Krimischiene: True Crimes und Fiktion

20. April 2007, 18:56
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Sebastian Junger: "Tod in Belmont" - Michele Giuttari: "Das Monster von Florenz" - Hülya Özkan: "Istanbul sehen und sterben" - Theodor Kallifatides: "Der kalte Blick"

True Crime, Boston

Der Handwerker, der ein Studio für Sebastian Jungers Mutter errichtet hatte, war wahrscheinlich der berüchtigte "Würger von Boston". Dies nahm Junger zum Anlass, die Jagd nach dem Mörder zu recherchieren. Ein schwarzer Tatverdächtiger, dem ein Frauenmord nahe Jungers Elternhaus zur Last gelegt wurde, war vielleicht zu Unrecht eingekerkert. Junger hat penibel recherchiert, lässt offen, was damals nicht zu beantworten war, heute aber dank moderner Methoden ans Licht gekommen wäre. Der (weiße) "Würger" hatte vermutlich 13 Frauen ermordet, bevor er 1967 verhaftet wurde. Ob er auch für die Tote in der Nachbarschaft verantwortlich war, bleibt fraglich. Tod in Belmont (Deutsch: Jürgen Bürger, € 20,60, Blessing) ist eine gut geschriebene Faktensammlung, in der auch politische und soziologische Hintergründe zur Sprache kommen.

True Crime, Florenz

Michele Giuttari, einst Mafiajäger, dann Leiter des Morddezernats in Florenz, hat sich in einen alten Fall verbissen, der seiner Meinung nach nie bis in alle Details geklärt wurde. Er erzählt in seinem Tatsachenbericht Das Monster von Florenz (Deutsch: K. v. Förs / R. Seuß, € 20,60, Ehrenwirth) die Geschichte des Sadisten, der zwischen 1974 und 1995 Liebespaaren im Umland der Stadt auflauerte, sie ermordete und die Frauen grauenvoll verstümmelte. Der Täter war bereits gefasst, als Giuttari seinen Dienst in Florenz antrat. Ihm fielen allerdings Ungereimtheiten und Nachlässigkeiten auf; er schloss daraus, dass es perverse Mitwisser geben musste, die immer noch gedeckt werden. Daraufhin wurde er bedroht, denunziert, zwangsbefördert, blieb aber bei seiner Hypothese. Dies ist nicht sein erstes Buch zum Fall, aber das umfassendste und reichlich bestürzend.

Fiktion, Istanbul

Hülya Özkan, deutsche TV-Redakteurin mit türkischen Wurzeln, hat den Vorteil, in zwei Welten zu Hause zu sein. Istanbul sehen und sterben (€ 8,20, Diana Verlag) kommt erst eher harmlos-konventionell daher. Die mittelalterliche Zisterne, in der eine Frauenleiche auftaucht, ist ein beliebter Sightseeing-Punkt. Trotzdem ist es gelungen, die deutsche Frau an diesen Ort zu locken und umzubringen. Die Tote war mit einem Animateur in Alanya bekannt. Kommissar Özakin und sein Assistent machen auf Touristen und simulieren einen Kurzurlaub. Hier kommt die satirische Ader der Autorin zum Tragen: Tragikomisch, wie deutsche Urlauberinnen sich an knackige türkische Animateure heranmachen. Diese wieder benützen die Damen dazu, ihren Familien monetäre Unterstützung zukommen zu lassen. Ein Handel, der nicht immer zur Zufriedenheit aller ausgeht ...

Fiction, Stockholm

Theodor Kallifatides lässt den Leser mit der instabilen Hauptfigur Kristina Vendel lange rätseln, ob sie die Rache, die sie geschworen hat, auch tatsächlich ausführen wird. Kommissarin Vendel ist von Maskierten überfallen, unter Drogen gesetzt und missbraucht worden. Der brutale Einschüchterungsversuch wurde fotografiert, die Bilder sind im Umlauf. Sie erwägt, einen russischen Kriminellen zu engagieren, um ihre Folterer aufzuspüren. Aber noch bevor sie mit ihm reden kann, wird er erschossen. Vendel mit ihrem verhängnisvollen Hang zur Unterwelt, ihre Mitarbeiter mit ihren schweren Beziehungskrisen, eine schöne Rollstuhlfahrerin und ihr Bruder bevölkern das kompromisslose und doch artifizielle Universum des Krims Der kalte Blick (Deutsch: Kristina Maidt-Zinke, € 12,40, dtv). Ein origineller, aufregender und grausamer Plot aus dem Norden. (Ingeborg Sperl, ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.04.2007)

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    foto: diana verlag
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