Musikrundschau: Sonnenkaiser und Sombreros

26. April 2007, 16:14
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Neue Alben von Kreisky, Blumfeld, Up Bustle und eine Sammlung von triefenden mexikanischen Herzrausreißern

KREISKY
(Wohnzimmer Rec./Hoanzl)
Der im CD-Booklet in Totengräberanzügen abgebildete Vierer mit dem Namen des früheren heimischen Sonnenkaisers zählt zu den wenigen Bands, die Deutsch singen und texten können, ohne damit beim Zuhörer Fantasien auszulösen, in denen unschuldige Mitmenschen einem gewaltsamen Ende zugeführt werden. Liegt vielleicht daran, dass die Herren Klaus Mitter (Haudrauf), Gregor Tischberger (Bass, Gesang), Gregor Offenhuber (Axt) und - der auch als Austrofred beliebte und berüchtigte - Franz Adrian Wenzl (Tasten, Gesang) selbst ordentlich Dampf ablassen, was einen das Werk professionell lobenden Promoter zu dem schönen Vergleich "The Jesus Lizard treffen Udo Jürgens" veranlasste. Dem ist zuzustimmen: Jaulende Gitarren, eruptive Rhythmen und eine gewisse Fixiertheit auf Mädchen finden sich auf diesem Meisterwerk. Apropos: Der beste Songtitel lautet Wo Woman Ist, Da Ist Auch Cry. Groß! Und: Am 28. April sind Kreisky, diese verwegenen Höllenhunde, am Donaufestival in Krems live zu erleben!

BLUMFELD
Ein Lied Mehr
(Hoanzl)
Die Hamburger Institution der intelligenten deutschsprachigen Rockmucke - Knietief im Diskurs! - sind zurzeit auf Abschiedstour, werden sich also bald aufgelöst haben. Die Auflösungserscheinung begleitet die CD-Box Ein Lied Mehr. Diese bietet neben den ersten drei, noch zart am Sound von Sonic Youth orientierten Alben einen wunderbaren Livemitschnitt aus dem Wiener Radiokulturhaus sowie eine Sammlung von akustischen und live eingespielten Stücken alter Lieder - plus das den Titel der Box verantwortende neue Stück Deutschland der Deutschen. Hier lässt sich also nochmals der einstige Sturm und Drang, der Zorn und die eloquent formulierte Verzweiflung der frühen Blumfeld-Jahre nachhören, die in Folge zu gesetzteren Meisterwerken wie Old Nobody und Testament der Angst führten. Dann kamen bekanntlich die Schlager von Jenseits von Jedem und die wunderlichen Naturbetrachtungen von Verbotene Früchte. Für letztgenannte Werke wird man sie nicht vermissen, der Rest strahlt bis heute.

UP BUSTLE & OUT
Mexican Sessions
(Soul Seduction)
Nachdem das früher bei Ninja Tune veröffentlichende Produzententeam aus Bristol sich schon vor Jahren daranmachte, den damals boomenden Cuba-Sound (alte Männer, der Son ...) mit modernen Clubästhetiken kurz zu schließen, geht derselbe Zugang bei den nun vorliegenden Mexican Sessions voll auf. Wobei hier nicht streng gläubig nur mexikanisches Ausgangsmaterial Verwendung findet, sondern man die gesamte Karibikanbindung des Themenlandes miteinbezieht. Die Ergebnisse sind begnadet groovende Tracks, die oftmals ein zarter Dub-Schunkler prägt. Ein paar rostige Blechblasinstrumente kommen ebenso in den Mix wie liebliche Volksmusikmelodien oder Quetschen-Stöhner. Wer bei Erwähnung des Gotan Projects (das französische Tango-Verdünnungsmittel) momentan in den Tiefschlaf versetzt wird, kann sich von den Mexican Sessions wieder in den Wachzustand zurückholen lassen, versprochen!

MEXICAN BOLEROS: Songs Of Heartbreaking, Passion & Pain - Various Artists
(Hoanzl)
Eine Sammlung von triefenden mexikanischen Herzrausreißern aus des Jahren 1927-1957, liegt hier vor, die verdeutlicht, warum, wenn sonst gar nichts mehr geht, ein Tequila mehr immer noch Platz hat: Schmalzig, intensiv, zum Mitheulen! Una más, por favor! (flu / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2007)

  • "Mexican Boleros"
    foto: hoanzl

    "Mexican Boleros"

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