"Das ist ein politischer Fetisch für Sie"

13. Juli 2007, 13:47
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ÖVP- Wissenschafts­sprecherin Brinek und ÖH-Chefin Spielbauer sind im derStandard.at- Streitgespräch nur über den SPÖ-Umfaller in Sachen Uni-Gebühren einer Meinung

"Sie sagen es geht vorwärts, wir sagen es geht rückwärts": ÖH-Vorsitzende Lina Spielbauer (GRAS) hält die Unipolitik der ÖVP für einen klaren Rückschritt. Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek hält den die Kritik allerdings für voreilig, die Maßnahmen der letzten Jahre seien noch gar nicht evaluiert worden, außerdem würden Zugangsbeschränkungen den offenen Zugang nicht ausschließen und díe AkademikerInnenquote erhöhen. Spielbauer befürchtet allerdings, dass die ÖVP den Ansturm auf die Med-Unis als Ausrede nutzt, um auch andere Studien zu beschränken. Im derStandard.at-Streitgespräch diskutieren die beiden über den "politischen Fetisch" Gesamtschule und zumutbare Studiengebühren.

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derStandard.at: Einige Begriffe, die Ihnen spontan zur Unipolitik der vergangenen Jahre einfallen?

Brinek: Dynamik, Fortwärtsentwicklung, mehr Geld für Wissenschaft und Forschung, erfreuliche Aussichten. Es geht vorwärts.

Spielbauer: Jahrelange strategische Unterfinanzierung, Zugangsbeschränkungen, Studiengebühren, die Uni ist weiterhin eine Männeruniversität, weil die Curricula Feminismus nicht als Schwerpunktmaterie einbeziehen.

Lina Spielbauer: "Die Uni ist noch immer eine Männeruniversität."

derStandard.at: Stichwort Zugangsbeschränkungen...

Spielbauer: Sie sagen es geht vorwärts, wir sagen es geht rückwärts. Fakt ist, dass wir vor einigen Jahren die Zugangsbeschränkungen nicht hatten.

Brinek: Das wissen wir noch nicht. Wir wissen, dass sich nach ein, zwei Jahren noch gar nicht sagen lässt, wie sich die sogenannten Numerus clausus-Flüchtlinge verhalten werden. Und mir fällt dazu schon ein, dass es in Ländern, in denen es Zugangsbeschränkungen und Studienbeiträge gibt, eine höhere Akademikerquote gibt, das muss uns eigentlich zu denken geben. Das heißt, Zugangsbeschränkungen und Studienbeiträge schließen einen offenen Zugang zur Uni nicht strukturell aus.

Spielbauer: Ich war in der Arbeitsgruppe zu den Zugangsbeschränkungen und die Evaluierungen haben ergeben, dass die Beschränkungen, abgesehen vom Spezialfall Medizinunis, die muss man ausnehmen, nicht nötig waren. Die Notsituation auf den Medizinunis wurde dazu benützt, um auch in anderen Fächern Zugangsbeschränkungen einzuführen.

Brinek: Wir können noch nicht sagen, dass diese anderen Fächer außerhalb der Medizin nicht über Gebühr nachgefragt sein werden. Es war zu erwarten, dass der größte Run auf die Medizin kommt, die endgültige Haltung gegenüber den Fächern, die auch Numerus clausus-Status in Deutschland haben, die können wir noch nicht exakt beantworten.

Daher finde ich es richtig, wenn der Herr Minister sagt, wir müssen uns das mittel- und langfristig anschauen, nachdem auch die ersten Motivforschungen ergeben haben, dass die Studierenden wahrscheinlich wieder zurück nach Deutschland gehen. Abgesehen davon, dass Universitäten sagen können: In diesem und jenem Bereich wollen wir einen Schwerpunkt setzen, da wollen wir gar nicht ausbauen. Das muss man autonomen Universitäten auch zugestehen.

Spielbauer: Ich denke, die Studierenden sollten nach Interesse studieren können, und das Angebot muss eben geschaffen werden. Man muss was die Zugangsbeschränkungen angeht, über ein kostensolidarisches Finanzierungsmodell nachdenken. Außer bei den Medizinstudien haben die Evaluierungen nach einem Jahr ergeben, dass die Möglichkeit der Beschränkungen in Bausch und Bogen zu expansiv genutzt wurde.

derStandard.at: Zum Sonderfall Medizinunis...

