"Es ist Zeit, sich zur Wehr zu setzen"

27. Juni 2007, 12:09
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Eine Partei im Transitraum: Im Salzburger Flughafen kürte die ÖVP Willhelm Molterer zu ihrem neuen Chef - und attackierte die SPÖ ungewöhnlich scharf

Salzburg - Parteitage sind wie Klassentreffen. Es bleibt eine Grundstimmung - und wenige Momente, an die man sich auch später noch erinnert. Den ersten und einzigen lieferte Wolfgang Schüssel gleich zu Beginn, als er am Samstagvormittag die futuristische Bühne in der kühlen Abflughalle des Salzburger Flughafens erklomm. "Es war eine wunderschöne Zeit", sagte er mit gepresster Stimme. Die Tränen standen hoch, so hoch, dass er nicht weiterreden konnte. Die Delegierten fingen den um Fassung ringenden Ex-Obmann nach drei Schrecksekunden mit tosendem Applaus auf.

Es war ein versöhnlicher und gleichzeitig gespenstischer Moment - und er sorgte dafür, dass dieser 13. Parteitag am Ende doch einer Schüssels und nicht Molterers wurde. "Aufbruch" lautete das offizielle Motto. Letztlich ging es einmal mehr um "Wunden lecken". Die des abtretenden Kanzlers und die der verunsicherten Funktionäre. "Das brauchen wir uns nicht nehmen lassen!", rief Schüssel in den Saal, und mit "das" meinte er: dass die ÖVP immer die Vorreiterrolle gespielt habe, bei der Budgetsanierung, bei der Schulreform, bei der Europapolitik.

Richtiggehend wahlkämpferisch wurde er, als es um den - von Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) zuletzt erhobenen - Vorwurf der "Verlotterung" ging. "Da sollte er zunächst die Balken aus den eigenen Augen herausoperieren." Denn das Wort "Penthouse-Sozialismus" sei nicht auf die ÖVP gemünzt. Sein Appell an die ÖVP: "Es ist Zeit aufzustehen und sich dagegen zu Wehr zu setzen." Die ÖVP sei weder ein "verzopfter Hinterwäldlerverein" noch gebe es "lahmarschige Langweiler" (Letzteres stand sicher nicht in seinem Manuskript). Aber, selbstkritisch: "Wir haben nicht genug gekämpft." "Hätte er fünf solche Reden während des Wahlkampfes gehalten, wären wir Erste geworden", war sich ein Zuhörer sicher.

Nach diesem hochemotionalen Plädoyer in eigener Sache war es für Molterer - der sich übrigens als "moderner Konservativer" definierte - schwer, die Spannung zu halten. Er hielt eine sachpolitische, brave, über weite Strecken nahezu biedere Ansprache.

Das, was die schwarze Seele derzeit offenbar hören will, lieferte er erst ganz zum Schluss: "Meine, diese, unsere, eure Volkspartei ist eine Siegerpartei." Er wolle die ÖVP wieder zur Nummer eins machen. Ob mit ihm als Spitzenkandidat, ließ er offen. Jetzt jedenfalls erwarte er sich Mut zum Bekenntnis "Ich bin ein ÖVPler".

Wie Schüssel attackierte auch Molterer die SPÖ - wenn auch in moderaterem Ton: Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ) bezeichnete er als "Minister für Vertragsauflösung", seinem Koalitionspartner Gusenbauer richtete er aus: "So geht's nicht." Gusenbauer könne nicht so tun, als habe er mit seiner Partei nichts zu tun. Eine Anspielung auf SPÖ-Klubobmann Josef Cap, der in der ÖVP derzeit zum roten Tuch hochstilisiert wird.

Nur Mock war besser

Das mit Spannung erwartete Wahlergebnis brachte Molterer 524 von 540 abgegebenen Delegiertenstimmen. Die 97,04 Prozent sind das beste Ergebnis seit der Kür von Alois Mock im Jahr 1983. Noch besser schnitt nur sein Stellvertreter Landwirtschaftsminister Josef Pröll (97,78 Prozent) ab, Tirols Landeshauptmannstellvertreterin Elisabeth Zanon bekam 96,86, der steirische Finanzlandesrat Christian Buchmann 94,64 Prozent.

Deutlich abgeschlagen folgte Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky mit 85,95 Prozent - auch das ein Signal, dass in der ÖVP derzeit das Sich-Infragestellen nicht allzu beliebt ist. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2007)

  • Der Moment des Abschieds: Nach seiner Rede eilte Schüssel gleich weg von der Bühne und setzte sich hin - um dann doch noch einmal nach oben zu gehen.
    foto: standard/fischer

    Der Moment des Abschieds: Nach seiner Rede eilte Schüssel gleich weg von der Bühne und setzte sich hin - um dann doch noch einmal nach oben zu gehen.

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