Grenzen im Fluss

2. Jänner 2008, 17:12
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Wie viele Flüchtlinge in der March schon umgekommen sind, hat niemand gezählt - Eine historische Demarkationslinie zwischen den Welten

Schengen oder Nichtschengen? Schlepperbanden machen Umsätze in Millionenhöhe - auf Kosten illegalisierter Migranten, die fast alles für ein Leben auf der anderen Seite geben. Über die brutalen Welten zwischen Ost und West, Arm und Reich.

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Nichts rührt sich in den lichten Wäldern, welche die hochwassergezeichneten Ufer des braun-rötlichen Flusses umrahmen. Die erst wenige Tage alten Blätter sonnen sich regungslos unter dem blitzblauen Himmel, selbst die Soldaten in der länglichen Barke, die zügig die March entlangmäandert, scheinen wie erstarrt in ihren eingespielten Positionen: Der eine sitzt hinten am Steuer, der andere ganz vorn an der Spitze, um eine Bewegung oder ein Seil oder ein Schlauchboot am Ufer zu erspähen. Denn genau in der Mitte des Flusses verläuft die Grenze. Nicht nur zwischen der Slowakischen Republik und Österreich, sondern auch zwischen Nichtschengenland und Schengenland, eine historische Demarkationslinie zwischen Ost und West, zwischen Arm und Reich.

Die vielen weichen Kurven machen den Grenzfluss an dieser Stelle, zwischen Angern und Zwerndorf, so idyllisch - aber auch schwer einsichtig für die ständigen Beobachter des Grenzschutzes. Wer sich hier bewegt, ist verdächtig - oder in Gefahr. Irgendwo hier, nahe Zwerndorf, ertrank im Oktober 2004 - vor den Augen eines Fischers - ein Mann, der versuchte, den Fluss zu durchschwimmen. Die herbeigerufene Feuerwehr konnte nur noch die Leiche bergen. Im Jänner 2002 ertrank ein Somalier in der eisigen March, nachdem er von einem Schlepper gezwungen wurde, das Ruderboot in der Flussmitte zu verlassen. Wie viele Flüchtlinge schon in der March umgekommen sind, hat niemand gezählt.

Leichen hat die March schon viele gesehen: Auf der ebenen Erde des Marchfeldes, auf dem heute Gemüse gedeiht, wurden zahlreiche Schlachten ausgetragen. Besonders die Donaumündung bei Marchegg gilt seit jeher als neuralgischer Punkt, an dem Ost und West aufeinanderstoßen - und Eindringlinge durchsickern. Die Burgruine Devin am Arpad-Felsen, benannt nach der immer weiter nach Westen vordringenden madjarischen Arpaden-Dynastie, ist schon seit der Bronzezeit besiedelt und diente über die Jahrtausende als steinerner Wächter der Hainburger Pforte. Von Dschingis Khan über die Türken und Napoleon bis zur sowjetischen Armee - Legionen von Kämpfern, Rittern und Soldaten wählten die Route über den Fluss. Um den Feind auszutricksen. Oder ihr Leben zu lassen. So wie Teile des Heeres des kurzfristigen ungarischen Königs Samuel Aba, der im Februar 1042 Österreich angriff. Während die südlich der Donau vorrückenden Heerscharen bis zur Traisen das Land verwüsteten und dann über Tulln mit reicher Beute heimkehrten, wurden die im Norden eindringenden Truppen im Marchfeld geschlagen. Jene, die nicht im Kampf umkamen, wurden in die March getrieben, was nur ein Teil überlebt haben dürfte.

Am Freitag, dem 26. August 1278 spielte sich zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen eine der größten Ritterschlachten Europas ab, als die Heere von Böhmenkönig Przemysl Otto- kar II. und Rudolf I. von Habsburg aufeinander losritten. Letzterer ging siegreich aus kolportierten 12.000 toten böhmischen Kämpfern hervor, von denen viele auf der Flucht durch die March ertranken. Ottokar wurde auf der Flucht erschlagen, sein Leichnam 30 Wochen in Wien zur Schau gestellt. Damit war für die Habsburger der Grundstein für eine die nächsten 640 Jahre andauernde Vormachtstellung in Österreich gelegt.

