz: Das ist richtig, da wird es auch noch viele Diskussionen geben, da die Gefahr besteht, dass erweiterte Rechte als Machtinstrument insbesondere gegen den getrennt lebenden Elternteil missbraucht werden könnten. Hier muss im Vorhinein sehr gut überlegt werden, wie man diesen Rechtsmissbrauch verhindern kann.

Es stellt sich auch die Frage, ob die Rechte des neuen Partners/der neuen Partnerin automatisch mit der Ehe eintreten sollen oder ob der getrennt lebende leibliche Elternteil mitentscheiden kann, ob der oder die neue PartnerIn Vertretungsrechte bekommt. Der getrennt lebende Elternteil, und das ist in den meisten Fällen der Vater, könnte es als Infragestellung seiner Position als Vater erleben, wenn nun der Stiefvater genauso Entscheidungen für das Kind treffen darf. Er könnte das Gefühl bekommen, hinausgedrängt zu werden und nun nichts mehr zu sagen zu haben. Kränkung, das Gefühl, für das Kind nicht mehr wichtig zu sein und auf sein Leben nicht mehr einwirken zu können, führt nicht nur zu verstärkten Konflikten zwischen den geschiedenen Elternteilen, sondern im schlimmsten Fall sogar dazu, dass sich der getrennt lebende Elternteil ganz aus der Beziehung mit dem Kind zurückzieht, was für die Entwicklung des Kindes sehr bedenklich ist. Es geht hier also nicht um "Vater gegen Stiefvater"-Rechte, sondern um Erleichterungen im Alltag der Patchworkfamilie durch verstärkte Mitwirkungsrechte des Stiefvaters versus Gefährdung der Beziehung des Kindes zum leiblichen Vater und somit um Gefährdung des Kindeswohls.

dieStandard: "Stiefvater" oder "Stiefmutter" sind gern gebrauchte, aber meist falsch verwendete Bezeichnungen für neue Elternteile, da dies eigentlich voraussetzt, dass ein leiblicher Elternteil verstorben ist. Was sind denn korrekte Bezeichnungen?

Judit Barth-Richtarz: Das Problem ist, dass die deutsche Sprache kaum Worte für Patchwork-Familien kennt – hier neue Worte zu kreieren und in die Alltagssprache zu integrieren, auch das wäre ein großer Beitrag zur Akzeptanz. Im Amerikanischen gibt es zum Beispiel die gute Bezeichnung "Mod" für "My other dad". Im Deutschen spricht man vom "getrennt lebenden Elternteil", von der "Rest- oder Teilfamilie", von den "leiblichen Elternteilen" und den "sozialen Elternteilen", oder eben, aus Mangel an Alternativen, von "Stiefmüttern und Stiefvätern".

dieStandard: Geht es "Stiefmüttern" in der Patchwork-Familie anders als "Stiefvätern"?

Judit Barth-Richtarz: Bei Stiefmüttern ist es oft so, dass die leibliche Mutter tatsächlich verstorben ist oder, in selteneren Fällen, die Kinder verlassen hat. Sie stellen deshalb oft einen sehr großen Leistungs- und Erwartungsdruck an sich selber, den Kindern Liebe und Geborgenheit wie eine leibliche Mutter geben zu müssen oder zu wollen. Sie haben als Mutterersatz meist auch mehr Betreuungsfunktionen als Stiefväter, das hängt aber stark davon ab, welche Aufgaben und welche Autorität ihnen übertragen wird.

Stiefmütter haben häufig das Gefühl, dass ihr Einsatz nicht anerkannt wird und die "Stiefkinder" undankbar sind – das rührt oft aber daher, dass ihr eigener Anspruch viel zu hoch gesteckt ist, eine gute oder bessere Mutter als die leibliche zu sein und den Kindern eine glückliche Familie bieten zu wollen. Dieser überhöhte Anspruch ist fast automatisch zum Scheitern verurteilt. Natürlich ist es schön für die Kinder, wenn sie Zuwendung durch eine "neue Mutter" bekommen, aber es stellt für sie auch eine Gefahr für die Position ihrer leiblichen, "inneren" Mutter dar, die sie verteidigen. Stiefmütter laufen oft Gefahr, für ihren Einsatz zu schnell die Liebe der Kinder zu erwarten – aber Liebe muss nicht sein, es kann auch Freundschaft oder Respekt sein. Die leibliche Mutter können sie nie ganz ersetzen, das müssen sie aber auch nicht. Das, was sie den Kindern geben können, ist schon sehr viel.

dieStandard: Eltern, die den "Traum von der intakten Kleinfamilie" nicht realisieren oder aufrecht erhalten konnten, haben häufig das Gefühl, versagt zu haben. Wie kann man sie und die Kinder unterstützen?

