Das Sabbatical klingt in der Theorie perfekt. In der Praxis allerdings bröckelt der Glanz gehörig ab
Es klingt wirklich viel versprechend: Man braucht ein halbes oder ganzes Jahr nicht zu arbeiten, erhält zumindest einen Teil des Gehalts weiter und kehrt dann erholt an den Arbeitsplatz zurück. Doch in der Praxis hat sich das Sabbatical in den meisten Berufen zumindest noch nicht durchgesetzt. "Pro Jahr nehmen etwa ein bis zwei Mitarbeiter eine Auszeit", berichtet Barbara Werwendt, Sprecherin von
Hewlett Packard. Insgesamt hat das Unternehmen in Österreich 750 Mitarbeiter.
Grundsätzlich sei man dafür offen, konkret müsse ein Sabbatical mit dem jeweiligen Manager beim Mitarbeitergespräch vereinbart werden. "Es kommt darauf an, ob die Auszeit in das Jobkonzept passt", so Werwendt weiter. "Eine Garantie auf den angestammten Arbeitsplatz gibt es nicht, es wird jedoch für eine äquivalente Position gesorgt", erzählt die HP-Sprecherin. Diene die Auszeit der Weiterbildung, sei es selbstverständlich möglich, danach eine neue Position einzunehmen. Auch in der Telekom-Branche ist ein Sabbatical in der Betriebsvereinbarung enthalten, genutzt wird es nach Angaben der Gewerkschaft der Privatangestellten allerdings so gut wie nie.
Karriereknick
"Kein Wunder", sagt Michael Meyer von der Wirtschaftsuniversität Wien dazu. Er hat gemeinsam mit Kollegen die Karrieren von WU-Absolventen untersucht und dabei eindeutig festgestellt: "Eine Unterbrechung, die länger als ein üblicher Urlaub dauert, schadet der Karriere massiv". Dies gilt vor allem für Männer: Wer ein Freijahr nimmt – ausgenommen davon ist Arbeitslosigkeit –, steigt weniger auf und verdient weniger.
"Bei Frauen ist der Unterschied zwischen jenen, die sich ein Freijahr gönnen und denen, die es nicht tun, nicht so extrem", erzählt Meyer. Das Argument, dass Mitarbeiter nach der Auszeit deutlich motivierter an ihren Arbeitsplatz zurückkommen, entkräftet der WU-Professor. "Wenn sich ein Mitarbeiter für ein halbes oder ganzes Jahr ausklinkt, ist das ein knallhartes Signal dafür, dass seine Motivation was hat. Unternehmen verlieren dann häufig das Vertrauen in diesen Mitarbeiter." Vor allem dann, wenn das Sabbatical nicht genommen wird, um eine Weiterbildung zu absolvieren.
In diesem Zusammenhang richtet er einen Appell an die Arbeitgeber: „Eine gesunde Organisation müsste von vornherein verhindern, dass Mitarbeiter ausgebrannt sind und eine Auszeit brauchen.“ Weniger problematisch ist eine Auszeit bei Berufen, die projektbezogen arbeiten, oder bei Lehrern.
Etwa 1000 Bundeslehrer haben sich im Vorjahr für ein Jahr freistellen lassen, ein Gesetzesentwurf schlägt nun vor, dass die Möglichkeit des Sabbaticals für alle Bundesbediensteten gelten solle. Genutzt wird die Auszeit meist von Lehrern in mittleren Jahren, aber auch jüngere gönnen sich gelegentlich ein Jahr schulfrei, berichtet Wolfgang Stelzmüller, Sektionschef im Unterrichtsministerium.
Während bei manchen Berufsgruppen Überstunden gesammelt und während der Auszeit abgebaut werden, gilt für Lehrer ein Fünf-Jahres-Rhythmus. Vier Jahre wird gearbeitet, dann hat man ein Jahr frei, erhält aber fünf Jahre lang nur 80 Prozent des Bezugs.
Auszeit zum Lernen
Wer sich dennoch unbedingt eine Auszeit gönnen möchte, dem rät Michael Meyer Folgendes: "Ein geeigneter Zeitpunkt ist etwa, wenn sich die Dynamik der Karriere verlangsamt. Oder wenn man den Karriereplafond erreicht hat und sich möglicherweise ohnehin beruflich neu orientieren will."
Und noch eines rät er: Sich in dieser Zeit auch weiterzubilden macht immer ein besseres Bild, als nur auf Weltreise zu gehen. (Ursula Rischanek, DER STANDARD, Printausgabe 21./22.4.2007)
Auszeit für Forschung
Der Begriff „Sabbatical“ wird von einem biblischen Brauch, der im Zweiten Buch Mose beschrieben wird, abgeleitet. Dort heißt es: „Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen lassen.“
Was heute im deutschsprachigen Raum als „Forschungsfreisemester“ bezeichnet wird, wurde zunächst an amerikanischen Hochschulen eingeführt: US-Professoren haben oben genannte Bibelstelle für ihren eigenen Berufsalltag umgemünzt. Sie nahmen sich Auszeiten von einem halben oder ganzen Jahr, um sich in dieser Zeitspanne voll und ganz der Forschung widmen zu können.