Flaute im Marchfeld

Momentan herrscht Flaute im Marchfeld. Nicht nur in der Luft, auch der Flüchtlingsstrom flaut im März und April - analog zum steigenden Wasserstand - ab, um gegen den Sommer hin wieder zu wachsen, wie Andreas Thenner, Grenzreferent am Bezirkspolizeikommando Gänserndorf, erzählt. Im Jänner haben es viele versucht, nicht zuletzt aufgrund des milden Winters. Insgesamt wurden in dem 80 Kilometer langen Abschnitt zwischen Hohenau und Marchegg zwischen Jänner und Mitte April 290 illegale Grenzgänger aufgegriffen, darunter drei professionelle Schlepper. Sie kommen üblicherweise allein oder in Gruppen zwischen zwei und 15 Personen, zu 90 Prozent während der Nacht übers Wasser, zu zehn Prozent per Zug oder über die Zugbrücke. Einer der bislang größten Aufgriffe einer Gruppe wurde im August 2001 vermeldet, als 107 Flüchtlinge, vorwiegend afghanische Großfamilien, bei Dürnkrut festgenommen wurden.

Der Bezirk Gänserndorf, zu dem die "nasse Grenze" gehört, ist laut Bericht des Bundeskriminalamts an der Spitze der österreichweiten Statistik über Aufgriffe von geschleppten Personen über die Landesgrenze. Die Polizei kontrolliert die offiziellen Grenzübergänge und die Wege, das Bundesheer wacht an vorderster Front über die Zwischenräume. "Hauptziel ist, sie abzuweisen, damit wir sie nicht durchfuttern müssen", versucht der junge Kommandant der Assistenzkompanie die Aufgabe auf den Punkt zu bringen. Sollten sie nicht mehr über die Grenzlinie zurückgeschubst werden können - was an der nassen Grenze schwer möglich ist -, wird zuerst überprüft, ob die Betreffenden bereits in einem anderen EU-Staat um Asyl angesucht haben, womit sie sofort abgeschoben werden können. Das setzt natürlich den Besitz von Dokumenten voraus, die oftmals ebenso wie Handys oder anderes Hab und Gut an den Ufern der March aufgefunden werden. Wenn nicht, werden sie erst einmal nach Marchegg gebracht, wo sie ein Computer zur internationalen Übermittlung ihrer Fingerabdrücke und eine kahle Zelle mit grüner Schlafmatte und Decke erwartet.

Nach einem Gespräch mit einem Dolmetscher, der meist am nächsten Tag zur Stelle ist, führt die Reise für alle Asylwilligen nach Traiskirchen. "Die meisten warten darauf, dass sie nach Traiskirchen kommen und lassen sich widerstandslos festnehmen", bekunden Polizei- und Heeresvertreter einhellig. Schusswaffengebrauch sei äußerst selten und wenn, dann nur zur Warnung. "Ein illegaler Grenzübertritt ist nicht mehr als eine Verwaltungsübertretung", sagt Thenner, "nur Schlepper sind Kriminelle." Das Flüchtlingslager ist für viele eine eingeplante Zwischenstation, von der sie weiter nach Italien oder Frankreich geschleppt werden. "Die Schlepper sind wie Reisebüros", schildert Sepp Erhard vom Militärkommando Burgenland. Im Schnitt werden zwischen 4000 und 10.000 Euro gezahlt, je nachdem, ob die Minimalvariante (bis zum jeweiligen Grenzübertritt) oder all-inclusive (samt Übernachtung und Arbeitsplatz im Zielland - meist ein Schmäh) "gebucht" wird. Durch die rigorose Grenzüberwachung wird der Preis hochgehalten.