Judit Barth-Richtarz: Das oft auftretende Gefühl, versagt zu haben, liegt zum einen daran, welche Lebensformen in der Gesellschaft wie dargestellt und bewertet werden. Die andere Sache ist, wie die Betroffenen individuell ihre Situation sehen und bewerten. In erster Linie geht es hier um Entlastung und Information. Wenn Patchwork-Eltern etwa wissen, warum Kinder in der neuen Situation ablehnend reagieren, wenn sie wissen, dass es vielen anderen Elternteilen genauso geht, ist das eine große Hilfe. Es hilft Eltern auch, zu hören, dass die Trennung oftmals ein wichtiger Schritt war, den sie vor den Kindern verantworten können.

Leichter ist das natürlich, wenn Eltern die Situation für sich als neue Lebensmöglichkeit erleben können und gleichzeitig akzeptieren, dass die Vergangenheit nicht auszulöschen ist. So wie der im Haushalt mit dem Kind lebende Elternteil und sein neuer Partner akzeptieren muss, dass der getrennt lebende Elternteil weiterhin eine wichtige Bedeutung für das Leben und die Entwicklungschancen des Kindes hat, so muss der getrennt lebende Elternteil akzeptieren lernen, dass nun ein weiterer Erwachsener im Alltagsleben des Kindes da ist und ihm Loyalitätskonflikte möglichst ersparen.

Für die Kinder ist es wichtig, dass die Eltern und Stiefeltern ihnen Zeit lassen und tolerant gegen ihre oft ablehnende Haltung sind. Die Eltern sollten mit den Kindern reden und ihnen vermitteln, dass sie zu ihrer neuen Situation stehen und die Kinder trotz der Trennung weiter unterstützen werden. Sich bewusst zu machen, dass das Aufwachsen in einer Familie, wo keine Liebe mehr ist, viel schwieriger ist, als in einem neuen, liebevollen Familiengefüge, hilft, Versagensgefühle zu reduzieren.

dieStandard: Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wären für Patchwork-Familien ideal?

Judit Barth-Richtarz: Zunächst müsste es einmal gute Bilder, "Role Models", von funktionierenden Patchwork-Familien geben: Bilder, die sowohl die Chancen, als auch die Herausforderungen dieser Familienkonstellation beinhalten, die Patchworkfamilie nicht idealisieren und Probleme nicht leugnen. Bilder, die klar kommunizieren, dass der Umgang mit den Kindern für Stiefelternteile nicht immer leicht ist und dass dies ganz normal ist. Die Bilder sollten die Vielfalt, die verschiedenen Formen und Gestaltungsmöglichkeiten von Patchwork-Familien zeigen, kommunizieren, dass das "in Ordnung" ist und den Familien die Hoffnung geben: "Nicht nur in der Kleinfamilie kann es den Kindern gut gehen."

Diese Bilder müssten zum einen realistisch über die Medien vermittelt werden, zum anderen sollten sie Teil der schulischen Bildung werden. Es sollte Bildungsauftrag sein, Jugendlichen zu zeigen, wie man Beziehung leben kann, wie es ist, wenn eine Beziehung zu Ende geht, welche neuen Herausforderungen und Möglichkeiten dadurch für Familien entstehen.

dieStandard: Welche Probleme ergeben sich für leibliche Eltern wie für soziale Elternteile durch die Patchwork-Konstellation?

Judit Barth-Richtarz: Ganz entscheidend ist zunächst welche Eltern- und Erziehungsfunktion die sozialen Eltern haben. Der neue Partner kommt meistens in einer Phase dazu, wo viel Aufruhr da ist, wo sich alte Regeln durch Trennung, Scheidung, Tod eines Elternteils plötzlich auflösen. Mütter, bei denen die Kinder ja meist bleiben, neigen dann gerne dazu, die Disziplinierungslast auf den neuen Partner zu übertragen, die er übernehmen oder sich zurückhalten kann. Der Erwartungsdruck vonseiten der Partnerin oder/und der Kinder kann da oft sehr hoch sein. Dazu kommt der Spagat des leiblichen Elternteils, meist der Mutter, zwischen Kind und neuem Partner, die Angst, die Liebe eines der beiden Menschen zu verlieren, wenn man zum einen oder zum anderen halten soll.

