Brian Moores "Hetzjagd"

19. April 2007, 17:53
posten

Im Kopf des Vichy-Mörders - wenn die Deckung aus unzugänglichen Klöstern und staatlichem Verwaltungsapparat wegfällt

Brian Moore hat bereits Mitte der Neunzigerjahre etwas vorgeführt, das just in diesen Tagen als große Neuerung, als suggestives erzählerisches Manöver gefeiert wird. Nicht nur in Frankreich sprechen alle vom Sensationserfolg "Les Bienveillantes" des Jungstars Jonathan Littell, vom überrumpelnden Einfall, das Geschehen aus der Perspektive eines hohen SS-Mannes zu erleben, seine wahnwitzige Emotionalität, seine Binnenlogik, seine menschlichen Regungen als die eigenen wahrzunehmen.

Hauptfigur ist Pierre Brossard, ein ranghoher Angehöriger der Miliz im französischen Vichy-Regime. Als offensiver Kollaborateur mit den Nazis hat er in der Zeit der deutschen Besatzung den Transport von französischen Juden in die Konzentrationslager organisiert. Und wegen einer ganz bestimmten Aktion wird er im Jahr des Romangeschehens, 1989, als Siebzigjähriger immer noch gesucht: Er ist verantwortlich für die Erschießung von 14 Juden im südfranzösischen Dombey, ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Mehr als vierzig Jahre lang hält er sich in Frankreich versteckt und profitiert vor allem von der Unterstützung durch die katholische Kirche. Auf ausgeklügelten Routen sucht Brossard regelmäßig eine Reihe von unzugänglichen Klöstern auf, geschützt von den Kirchenoberen, die immer noch von den Feindbildern Juden und Kommunisten zehren. Jetzt aber, 1989, wird es eng. In der katholischen Kirche gibt es Tendenzen, sich der Gegenwart zu öffnen. Und Brossard sieht sich plötzlich einer Organisation gegenüber, die er nicht richtig einschätzen kann und die gedungene Killer auf ihn ansetzt.

Die Ereignisse werden immer undurchsichtiger. Er kann nicht mehr voll auf die Unterstützung der Kirche setzen. Zudem ist die anscheinend jüdische Terrororganisation, die ihn verfolgt, über seine Unterschlupfmöglichkeiten genauestens informiert. Und dann gibt es noch eine andere Größe, die ungreifbar und nur in einzelnen Schemen im Hintergrund aufscheint: Brossard konnte bisher immer auf höchste Stellen im staatlichen Verwaltungsapparat setzen, die ein ureigenes Interesse daran haben, dass er nicht gefasst wird, weil die dunkle Vergangenheit hoher Funktionsträger dann ebenfalls ins Licht der Öffentlichkeit geriete ...

Brian Moore schildert in effektvollen Szenen, wie sich die Schlinge immer weiter zuzuziehen scheint. Dabei spielen Einblicke in die verdrängte Vichy-Vergangenheit, ein Trauma im öffentlichen Bewusstsein der Franzosen, atmosphärisch eine wichtige Rolle. Zwangsläufig nimmt der Leser die Position des unheimlichen Helden Brossard ein, aber er lernt ihn gleichzeitig zu hassen, seine Geistesgegenwart, seine Berechnung, seinen perfiden Scharfsinn - eine Gratwanderung ist das, in dünner Höhenluft. (Helmut Böttiger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2007)

  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.