Die unumstrittenen Robbenjäger

22. April 2007, 19:04
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Die Ureinwohner im Norden Kanadas dürfen unabhängig von Quoten 30.000 Robben jährlich töten - mit Grafik

Importverbote für Robbenprodukte, wie sie Dienstag in Österreich beschlossen werden, treffen sie dennoch schwer, sagt die kanadische Regierung - die Betroffenen sind gleichgültiger.

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Ottawa - "Ich warte bei ihren Atemlöchern im Eis. Manchmal einige Stunden. Und wenn dann eine den Kopf heraus steckt, erschieße ich die Robbe. Gestern erst habe ich eine ganz junge gefangen." In einer Art Singsang, den man bei Englisch sprechenden Inuit des Öfteren hört, schildert Silasie Qarpik lächelnd seine Erfahrungen. Doch an diesem Tag haben der 19-Jährige und seine Mitjäger kein Glück. Sie können den zehn europäischen Journalisten, die von der kanadischen Regierung nach Pangnirtung (siehe Grafik rechts) eingeladen worden sind, nicht zeigen, wie sie rohes Robbenfleisch essen. Hier, am Rand der Eisdecke des Cumberland Sounds, der 300 Kilometer langen Einbuchtung, aus der die Ureinwohner seit über tausend Jahren ihre Nahrung beziehen.

Hightech im Eis

Die Zeit von Hundeschlitten, selbstgeschnitzten Harpunenspitzen und ständig drohendem Orientierungsverlust sind für den Großteil der rund 30.000 Bürger der kanadischen Provinz Nunavut aber vorbei. Die Schlitten für Robbenkadaver- und -felle werden von Ski-Doos gezogen. Die Tiere mit modernen Jagdgewehren erschossen. Und das mobile GPS-Gerät weist den Jägern den Weg zurück nach Pangnirtung.

Kanadas Regierung setze verstärkt auf die "Eskimo-Karte", um die EU von einem Importverbot von Robbenprodukten abzuhalten, heißt es in Kreisen von Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen. Geheime Strategiepapiere sollen existieren, um die Gesetzgeber so umzustimmen. Behauptungen, die von Inuitvertretern als völlig absurd zurückgewiesen werden.

Von der Hand zu weisen ist allerdings ein Gleichklang der Argumente gegen das Importverbot nicht. Ein entsprechender Bann in den 80er-Jahren habe den Markt für Robbenpelz trotz Ausnahmen für die Ureinwohner zusammenbrechen lassen, argumentiert etwa Mary Simon, Präsidentin der Nationalen Inuit-Organisation ITK. Dass der Hauptmarkt für die Pelze mittlerweile in Russland und China liegt, ist ihr nicht bekannt.

"Human und nachhaltig" sei die Robbenjagd, verwendet auch Nunavuts Premier Paul Okalik die von der kanadischen Regierung mantraartig wiederholten Schlagworte. Und auch Okalik verweist auf die ökonomische Bedeutung für seine Wähler. "Wir machen keinen Unterschied zwischen ,traditioneller' und ,kommerzieller' Jagd. Das Fleisch essen wir, das Fell ist ein Nebenprodukt", erklärt der Politiker in der Provinzhauptstadt Iqaluit.

Pelze für Treibstoff

Ein Nebenprodukt, das das für die moderne Jagd benötigte Geld bringen soll. Denn Treibstoff für die Ski-Doos und Gewehrkugeln gibt es nicht umsonst. Geschätzte 30.000 Robben werden jährlich in Nunavut erlegt - von einem guten Viertel der Tiere wird das Fell verkauft.

Doch nicht nur Jagdutensilien kosten Geld, wie ein Besuch in dem großen Supermarkt in der 1500-Einwohner-Gemeinde Pangnirtung zeigt. Neben der Regierung einer der wenigen Arbeitgeber des Dorfes. Umgerechnet 7,82 Euro kostet 40 Kilometer südlich des Polarkreises ein Salatkopf. Einige wenige, aus Kalifornien eingeflogene Erdbeeren kommen auf umgerechnet 6,5 Euro. Die durchschnittlichen staatlichen Transferleistungen pro Monat für Arbeitslose und Alte: 164 bis 330 Euro.

Um die man sich Waren auch nur dann kaufen kann, wenn die überhaupt verfügbar sind. Schneestürme können die Luftverbindungen tagelang kappen. Und Großprodukte wie Möbel oder Fahrzeuge werden nur in den eisfreien Monaten per Schiff in den Ort gebracht.

Vielfältige Beute

Die vier Jäger, die mit den Journalisten im beißenden Wind in der Eiswüste des Cumberland Sound stehen, können mit der ganzen Diskussion wenig anfangen. Angst vor einem europäischen Importverbot, zu dem auch das österreichische Parlament beitragen soll (siehe Artikel unten) haben die Betroffenen nicht wirklich. "Wir haben keine Quoten, wir jagen das ganze Jahr über, wenn wir Fleisch brauchen. Wir schießen alle Tiere", schildert Noah Mosesee. Was eine traditionelle Jagd sein soll, weiß er nicht, er verwendet die am besten geeigneten Mitteln. Getötet werden nicht nur Sattelrobben wie in Neufundland und Quebec, sondern auch viele Ringelrobben. Dazu die gefährdeten Belugawale und Eisbären, für die es Fangquoten gibt. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 21./22. April 2007)

  • Stöcke, um die Tragfähigkeit des Eises zu prüfen, sind für die Inuit-Jäger lebenswichtig. Sonst regiert die Technik.
    foto: standard/michael möseneder

    Stöcke, um die Tragfähigkeit des Eises zu prüfen, sind für die Inuit-Jäger lebenswichtig. Sonst regiert die Technik.

  • Ein Viertel der Robbenfelle, die von den Bewohnern der kanadischen Provinz Nunavut produziert werden, wird auf dem Weltmarkt verkauft. Zuvor müssen sie, wie hier von Mar Battye, von der Fettschicht, dem Blubber, befreit werden.
    foto: standard/michael möseneder

    Ein Viertel der Robbenfelle, die von den Bewohnern der kanadischen Provinz Nunavut produziert werden, wird auf dem Weltmarkt verkauft. Zuvor müssen sie, wie hier von Mar Battye, von der Fettschicht, dem Blubber, befreit werden.

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    grafik: standard
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