Gemütswaschzwang für Ariel

27. April 2007, 14:15
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Angelsächsisch: Die Schauspielerin Therese Affolter gastiert ab Sonntag am Wiener Volkstheater in Simon Stephens Stück "Am Strand der weiten Welt"

Wien – Therese Affolter, die der Luftgeist Ariel unter lauter Calibans ist, ein über allen Schnürbodenhöllen frei schwebendes, quecksilbriges Wesen, spielt ab kommendem Sonntag eine Mutter in dem womöglich besten Stück der laufenden Saison: Am Strand der weiten Welt von Simon Stephens spielt ganz strandlos in Stockport (GB), etwa in Sichtweite zu Manchester. In einem Distrikt also, dessen unklar gezogene Urbanitätslinien in einem von Nässe, von ungesundem Industrierauch überglänzten Schwarz verlaufen. In jener Gegend auch, in der etwa die atemberaubenden, in wildem Stakkato gehämmerten Kriminalromane von David Peace "spielen".

In Stücken von Stephens "spielt" man aber nicht. Affolter, die seit 1999 Claus Peymanns Ideen zur Verwahrlosung der Bertolt-Brecht-Pflege am Berliner Ensemble gefolgt ist, hat ihr Jahrzehnte währendes Arbeitsverhältnis mit dem Patron gelockert – "ich wollte mich wieder bewegen", wie sie sagt. Sie erhielt einen Anruf des Wiener Volkstheaters, das sich beherzt um die Erstaufführungsrechte eines konkurrenzlos spannenden Thrillers bemühte: ein Thriller, in dem buchstäblich nichts passiert.

Nichts? "Diese Geschichte einer Familie ist nicht auf Nordengland beschränkt, sondern kann überall auf der Welt existieren", sagt Affolter: "Sie ist sehr exemplarisch. Ein Kind stirbt – es kommt unter das Auto –, und diese Katastrophe wirft alle Figuren aus ihrer Bahn. Am Schluss versuchen die Eltern, die ihr Kind verloren haben, einander ins Gesicht zu sehen."

Aber was sind das für Gesichter? Erbarmungswürdig auseinander laufende. Jedem verknappten Satz entspricht exakt ein kleiner Zusammenbruch. In jedem Normalitätsakt, jedem Versuch von Zärtlichkeit schlummert ein Wachruf zur Bestialität. Stephens’ Menschen sind die (zwischenzeitlich) getreuesten Nachfahren der in gelbes Knitterleinen gekleideten Anton-Tschechow-Figuren. Sie wollen "nach Moskau" – also in das durch die Globalisierungsexzesse für sie unerschwinglich gewordene London. Sie pflegen (angeblich) Traditionen – wissen aber nicht, wo ihr Rückhalt sitzt, wenn die Katastrophe ihre Gemüter ausschwemmt.

Affolter, die doch – Peymann sei Dank! – an Brecht geschult ist, an Sprachartisten wie Heiner Müller und Thomas Bernhard, kann ihr Glück kaum fassen: Sie spielt, in der Wiener-Volkstheater-Regie des Briten Ramin Gray (Premiere am Sonntag, 19.30 Uhr), eine verknöcherte Mutter, die ihren halbwüchsigen Buben Brote schmiert – und unter dem Eindruck des Kindesverlustes eine (tendenziell) selbstbestimmte Frau wird ...

Affolter wirkt froh: endlich angelsächsisch! "Nach Wien" (dem sie kraft ihres Gemahls immer verhaftet blieb)! Sie dementiert, dass der Brite Simon Stephens, dessen Kriegsveteranentragödie Motortown einen Sensationserfolg im vergangenen Festwochen-Jahr markierte, ein naturalistischer Sensationsschreiber sei.

Gehobene Sprache

"Am Strand... ist ,realistisch‘", sagt Affolter: "Es besitzt noch in der deutschen Übersetzung eine gehobene, eine künstlerisch durchgearbeitete Sprache." Jeder Satz – eine regelrecht anberaumte Handlung. Jede alltäglich beiseite gesprochene Bemerkung – ein Zündholz für den emotionalen Steppenbrand.

Und so hofft Affolter unbedingt auf Wirkung: Weil sie, wie sie sagt, an das Pathos glaubt! Ihre Brecht-Frauen sind resolute Nervenbündel. Brecht "mag sie noch immer". Seinen vielfach vernachlässigten Texten müsse nur wieder "Geschichte zukommen". Affolter: "George Tabori hat mir einmal gesagt, noch damals in Wien: Die Zeiten werden schon wieder so werden, dass Brecht und Heiner Müller von unbedingter Aktualität sind! Und George wollte durchaus nicht, dass die Zeiten für die Menschen ,schlecht‘ werden..."

Sich selbst macht sie es auch nicht leicht: Sie spielt, ehe sie am BE womöglich in Routine verfällt, am Tübinger Zimmertheater ganz klein ganz große Frauen. Etwa das Sätze zerkleinernde, sächsische Monster namens Gertrud– eine Figur aus der Sprachwerkstatt des verrückten Wortbildhauers Einar Schleef. "Sprache", sagt sie. Sie lächelt. Sie will verstanden werden. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 21.04.2007)

  • Therese Affolter: von 1986 bis 1999 an Claus Peymanns Burg – heute selbstbewusste Gelegenheitsartistin.
    foto: regine hendrich

    Therese Affolter: von 1986 bis 1999 an Claus Peymanns Burg – heute selbstbewusste Gelegenheitsartistin.

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