Alle Kraft für die Hightech

20. April 2007, 17:00
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Berufsbilder und der Arbeitsmarkt am Hightech-Standort Österreich sind Thema des aktuellen Karrierenforums, für das die Personalberater der Iventa renommierte Unternehmen und Institutionen zur Diskussion versammelten

Unbestritten die Basis: Auch wenn man nie genug Innovation haben könne – Österreich hat nicht zu wenig Hightech als Innovationstreiber, sagt die Runde und lehnt traditionelle Einteilung nach Branchen ab. Auch Stahl und Bergbau wenden Hightech an, Österreich könne in den verschiedensten Sparten Hightech-Weltmarktführerschaft auch kleinerer Unternehmen herzeigen.

Aber – Thema aller Diskutanten: Talente national und international halten, ausbauen, anlocken. Da stehe Österreich in einem globalen Wettbewerb, etwa mit Dänemark, das Wissenschaftern drei Jahre Steuerfreiheit gewähre, aber auch Universitäten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen sowie deren verschiedene Standorte stünden im Wettbewerb um die gesuchten Talente.

Dabei, so Markus Reinhard, HR-Director und globaler R&D-Verantwortlicher bei Baxter, gehe es nicht bloß um die Forscherelite, sondern auch um die Menschen in den Ebenen darunter, etwa im Labor, die Spitzenforschung erst ermöglichen würden.

Dazu zitiert Gerhard Riemer, in der Industriellenvereinigung für Bildung, Innovation & Forschung zuständig, eine hauseigene Studie: Kein Hightech-Land in Europa werde rund um 2010 eine größere Lücke beim Nachwuchs von Technikern und Naturwissenschaftern haben als Österreich. Das könnten rund 1000 Absolventen jährlich in Naturwissenschaften und in der Technik sein. Dies, obwohl Unternehmen dort großes Wachstum sehen.

Diesbezüglich wird stark auf das Wegbereiten für Mädchen in technische und naturwissenschaftliche Berufe gesetzt. Tanja Aicher, Senior Consultant der Iventa, ortet zum Frauenthema insgesamt aber in der Unternehmenslandschaft noch notwendiges Umdenken. Iventa-Chef Martin Mayer moderierte die Diskussion.

Werner Lanthaler, Finanzchef des Biotech-Börsenunternehmens Intercell, hält „revers brain drain“ für eine Schlüsselaufgabe am Hightech-Standort Österreich. Er erinnert an die aus den USA heimkehrenden indischen und chinesischen Spitzenwissenschafter, er erinnert an einen globalen Wettbewerb um diese Menschen, etwa mit zehnjähriger Steuerbefreiung in Singapur. „Aggressives Personalmarketing“ etwa in Pakistan und im Jemen, berichtet Birgit Beck, Head of HR in der OMV Exploration & Production, sei ein Ausweg des Erdölkonzerns aus dem Mangelzustand an Erdölexperten: "Die Montan-Uni Leoben hat nicht genug Absolventen, und diese gehen nicht mehr automatisch zur OMV oder zur Voest."

Die Suche müsse also international angelegt sein, vor allem auch, was erfahrene Spezialisten betreffe, die oft nur in Australien oder Großbritannien zu finden seien, was natürlich die Gehaltsspirale treibe. Beck: "Teilweise sind das fast wahnwitzige Options-Programme, die solche Leute in der Erdölindustrie angeboten bekommen".

Für Hans Rinnhofer, Geschäftsführer der Austrian Research Centers (ARC), ist es ein großes Problem, Wissenschafter in heftiger Abwerbung der Industrie zu halten: "Wir sind fast so etwas wie ein Durchlauferhitzer für die Unternehmen in puncto Fachleute."

Eine große Herausforderung, sagt Franz Wohlfart, Vorstandsvorsitzender des Hightech-Glücksspielunternehmens Novomatic, sei ein interkulturelles Umfeld, eine Unternehmenskultur aufzubauen, in der internationale Fachleute gerne arbeiten: "Bei 7600 Mitarbeitern global nützt es auch nichts, bloß verbindlich Englisch als Unternehmenssprache einzuführen."

Zwecks Absicherung fordert er dringend die Politik bezüglich mehr Flexibilität für den Zuzug von Spezialisten plus arbeitsrechtliche Flexibilität nach dem dänischen Modell. Auch wenn eine F&E-Quote von rund 2,6 Prozent in Österreich nicht schlecht sei: Dies sei nicht genug, es herrsche dringend Handlungsbedarf zwecks Absicherung des Hightech-Standortes.

Lanthaler erklärt am Beispiel des iPod, bei dem 30 Prozent der Arbeit, aber 70 Prozent der Wertschöpfung in den USA liegen, dass es um die richtigen Hebel dafür gehe, nicht um viele Hebel: "Wir haben uns vom Paradigma der meisten besten Köpfe verabschiedet und sagen: die Qualität für die meiste Wertschöpfung."

