Gehrer: "Ich bin jetzt eine Freifrau"

11. September 2007, 17:11
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Noch-ÖVP-Vize Elisabeth Gehrer bilanziert – und wünscht sich Andrea Kdolsky als Nachfolgerin

Bregenz – Beim Bundesparteitag in Salzburg wird Elisabeth Gehrer ihre letzte Parteifunktion, jene der Stellvertreterin des Bundes-Parteiobmannes, abgeben. Ein schmerzhafter Prozess? „Nein, man muss zum richtigen Zeitpunkt an die Richtigen übergeben.“

Die Richtige für das Stellvertreteramt ist für die Neo-Pensionistin Andrea Kdolsky. Eine „sehr tüchtige Frau“ sei die neue Ministerin. Ja, die Andrea Kdolsky soll ihre Nachfolgerin werden als Stellvertreterin des Bundespartei-Obmanns, Elisabeth Gehrer stellt entschlossen ihr Fanta-Glas auf den Gartentisch vor ihrem lachsrosa Einfamilienhaus. Um dann, die selbst gezüchteten Kakteen hinter sich und den vom Gärtner „an die vollkommen falsche Stelle gepflanzten“ Zwergahorn vor sich, wieder in der Realität zu landen: „Tät ich halt meinen.“

"Nein, das tut nicht weh" Dass sie in der Partei nichts mehr zu sagen hat, „nein, dass tut nicht weh“. Auch wenn ihr „die interessanten Aufgaben ein bisschen fehlen“. Sie sei aber „eine, die klare Striche zieht“. Ein bisserl bleiben, ein bisserl gehen, das sei nichts für sie. Deshalb wolle sie auch kein Seniorenamt in der Partei: „Neue Leute, neue Ideen sind gefragt.“

Interessiert sie, was die Neuen in der Regierung machen? „Sicher. Ich lese, schaue mir die ,Zeit im Bild‘ an und lebe mit. Es war doch mein Leben. Ich war elf Jahre, acht Monate und acht Tage in Wien. Das ist eine lange Zeit und ich hatte ein großes Ressort.“ An „ihr“ Ministerium denkt sie oft. Nicht nur beim Wandern, wenn ihr der Ministerialbeamte in den Sinn kommt, „der alles über Pilze weiß, überhaupt der größte Pilzkenner ist“. Eigentlich müsste man jetzt das Universitätsgesetz weiterentwickeln, sinniert sie. Es gäbe halt so viele Sachen, von denen man weiß, wie sie gemacht werden müssten. Aber: „Ich bin überzeugt, dass es die anderen genau so gut machen werden.“

"Gute Basis"

Gehrers Selbstbewusstsein ist ungebrochen. In der Schulpolitik „haben wir eine gute Basis gelegt“. Noch unter ihrer Mitarbeit sei „die 25er-Zahl“ festgelegt worden, „das ist ein Programm, auf dem man aufbauen kann“.

Nicht ganz verstehen kann sie, „dass man jetzt Versuche zur Gesamtschule ankündigt“. Denn die liefen in Wien schon seit fünf Jahren. Gehrers Fazit, gewohnt resolut: „Die Versuche müsste man auswerten und fertig!“ Es wäre nicht „die Liesl“, käme nicht auf den Tischklopfer der Einrenker: „Na ja, jeder muss halt irgendwie einen Anfang setzten.“

Fritz fährt gerne

Weniger milde kommentiert die Ministerin a. D. die Eurofighter-Debatte. „Die ganzen Sachen mit dem Eurofighter und die Hektik rundherum, das gibt für Österreich kein gutes Bild ab. Wir verspielen einen Bonus.“ Sie sei gegen Korruption, „das ist ja klar“, aber „so Untersuchungsausschüsse, die könnten sich wirklich negativ auswirken“, da frage sie sich: „Wer will denn noch mit uns einen Vertrag unterzeichnen?“

Und jetzt möchte sie die Rück- und Wienschau beenden. Nachtrauern sei nicht ihre Sache, sie habe einen neuen Lebensabschnitt begonnen: „Ich bin jetzt eine Freifrau, frei von allem.“

Frei für morgendliche Wanderungen, Lektüre, Reisen, Kultur und die Enkelkinder. Die Freiheit hat auch ihren Preis. Als Pensionistin müsse sie nun ihre E-Mails selbst schreiben, „aber das geht schon“, die Flugtickets selbst bestellen, „die billigen“, und auf den Chauffeur verzichten, „Aber der Fritz, mein Mann, fährt eh gern“. Was ihr aber wirklich fehlt: „Die vielen Menschen, die Freunde in Wien“ und Gleichgesinnte für eine Blokus-Spielrunde. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe 20.4.2007)

  • Jeden Morgen um acht marschiert Elisabeth Gehrer auf den Pfänder. Sie wollte kein Seniorenamt in der Partei.
    foto: christian grass

    Jeden Morgen um acht marschiert Elisabeth Gehrer auf den Pfänder. Sie wollte kein Seniorenamt in der Partei.

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