In the Mood for Love

27. April 2007, 14:08
posten

Grausam schöne Tristesse: Wong Kar-Wais Film ist so diskret und melancholisch wie die beiden Fast-Liebenden

Ja, manche Ehen müssen gebrochen werden, damit Leidenschaft und Lust und Liebe wieder richtig verteilt sind. Aber hier, hier läuft es anders. Die junge schöne Frau Chan und der junge gut aussehende Herr Chow begegnen sich Anfang der Sechziger in Hongkong. Sie stammen beide aus Schanghai, leben hier im Exil, wohnen auf demselben Flur zur Untermiete und sind jeweils verheiratet. Nicht lange, und sie stellen fest, dass ihre Ehepartner eine Affäre miteinander haben. Und sie wenden sich einander zu. Nichts naheliegender also, als dass auch sie miteinander ihre Ehen brechen, die sowieso schon gebrochen und zerstört sind. Nichts näher liegend? Nein, denn die beiden wollen nicht von der Erniedrigung der Ehe profitieren, die ihre Gatten praktizieren. Sie wollen "nicht so werden wie die". Aber Frau Chan und Herr Chow lieben einander, das weiß der Zuseher, der bald zum Komplizen ihres Begehrens geworden ist, besser als sie selbst. Trotzdem, das Tabu hält, auch wenn es zuweilen so wacklig scheint wie ein uralter Paravent, der beim leisesten Hauch der verborgenen Lust zusammenfällt.

In der Tat, kein Ehebruch ist sinnlicher und intensiver als derjenige, der nicht stattfindet - der Ehebruch in der Schwebe, der untersagte Liebesakt, auf den alles hindrängt und der in den kleinen verräterischen Gesten, Blicken und Sehnsüchten längst passiert ... Also mündet Wong Kar-Wais genialer Film, der so diskret und melancholisch ist wie die beiden Fast-Liebenden, in eine grausam schöne Tristesse. Im Grunde nur ein Bilderreigen über ein sexuelles Nichts. Aber wie so oft ist dieses Nichts so reich an sublimer Erotik, so verführerisch in seinem scheuen Verlangen, dass es für den Zuschauer eine seltsam wahre Freude ist: ein beglückter Voyeurismus der erotischen Versagung. Die Dialoge sind sparsam, die Begegnungen meist kurz und spröde. Aber die Sprödigkeit - und es ist eine chinesische Sprödigkeit - hat ihren vielschichtigen, zumindest ihren doppelten Boden.

Wong Kar-Wai hat sie in raffinierte Bilder von licht- und schattendurchfluteten Abendszenen, auf engen Fluren und Treppenhäusern, auf regennasser düsterer Straße übersetzt, wie von einem heimlichen Blickwinkel aus gesehen, unterlegt mit trügerisch schmelzender amerikanischer Tangomusik, vor allem von Nat King Cole - selten sieht man Sentimentalität so distanziert und dennoch so ernst genommen. Am nächsten kommen sich die beiden Liebesuchenden, als sie probieren, die Gespräche nachzustellen, mit denen ihre betrügerischen Ehegatten wohl vertraulicher und intimer geworden sind. Sie quälen sich damit erst recht, sie verstehen ihre gegenseitigen Skrupel ebenfalls erst recht, und sie kommen sich über diese verquere Bande doch nicht nahe genug, als dass der erotische Knoten platzen würde. Es ist zum Verzweifeln. (Andreas Zielcke / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2007)

  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.