Viele Vater-Kind-Beziehungen erleiden durch Trennung und Scheidung außerdem einen markanten Einbruch – dann ist etwa die Gefahr sehr groß, dass Mütter meinen, ein guter Stiefelternteil könnte den Vater ersetzen, aber dem ist nicht so. Untersuchungen zeigen ganz klar, dass die Güte der Beziehung zum Stiefelternteil ganz entscheidend davon abhängt, wie intensiv die Beziehung um anderen leiblichen Elternteil gelebt werden darf: Je näher das Verhältnis des Kindes zum getrennt lebenden leiblichen Vater ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind auch eine gute Beziehung zum Stiefvater aufnimmt. Das Kind hat dann nämlich nicht das Gefühl, die Stellung des Vaters verteidigen zu müssen. Ist die Beziehung zu allen Seiten in Ordnung, und sind die Positionen und Haltungen klar, dass der Papa der Papa und der Stiefvater der Stiefvater ist, dann ist auch für das Kind meist alles okay. Es fühlt sich sicher, weil der "Neue" keine Konkurrenz ist.

dieStandard: Wie kann man Kindern gut erklären, dass ein neuer Partner/eine neue Partnerin ins Familienleben tritt?

Judit Barth-Richtarz: Sehr wichtig ist hier eine klare Haltung des neuen Paares und dass dem Kind von Anfang an die Wahrheit gesagt wird. Der neue Partner/die neue Partnerin sollte nicht als Freund des Kindes angekündigt werden, weil es sonst später enttäuscht ist, dass es ja eigentlich gar nicht in erster Linie um es selbst geht. Der leibliche Elternteil sollte das erste Gespräch darüber mit dem Kind alleine führen, es auf die neue Situation vorbereiten und dabei auch die eigene Position klarmachen. Bei älteren Kindern hilft auch der Tipp: "Wenn die Mama einen Mann hat, ist sie glücklich – und wenn ich glücklich bin, bin ich zufrieden und weniger streng." Auf jeden Fall sollte man den Kindern die Möglichkeit geben, auch negative Gefühle zu äußern, dann sind diese Gefühle viel weniger drängend und müssen z.B. im konkreten Zusammensein mit dem neuen Partner weniger heftig ausgelebt werden..

Wichtig ist auch die Frage, welche Rolle der neue Partner bei der Trennung der Eltern gespielt hat. Kinder erleben die Situation oft als "Der neue Partner/die neue Partnerin hat meine Familie zerstört", weil sie die Hintergründe der Trennung, die Beziehungsprobleme der Eltern, die eigentlich dazu geführt haben, noch nicht verstehen können. Sie nehmen dann an, der neue Partner/die neue Partnerin ist schuld. Darum ist es ganz wichtig, mit dem Kind über die Trennung zu sprechen und ihm, seinem Alter entsprechend, die Hintergründe und Auseinandersetzungen, die es gab, zu erklären.
(Das Gespräch führte Isabella Lechner.)

Zur Person:
Univ.-Lekt. Mag. Judit Barth-Richtarz, Erziehungswissenschafterin, Sonder-und Heilpädagogin, Psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin, ist Mitautorin der Evaluationsstudie über die Auswirkungen der Neuregelung des Kindschaftsrechtsänderungsgesetzes (KindRÄG) 2001, insbesondere der Obsorge beider Eltern, und Mitherausgeberin der Interdisziplinären Zeitschrift für Familienrecht (FamZ).

Sie arbeitet in der Entwicklungsdiagnostik 10 der Stadt Wien, in der Familienberatungsstelle Wien 21 der Wiener Kinderfreunde sowie in freier Praxis (Schwerpunkt Beratung von Scheidungseltern, Besuchsbegleitung), Lehrtätigkeit am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien sowie Vortrags- und Fortbildungstätigkeit. Publikationen auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaften.

Kontakt: j.richtarz@gmx.at

Statistische Daten zu Patchworkfamilien:

Kytir, Josef (2007):
"Patchworkfamilien" - Demografische Trends und familienstatistische Aspekte. In: Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht (FamZ), 2.Jg, Heft 2, S. 107-109

Literaturtipps:

- Schwerpunktheft "Patchworkfamilie" der FamZ (Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht),
2007, 2. Jg., Heft 2

- Barth-Richtarz (2006):
5 Jahre Obsorge beider Eltern - eine Bilanz. In: FamZ (Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht), 1. Jg., Heft 1, S. 43-47

- Barth-Richtarz (2006):
Was brauchen Kinder unterschiedlichen Alters angesichts der Scheidung ihrer Eltern? - Themen und Konflikte in verschiedenen Entwicklungsphasen. In: FamZ (Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht), 1. Jg., Heft 3, S. 185-189

- Dunitz-Scheer/Scheer (2002):
meine.deine.unsere - Leben in der Patchworkfamilie

- Figdor, Helmuth (1998): Scheidungskinder - Wege der Hilfe. Psychosozial Verlag

Link:

ARGE Psychoanalytische Pädagogik - Infos zur Beratung für Eltern

FamZ - mit Leseproben der Hefte zum Downloaden

  • Erziehungswissenschafterin Judit Barth-Richtarz im dieStandard.at-Interview
    foto: linde-verlag
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