Rückblickend zahlte auch Prinz Eugen von Savoyen einen hohen Preis - allerdings für den sündteuren Umbau von Schloss Hof in eine barocke Sommerresidenz, die zugleich als Bollwerk nach Osten den Triumph über die Türken symbolisierte. Prinz Eugen, selbst ein Flüchtling, der einst von Frankreich nach Wien kam und es dort zum gefeierten Feldherrn brachte, hatte die alte Grenzfestung an der March-Donaumündung 1725 erworben. Durch den Frieden von Passarowitz 1718 war die Türkengefahr endgültig abgewendet und die Wehrbauten konnten als wohnliche Schlösser genutzt werden. Nach dem Tod Prinz Eugens interessierte sich nur noch Maria Theresia für Schloss Hof, es verkam zusehends. 1898 übergab Kaiser Franz Joseph die Anlage der k. u. k. Armee. Später wurde sie vom österreichischen Bundesheer genutzt, bis sie 1938 an die deutsche Wehrmacht überging. 1945 wurde diese von der Roten Armee abgelöst, die bis 1955 blieb. Heute ist Schloss Hof ein Ausflugsziel, das Militär, das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an die Grenzen zurückkehrte, ist aber immer noch präsent. Seit 1999 sind neben der Grenzpolizei über 200 Soldaten an der March stationiert, um an der Schengen-Außengrenze "Illegale" herauszufiltern.

Dabei scheint der "legale" Grenzübertritt angesichts der nächtlichen Bewegungen eher seltsam. Und ebenfalls gar nicht so einfach zu bewältigen. Das Land östlich der March ist zwar mittlerweile EU-Mitglied, die Völkerverständigung ist aber auf ein Minimum reduziert. Auf einem Abschnitt von 80 Kilometern gibt es nur zwei Orte, die eine Brückenverbindung mit der Slowakei haben: in Hohenau eine Zugbrücke und eine schwimmende Brücke, in Marchegg eine Zug- und Autobrücke. Nicht zu vergessen die Fähre am Grenzübergang von Angern, die jährlich rund 50.000 Personen in einem aufgemotzten Floß, das sechs Autos fasst, von einem Ufer zum anderen bringt. Verlassen kann man sich aber nicht darauf, denn die Fähre fällt ständig aufgrund hohen Wasserstandes und manchmal weniger durchsichtiger Gründe aus. Für einen Einzelfahrschein für die nur wenige Minuten dauernde Überfahrt sind 30 Slowakischen Kronen zu berappen, in Euro kann gar nicht gezahlt werden.

Die Fähre ist nämlich im Besitz des Bürgermeisters vom slowakischen Nachbardorf Záhorská Ves, genauso wie die Brandruinen einer ehemaligen Zuckerfabrik, deren Schlot vom Angerner Ufer aus das einzige sichtbare Zeichen vom Leben auf der anderen Seite ist. Der weiße Lieferwagen eines jungen Mannes, der von dort kommt, wird genau inspiziert. Nicht beachtet werden die drei Frauen mittleren Alters, die schwer in die Pedale zu treten haben, ob der Wucht aller festgeschnallten Einkäufe. "Dort sind viele Roma", erklärt Georg Muth, Kommandant der Grenzpolizeiinspektion Marchegg. "Jeden Sonntag gibt es eine Völkerwanderung. Sie streifen durch den Müll, ziehen Waschmaschinen und Kühlschränke heraus und transportieren sie mit der Fähre zurück."

Freier Warenverkehr

Weniger genutzt wird der freie Warenverkehr von der hiesigen Bevölkerung: Nur dreimal war er in seinem knapp 40-jährigen Leben "drüben", erzählt Friedrich Ganselmaier, der die Friteuse beim "Schnitzelfritz" bedient, einer Imbissbude an der trostlosen Ortseinfahrt von Angern. Und da war er auch "schnell wieder weg". "Das größte Problem ist, dass es für Autofahrer nur einen fixen Grenzübergang gibt. Die Region wird seit dem Krieg vergessen. Von den EU-Töpfen sehen wir nichts. Wie soll man da Geschäfte machen?", fragt sich Ganselmaier, Schnauzbartträger, und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Im Vergleich dazu, dass es im Bezirk Gänserndorf nur zehn Zimmer gebe und eventuelle Gäste schlichtweg keine Unterkunft fänden, berührt ihn die illegale Einwanderung wenig.