Tanja Aicher illustriert aus der Praxis pragmatisch die Probleme in diesem Arbeitsmarkt: Wettstreit herrsche nicht bloß um Spitzenwissenschafter, Mangel bestehe praktisch durch die Bank auf den Ebenen darunter. Quereinsteiger hätten es aufgrund fortschreitender Spezialisierung immer schwerer, und: "Durch alle Levels sind Packages gefragt. Bei einer Ansprache vermarkte ich heute nicht nur das Unternehmen, sondern die Stadt, das Land, seine Sicherheit, das Steuersystem, das edukative Umfeld für die Kinder, die Chancen für die Partner." Sie könne nur an wirklich strategisches Personalmanagement in den Unternehmen appellieren und aufrufen, Frauen verstärkt anzusprechen. Allerdings: FH-Absolventen hätten oft unrealistische Vorstellungen von ihrem Karrierestart und den Einstiegsgehältern, merkt sie an.

Dass Standort- und Headquarter-Fragen auch immer politische Dimensionen haben, bleibt auch unbestritten. Riemer: "Da in Österreich 47 Leading Competence Units für 31 Prozent der F&E-Investitionen stehen, ist Halten und Ausbauen natürlich in jede Richtung das Thema. Niemand schläft, nicht in Kuala Lumpur, nicht in China, nicht in Europa."

Eine weitere Strategie der OMV wider den Mangel an Spezialisten sei die gezielte Förderung von Expertenkarrieren, gleichrangig zur Führungskarriere, sagt Birgit Beck: "Sonst hat man oft einen guten Techniker verloren und eine schlechte Führungskraft gewonnen."

Rechtzeitig an die Universitäten und Fachhochschulen gehen, rät Claus Zeppelzauer, Geschäftsfeldleiter Technopole in der NÖ-Wirtschaftsagentur Ecoplus mit seinen Standorten in Krems, Tulln und Wr. Neustadt. Österreich müsse bezüglich Akquisition der Besten "etwas großzügiger denken". Naturgemäß setzt er stark auf Vernetzung, ist doch sein Arbeitsgebiet die Vernetzung von Wirtschaft, Forschung und Bildung.

Damit leitet er zum gemeinsamen Imperativ der Runde über: Schon im Kindergarten, in den Schulen müssten die Jungen zu den Zukunftschancen in Naturwissenschaft und Technik geleitet werden, noch mehr Mädchen- und Frauenförderung sei notwendig.

Programme wie femtech (bmvit) seien ein richtiger Weg. Die Unternehmen bringen dabei ihre Attraktivität ins Spiel: "Das Arbeiten mit Bakterien und Viren ist mindestens so spannend wie das Arbeiten für Prada, Gucci und YSL zusammen."

"Es ist sehr Sinn stiftend, bei Innovationen dabei zu sein, die Menschen helfen, gesund zu werden oder zu überleben", sagt Reinhard für die Baxter. OMV und Novomatic locken mit Internationalität und interkulturellem Umfeld. Wohlfart: "Von Österreich aus den Weltmarkt erobern ist schon eine Botschaft von einer ganzen Reihe heimischer Unternehmen." (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe 21./22.4.2007)

  • Ein Hightech-Standort muss nicht nur für Top-Wissenschafter attraktiv sein, es braucht auch die Talente auf den Ebenen darunter und Nachwuchs im Land selbst.
Es diskutierten:
Martin Mayer, Managing Partner Iventa Management Consulting.
Werner Lanthaler, Chief Financial Officer Intercell AG.
Hans Rinnhofer, Geschäftsführer der Austrian Research Centers (ARC).
Birgit Beck, Head of HR in der OMV Exploration & Production GmbH.
Markus Reinhard, HR-Director Baxter und globaler R&D-Verantwortlicher.
Gerhard Riemer,  Innovationsverantwortlicher in der Industriellenvereinigung.
Claus Zeppelzauer, Leiter der Technopole in der Ecoplus.
Franz Wohlfart, Vorstandsvorsitzender der Novomatic AG.
Tanja Aicher, Senior Consultant in der Iventa.
    foto: andy urban

    Ein Hightech-Standort muss nicht nur für Top-Wissenschafter attraktiv sein, es braucht auch die Talente auf den Ebenen darunter und Nachwuchs im Land selbst.

    Es diskutierten:
    Martin Mayer, Managing Partner Iventa Management Consulting.
    Werner Lanthaler, Chief Financial Officer Intercell AG.
    Hans Rinnhofer, Geschäftsführer der Austrian Research Centers (ARC).
    Birgit Beck, Head of HR in der OMV Exploration & Production GmbH.
    Markus Reinhard, HR-Director Baxter und globaler R&D-Verantwortlicher.
    Gerhard Riemer, Innovationsverantwortlicher in der Industriellenvereinigung.
    Claus Zeppelzauer, Leiter der Technopole in der Ecoplus.
    Franz Wohlfart, Vorstandsvorsitzender der Novomatic AG.
    Tanja Aicher, Senior Consultant in der Iventa.

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