Exorzismus in Kärnten

20. April 2007, 17:50
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"Mara Kogoj", Kevin Vennemanns quälend ambitionierter Roman über Heimattreue und die Logik der Rechten

Am 25. April 1945, wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs, beging das SS- und Polizeiregiment 13 am Peršmanhof ein Massaker an Kärntner Slowenen und brannte den Hof nieder. In einem Seitental von Bad Eisenkappel/Železna Kapla gelegen, war dieser einer der größten Bauernhöfe der Region und beherbergte eine 15-köpfige Familie. In den Kriegsjahren diente er außerdem als Versteck für Partisanen.

Zur Erinnerung wurde in Völkermarkt/Velikovec ein Partisanendenkmal errichtet. Unbekannte Täter sprengten es 1947. Inzwischen steht neben den Überbleibseln des Hofes ein bronzefarbenes Denkmal. "In aller Abgeschiedenheit wurde der Peršmanhof zum Gedächtnis- und Gedenkort", informiert die Gedenkstätte Peršmanhof auf ihrer Website. "Wahrscheinlich, weil es der einzige Ort ist, wo an das Massaker erinnert und der Geschichte der Kärntner PartisanInnen gedacht werden kann."

Dieses Massaker, für das nie jemand rechtlich belangt wurde, greift der deutsche Autor Kevin Vennemann in seinem zweiten Roman Mara Kogojauf. Warum Kärnten? Vielleicht, weil der 30-Jährige, dessen Debüt Nahe Jedenew (2005) hoch gelobt wurde, wegen eines Wohnsitzes in Wien ein Naheverhältnis zu Österreich hat. Noch mehr aber, weil er sich als politischer Schriftsteller versteht und diese Geschichte und ihre konsequente Nichtaufarbeitung ihn deshalb gereizt haben muss.

Mara Kogoj hat seinen Namen von einer der drei Figuren in dem Roman. Mara und ihr Kollege Tone Lebonja führen eine Interviewstudie durch, in deren Rahmen sie heimattreue Kärntner aus ihrer Lebens- und Gedankenwelt erzählen lassen. Möglichst ohne Zwischenfragen, frei von der Leber weg. Zu Fixterminen werden da die Besuche von Ludwig Pflügler.

Der 60-jährige, also kurz nach Kriegsende geborene Pflügler ist ein besonders drastischer Verfechter des sich streng deutsch verstehenden Kärntnertums. Um der gefühlten Bedrohung durch die slowenische Minderheit Ausdruck zu verleihen, gibt er kurzlebige Vierteljahresschriften über Brauchtumspflege heraus und stand auch mehrfach wegen Verstößen gegen das Wiederbetätigungsgesetz vor Gericht.

Pflüglers Reden wirkt für einen Mann, der ganz genau zu wissen glaubt, was richtig und schützenswert ist, erstaunlich wirr. Offensichtlich ist er einerseits zumindest leicht paranoid, andererseits auch darum bemüht, zu verschleiern und sich nicht zu sehr in die Karten sehen zu lassen. Im Besonderen betrifft das die Rolle, die sein Vater beim Massaker auf dem Peršmanhof möglicherweise gespielt hat.

Über die Kriegsjahre des Vaters schweigt Pflügler daher lieber. Schließlich hat der rechte Rand Jahrzehnte darauf verwendet, eine verbindliche Erzählung zu schaffen, nach der es die Partisanen selbst gewesen seien, die den Hof niedergebrannt haben.

Der Monologisierende verwickelt seine Zuhörer in ein Spiel, das diese unterschiedlich stark belastet. Lebonja bemüht sich um Unbefangenheit, Mara Kogoj taucht mehrmals für längere Zeit unter, weil sie die ewiggleichen Geschichten nicht mehr erträgt: "Ich kann es einfach nicht mehr hören, das versichere ich Ihnen. Ich hasse es, immer und immer wieder, tagtäglich wieder dasselbe Thema im weitesten Sinne, immerzu dasselbe, langweilig, zermürbend. Es lähmt mich so sehr und macht mich hilflos, ganz krank: immer nur ein Thema im Kopf haben zu können, all diese nötigen Vorsichts- und Rücksichtnahmen, heiklen Themen, Dinge, die man nicht an- und aussprechen darf, wie man will, immer dasselbe, niemals ein unverkrampftes Verhältnis zu irgendwas (...)."

In verhältnismäßig klar formulierten Passagen wie diesen übt Vennemann so etwas wie Selbstkritik an Sprache und Stil seines Romans. Für den Rest des Buches nämlich gilt: Wenn Thomas Bernhard, in dessen Sinne hier eine notwendige "Korrektur" vorgenommen wird, Musik schrieb, schreibt Vennemann Kakophonien. Wie die verdrehten oder schlicht gelogenen Erinnerungen aus Pflüglers Mund stimmen viele Sätze auch formal nicht.

So stellt Mara Kogoj einen auch nicht mehr wirklich hypermodernen Remix von Jelinek und Bernhard mit einem Schuss Cultural Studies und einem Hang zu unorthodoxem Satzbau dar. Vennemann verwendet viel Energie auf seine bisweilen arg verkünstelte Sprache, die Figuren dienen nur als Sprechblasenträger und bleiben entsprechend blass.

Trotz der Unstimmigkeiten ist Mara Kogoj ein Buch, über das geredet werden sollte. Es schärft den Blick für die sprachlichen Ausweichmanöver der so genannten Heimattreuen. Und es findet für das Denken von Politikern wie Jörg Haider, den man als televisionäre Konstante schon nur mehr als Bild mit Ortstafel vor Augen hat, dann doch sehr klare Worte:

"Auf die Frage, warum man sich so gewehrt hatte gegen das Erlernen des Slowenischen, weiß Pflügler nichts zu antworten als: man habe diese Spache nicht gewollt. Aber warum, und Pflügler: Man habe sie nicht gewollt." Am Ende stimmt man mit dem Klappentext überein, man hat eine "womöglich wahre Version der Geschichte gehört". Der Weg zur Wahrheit gestaltet sich allerdings qualvoll wie ein Exorzismus. Mit hermetischer Sprachgewalt treibt Vennemann durch ein Gestrüpp von mühsamen Sätzen und Pseudo-Sätzen. Der Leser bleibt auf der Strecke. Müsste ein Minderheitenbuch nicht vielmehr so geschrieben sein, dass es die Mehrheit in die Pflicht nimmt? (Sebastian Fasthuber / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 20.04.2007)

Kevin Vennemann, "Mara Kogoj". Roman. € 17,30/218 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2007.

Der Autor liest am 26. 4. um 19.30 Uhr im Robert-Musil-Institut, 9020 Klagenfurt, Bahnhofstr. 50/I (1. Stock), und am 2. 5. um 19 Uhr in der Alten Schmiede, 1., Schönlaterng. 9, aus dem besprochenen Roman.
  • Artikelbild
    buchcover: suhrkamp
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