Brinek: Das ist eine Henne-Ei-Problematik. Die Haltung der EU war, das Argument, die Homogenität des Bildungssystems sei gefährdet, trifft nicht zu. Das ist eine Hypothese, der wir eine Gegenhypothese gegenüberstellen: Wir sagen ja, die Gesundheitsversorgung ist gefährdet. Wir haben die besseren Argumente.

Gertrude Brinek: "Haben niemanden, der sich mit uns einigen will."

Ich kann mir durchaus vorstellen, ein europäisches Finanzierungsmodell zu erreichen das ist nur wahrscheinlich bin zum Ende des Sommers nicht machbar. Da brauchen wir eine Einigung mit anderen europäischen Ländern. Wir haben ja noch gar niemanden, der sich mit uns einigen will. Deutschland sagt zum Beispiel: Ich will nicht mehr Ärzte, ich brauch nicht mehr Ärzte. Deutschland hat im Moment, so wie es ausschaut, nicht sehr viel Interesse, uns Geld zurückzuzahlen.

Spielbauer: Ich denke es ist wünschenswert, wenn die Argumentation halten würde, auch wenn ich es nicht glaube. Kurzfristig wird ein europäisches Finanzierungsmodell nicht zu realisieren sein. Aber eigentlich ist es ja nicht so kurzfristig, es war ja schon Jahre vor dem Urteil abzusehen, dass das kommen wird, und wir haben dieses Urteil zehn Jahre lang abgewartet. Dass es dann überstürzt zu diesen Zugangsbeschränkungen gekommen ist, die eigentlich eine Husch-Pfusch-Maßnahme waren, hat die Regierung sich selbst eingebrockt.

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derStandard.at: Zur aktuellen Diskussion um die Gesamtschule...

Spielbauer: Insgesamt gesehen ist die AkademikerInnenquote in Österrreich sehr niedrig...

Brinek: ...Aber gestiegen.

Spielbauer: Was ich zum Beispiel in dem Zusammenhang nicht verstehe, ist, warum die Gesamtschule nicht im Koalitionspapier steht. Ich habe mir aus der ÖVP sagen lassen, es gibt sogar eine breite Mehrheit für die Einführung einer Gesamtschule. Weil wir wissen: Je früher Bildungsentscheidungen getroffen werden, desto negativer wirken sie sich aus. Wir brauchen eine Gesamtschule für alle SchülerInnen ab zehn Jahren, die Abschaffung der Studiengebühren, keine Erhöhung der Studiengebühren. Die Stipendienerhöhung, die als 12-prozentige verkauft wurde, ist in Wahrheit eine 6-prozentige, die nicht einmal die Inflation ausgleicht.

Brinek: Es gibt keine einzige seriöse Studie, die in Bausch und Bogen sagt: Das ist die bessere Schule. Weil es DIE Gesamtschule nicht gibt. Kein Mensch in Österreich würde sagen: "Oh, Korea, Nummer Eins bei Problemlösungen, lasst uns das koreanische Gesamtschulwesen nachmachen."

Spielbauer: Aber Fakt ist, je früher Bildungsentscheidungen getroffen werden, desto negativer wirkt sich das aus.

Brinek: Das ist zu pauschal, lesen sie bei PISA im Einzelnen nach. Das Problem ist, dass die SPÖ seit 15 oder 20 Jahren nur dieses eine "Keulenwort" Gesamtschule sagt, und nicht was jeder Mensch denkt: Wohin wollen wir, legen wir zuerst die Inhalte fest und wählen wir dann die Methode.

derStandard.at: Bildungsferne Schichten...

Brinek: Für mich ist wichtig zu sagen: Wo gibt es einen Handlungsbedarf? Und dann zu überlegen, welche Lösungswege gibt es dorthin.

Spielbauer: Sie können jetzt hunderte Studien zitieren, aber ich lese halt andere Studien, denen ich auch glaube. In denen steht etwas drinnen, dass auch Rektor Badelt sagt, und den zitier' ich sonst nicht so gerne: Wir verlieren unsere Akademiker im Alter von 11 Jahren, weil sie automatisch, wenn sie aus bildungsfernen Schichten kommen, in die Hauptschulen abgeschoben werden.

