Kallen: "Österreicher euphorischer als Portugiesen"

24. Juli 2007, 19:29
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Euro-Geschäftsführer sieht trotz Liga-Chaos und lauer Stimmung keinen Grund zur Beunruhigung - ein Interview

Wien - Nach der EM 2004 in Portugal fungiert der Schweizer Martin Kallen auch bei der EURO 2008 als Geschäftsführer. Im Interview mit der APA sprach Kallen am Freitag in Wien u.a. über den Ticket-Rekordansturm, die immense Bedeutung der sportlichen Leistungen der Gastgeber-Länder, die hohe Begeisterungsfähigkeit der Österreicher, die Mentalitätsunterschiede zwischen Österreich und der Schweiz oder die TV-Verhandlungen mit dem ORF.

Die Anfragen in der ersten Ticketphase haben sämtliche Rekorde gesprengt. Ist die EM 2008 vor allem auf Grund der zentraleuropäischen Lage von Österreich und der Schweiz ein derartiger Fan-Magnet?
Kallen: "Nicht nur. Die EM hat sich als Turnier enorm weiterentwickelt. Zudem ist die WM im Nachbarland Deutschland noch völlig präsent. Unglaublich viele Deutsche haben sich für Tickets beworben".

Sind da nicht die im internationalen Vergleich relativ kleinen Stadien ein Hindernis?
Kallen: "Wir haben gewusst, dass Österreich und die Schweiz kleine Stadien haben. Damit haben wir uns auseinander gesetzt und damit leben wir. Das Public-Viewing wird dafür in beiden Ländern ganz groß aufgezogen, damit sind wir sehr zufrieden".

Wie stark wird der Schwarzmarkt blühen?
Kallen: "Ich glaube, dass das Problem kleiner wird. Wir haben bei den mehr als 10 Millionen Anfragen die Daten gecheckt und potenzielle Schwarzmarkt-Organisationen ausgesondert. Eines ist aber fix: es wird sicher Tickets auf dem Schwarzmarkt geben".

Wie wichtig für das Turnier wird der sportliche Erfolg von Österreich und der Schweiz?
Kallen: "Punkto Euphorie kann das bis zu 50 Prozent ausmachen. Das bringt Stimmung, das bringt Herz. Die österreichische Mannschaft macht Fortschritte, in der Schweiz ist das eher das Gegenteil, die sind nach einer tollen WM jetzt in einem kleinen Loch".

Sie waren ja auch 2004 in Portugal als Geschäftsführer tätig. Ist die Begeisterungsfähigkeit der Portugiesen nicht deutlich größer als die der recht kühlen Österreicher oder Schweizer?
Kallen: "Das sehe ich anders. In Portugal hatten wir noch kurz vor der EM nicht die große Aufmerksamkeit. Alles hat mit dem Eröffnungsspiel angefangen. Die Portugiesen haben sich dann von Spiel zu Spiel gesteigert und bis zum Finale eine Wahnsinnsstimmung erzeugt. Wäre Portugal in der Vorrunde gescheitert, wäre die EM nach der Gruppenphase zu Ende gewesen. Ich bin der Meinung, dass die Österreicher da anders und im Allgemeinen euphorischer als die Portugiesen sind".

Aber die große Euphorie ist in Österreich noch nicht zu spüren.
Kallen: "Ein Jahr vorher müssen wir ja noch nicht bei 100 Prozent sein. Spätestens zu Jahresbeginn werden Vorfreude und Stimmung wachsen".

Mit wem ist es denn schwieriger zu arbeiten und zu organisieren, mit den Österreichern oder mit den Schweizern?
Kallen: "Die Schweizer sind ein bisschen planerischer und dadurch ein bisschen komplizierter. In Österreich gibt es auch Pläne, aber man reagiert schneller. Die Österreicher sind eher die Latinos, die kreativer und etwas später arbeiten. Die Schweizer haben einen Planungsfimmel. Ich würde sagen, dass es sich ausgleicht. Beide haben Vor- und Nachteile".

Die Diskussion mit dem ORF um die TV-Rechte ist ja nach wie vor nicht geklärt, wie schaut der Stand der Dinge aus?
Kallen: "Ich hoffe, dass das schnellst möglich erledigt wird. Wir waren eigentlich schon vor dem Abschluss, aber jetzt zieht es sich wieder in die Länge. Beide Seiten wollen den Vertrag am Besten noch heute unterzeichnen".

Auf Österreichs Sport-Seiten dominiert seit vielen Wochen das Chaos in der heimischen Bundesliga. Wie schädlich könnte das für den Ruf des österreichischen Fußballs bzw. die EM sein?
Kallen: "Prinzipiell sind das zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber solche Situationen sind nie gut für den Fußball im Allgemeinen. Wichtig ist, dass jetzt wieder professionell gearbeitet wird".

Wie schlimm wäre es fürs Turnier, wenn sich Kaliber wie Weltmeister Italien oder England nicht qualifizieren sollten?
Kallen: "Ein Scheitern Englands hätte doch einen gewissen Einfluss, weil die Fans extrem begeisterungsfähig sind und sehr viel Farbe mitbringen".

Die EM 2012 wurde an Polen und die Ukraine vergeben. Wie ist dieses Signal zu verstehen?
Kallen: "Eine EM erstmals im Osten ist eine interessante Aufgabe. Und politisch ein richtiges Signal. Das sind zwei große Märkte, die sich die EM verdient haben. Polen und die Ukraine werden alles tun, um sich 2012 von der besten Seite zu zeigen".

Die Aufstockung der Teams bei der EM-Endrunde ist für 2012 kein Thema, könnte es zu einem späteren Zeitpunkt dazu kommen?
Kallen: "Wir haben auf Anfrage des schottischen Verbands Analysen durchgeführt. Weitere Analysen werden folgen. Für die kleineren und mittleren Verbände wären 24 statt 16 Mannschaften natürlich gut. Vom sportlichen her sind aber 16 Teams ideal, denn bei 24 verwässert sich die Qualität. Und das Format mit 24 Teams ist nicht so ideal wie mit 16 oder 32". (APA)

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    Martin Kallen: "Spätestens zu Jahresbeginn werden Vorfreude und Stimmung wachsen."

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