Die letzten an der March im Bezirk Gänserndorf aufgegriffenen Flüchtlinge waren zwei Männer und zwei Frauen aus der Republik Moldau. 2000 Euro habe sie bezahlt, erzählte eine der Frauen bei der ersten Einvernahme in Marchegg. Weggefahren sei sie in der Leninstraße in Tiraspol in der abtrünnigen Republik Transnistrien, welche Grenzen sie in dem Lkw überquert habe und wo sie sich befinde, wisse sie nicht. Das war alles, was sie angab. "Manche geben aus Angst vor Abschiebung und unter dem Druck der Schlepper nicht einmal zu, dass sie über die March gekommen sind", berichtet Muth.

Zurzeit sind es fast ausschließlich russische, moldawische, georgische und ukrainische Staatsbürger, die über die March kommen. An der Herkunft der "Illegalen" lässt sich die Chronologie internationaler Konflikte ablesen: angefangen mit 180.000 Flüchtlingen nach dem Ungarn-Aufstand 1956 oder jenen 162.000 nach dem Prager Frühling 1968, die noch mit offenen Armen empfangen wurden. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs strömten rund 1000 Menschen pro Woche über die Grenze - die bald danach dicht gemacht wurde. Kurz darauf kamen die Flüchtlinge vom Balkan, Ende der 1990er-Jahre Kosovo-Albaner. In den Jahren 2000 und 2001 führten Afghanen die Statistiken an, und noch vor dem Einmarsch der Amerikaner begann die Welle von irakischen Flüchtlingen. 2004 und 2005 folgten die Tschetschenen.

Für den Einsatz an der Grenze werden die Rekruten intensiv auf "alle erdenklichen Situationen" vorbereitet, wie Oberst Sepp Erhard versichert. Bis zu zehn Stunden Dienst versehen Soldaten wie Polizisten am Stück, ausgerüstet mit Nachsichtgeräten, Restlichtverstärkern und Wärmebildkameras. "Zehn Stunden in der Nacht in den Monitor reinschauen ist anstrengend", bestätigt ein junger Polizeibeamter. "Da ist man froh, wenn was passiert." Patrouilliert wird zu Fuß, per Fahrrad, im Boot oder im kamerabestückten Bus, Autos und Motorräder kommen weniger zum Einsatz. Die auf Pfählen stehenden Beobachtungsposten mit Weitblick werden "Baywatch" genannt - nur dralle Bikini-Mädchen sind nicht zu sehen. Das mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass eine ansehnliche junge Frau, die regelmäßig am Fahrrad vorbeidefilierte, den Rekruten so den Kopf verdrehte, dass sich in wenigen 100 Metern Entfernung mehrmals Flüchtlinge vorbeischummeln konnten. Für den gestählten Berufssoldaten, der das Bundesheer-Boot über die March steuert, ist der Grenzeinsatz "schon ein Nervenkitzel". Wie das ist, wenn man das erste Mal auf einen Menschen trifft, der ein illegaler Grenzgänger sein könnte? "Am Anfang fällt es schwer, die Leute anzusprechen. Aber für die meisten ist es ärger, wenn sie auf eine Wildsau treffen. Darauf sind die wenigsten vorbereitet." (Karin Krichmayr, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 21./22. April 2007)

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    foto: standard/christian fischer
  • Über das Wasser geschleppt: allein oder in Gruppen, meist in der Nacht. Zwischen 4000 und 10.000 Euro bekommen Schlepper.
    foto: standard/christian fischer

    Über das Wasser geschleppt: allein oder in Gruppen, meist in der Nacht. Zwischen 4000 und 10.000 Euro bekommen Schlepper.

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