Brinek: Die Hälfte der MaturantInnen kommen über die Hauptschule, das ist doch keine Bildungssackgasse! Hören sie doch endlich auf das so falsch darzustellen! Auch wenn sich die Dinge geändert haben, für mich als kleines Mädchen vom Land war das humanistische Gymnasium zu weit weg kulturell, mir hat es geholfen über diesen Weg zur Matura zu kommen, und dann zur Universität.

Spielbauer: Aber die Gesamtschule hätte Sie dann wahrscheinlich auch nicht abgehalten?

Brinek: : Nein, aber das System hat mir einen Weg eröffnet, der für mich der beste war. Die Gesamtschule ist ein politischer Fetisch für Sie.

derStandard.at: Zum Streitfall Studiengebühren...

Spielbauer: Studiengebühren sind sozial selektiv, Studiengebühren sind eine Belastung für Studierende, 80 Prozent der Studierenden gehen arbeiten, um sich das Studium leisten zu können. Dadurch verlängert sich die Studienzeit, wir haben eine hohe Drop-Out Rate, die es zu senken gilt.

Das zweite, ideologische Problem das wir mit Studiengebühren haben: Dadurch dass sie für das Studium bezahlen, werden Studierende zu Konsumenten der Ware Bildung. Daher finde ich es besonders dramatisch, dass die SPÖ umgefallen ist, es wäre eine Möglichkeit gewesen ein Zeichen zu setzen: Mit der SPÖ machen wir einen Ökonomisierungs- und Privatisierungsstopp. Sie sind leider umgefallen zu Gunsten des Kanzlerpostens. Ich hab sie eh nicht gewählt... es tut mir aber leid für all jene die verarscht worden sind und sie gewählt haben.

Brinek: Für mich ist das der Beweis, dass sich Ehrlichkeit lohnt, wir haben das nie versprochen und daher auch einen Erklärungsbedarf. Ich stehe dazu und ich habe auch noch Schulgeld gezahlt, als ich in die Schule gegangen bin. Die Studiengebühren sind zumutbar. Natürlich, wenn sie nicht zu bezahlen sind, bleibt den Leuten mehr Geld im Börsel.

Aber wir haben die Akademikerquote erhöht, noch nie gab es so viel StudentInnen und so eine starke Reduktion der AbbbrecherInnen. Die letzte Studie der IHS beweist: Studiengebühren sind nicht sozial selektiv. Und gegen den Begriff der Ware Studium wehre ich mich schon als Bildungstheoretikerin.

derStandard.at: Zum Studiengebührenmodell...

Spielbauer: Wir sind immer noch nicht eingeladen worden in die Arbeitsgruppe. Mittelfristig ist das sowieso nicht mehr interessant. Es wird ja offenbar eine zweigleisige Schiene geben: Tutoring und Mentoring. Die Möglichkeit um sechs Euro zu arbeiten, haben Studierende jetzt auch. Ich finde die Abschaffung der Studiengebühren ist nicht zu ersetzen durch eine solche Regelung.

Brinek: Ich habe dem breit angelegten Rückerstattungsmodell nicht viel abgwinnen können, weil ja auch andere bei der Blasmusik oder Feuerwehr arbeiten als StudentInnen. Damit mache ich das Ehrenamt kaputt. Ich kann mir nur das Modell vorstellen, dass der Minister momentan plant. Und ich würde das Geld den Unis geben, und nicht wieder eine Genehmigungsbehörde einbauen. (Anita Zielina, derStandard.at, 24. April 2007)

Zur Person:
Lina Anna Spielbauer, Jahrgang 1979, ist seit Juni 2006 im Vorsitzteam der ÖH-Bundesvertretung für die GRAS (Grüne & Alternative StudentInnen). Die Salzburgerin schreibt derzeit an ihrer Dissertation in Jus.

Gertrude Brinek, Jahrgang 1952, ÖVP-Nationalratsabgeordnete und Wissenschaftssprecherin, ist neben ihrer politischen Tätigkeit Assistenzprofessorin am Wiener Institut für Bildungswissenschaft. 1987 promovierte sie am Institut für Erziehungswissenschaften, und war danach als Volks- und Hauptschullehrerin tätig.

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