Wo sich die Gemütlichkeit aufhört

21. April 2007, 17:00
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Eine Schau im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt anhand von 16 historischen Ausstellungen den Wandel der Wohnideale

Das bürgerliche Wohnzimmer hatte ausgedient. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen der Macher der Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung" von 1927 ging. "Wie wohnen?", fragte das Plakat, das Willi Baumeister für die Stuttgarter Schau entworfen hatte. Ein signalrotes Kreuz durch ein Interieur mit Nippes, Plüsch und schweren Polstermöbeln lieferte die Antwort: ganz anders als bisher. Nämlich luftig, funktional und schön. Vorgeführt wurde dieser Bau- und Lebensstil in der Mustersiedlung "Am Weißenhof".

17 internationale Architekten unter der Leitung von Mies van der Rohe hatten dafür 33 Wohnbauten errichtet. Das Wohnprogramm für den modernen Großstadtmenschen bestand aus schlichten Bugholz- und Stahlrohrmöbeln. Die Schau fand weltweit Beachtung - nicht alle waren jedoch vom Ende der Gemütlichkeit begeistert.

Thesen und Antithesen

In der Retrospektive "Zerstörung der Gemütlichkeit?" ist "Die Wohnung" eine von 16 programmatischen Wohnausstellungen des 20. Jahrhunderts. Jochen Eisenbrand, der Kurator der Schau im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, trug aus der hauseigenen Sammlung rund 140 Möbel und Leuchten zusammen, ergänzt durch Kataloge, Fotos, Plakate und Modelle. Der Streifzug beginnt mit der noch im Banne des Jugendstils stehenden Ausstellung "Ein Dokument Deutscher Kunst" auf der Darmstädter Mathildenhöhe 1901 und endet mit dem frechen Auftritt des holländischen Kollektivs Droog Design auf der Mailänder Möbelmesse 1993.

Dazwischen liegt ein gutes Jahrhundert voller Thesen und Antithesen zum Wohnen von morgen. Ein Jahrhundert, in dem Wohnkonventionen radikal hinterfragt und gebrochen wurden, utopische Gegenentwürfe erdacht und neue Ideale proklamiert wurden.

Das Programm des Neuen Wohnens, wie es die Weißenhofsiedlung propagierte, wurde zum Prüfstein folgender Ausstellungen. Während die europäische Moderne auf strenge Stahlrohrmöbel setzte, wehte in Amerika bald ein anderer, weit weniger dogmatischer Geist. Das Museum of Modern Art (MoMA) in New York wurde zum Taktgeber dafür, was Avantgarde war. 1940 schrieb das Museum den Wettbewerb "Organic Design in Home Furnishings" aus. Als Sieger gingen Charles Eames und Eero Saarinen mit organisch geformten Schalensesseln in Schichtholz hervor. Die Präsentation der neuen, beschwingten Linie im MoMA geriet zur stilbildenden Schau. Zunehmend nahmen Kunstmuseen und andere Institutionen die Rolle des Ratgebers für Wohneinrichtungen ein. Das Detroit Institute of Arts wollte mit der Ausstellung "For Modern Living" von 1949 Inspirationen liefern. Sieben Schauräume wurden von Gestaltern wie Alvar Aalto, Florence Knoll und Charles und Ray Eames eingerichtet. In Weil lässt sich die damalige Wirkung auf den Besucher noch erahnen: Wie vor einem halben Jahrhundert blickt man über den Rücken der eleganten Liege "La Chaise" hinweg auf den Musterraum der Eames, darüber schwebt die kürzlich vom Museum angekaufte Hängeleuchte von Gino Sarfatti.

Gegenpostition zum Funktionalismus

Eine Antithese zum Funktionalismus, aber auch zum amerikanischen Styling bot das skandinavische Design. Die Skandinavier hatten eine moderne und doch anheimelnde Antwort auf die Frage nach dem Wohnen der Zukunft parat. Die zwischen 1954 und 1957 durch die USA und Kanada wandernde Ausstellung "Design in Scandinavia" feierte die "menschliche und warme Formgebung" des nordischen Wohnstils. Ganz andere Antworten lieferten eine Dekade später Verner Panton und Joe Colombo. Im Dienste des Chemie-Konzerns Bayer schufen sie unter dem Titel "Visiona" auf einem Kölner Rheindampfer Totalinterieurs. Während Panton 1968 und 1970 ein psychedelisches Gesamtkunstwerk entwarf, kreierte Colombo 1969 eine futuristische Plastikwohnlandschaft. Eine Gegenposition zum Funktionalismus markierte auch der Auftritt der Gruppe Memphis bei der Mailänder Möbelmesse 1981. Die bunten multifunktionalen Möbel verkauften sich jedoch nur als Einzelstücke. "Es gibt nur zwei Wohnungen, die ausschließlich mit Memphis eingerichtet wurden, und beide gehören Lagerfeld", erklärte Memphis-Produzent Ernesto Gismondi. "Wenn man darin fünf Minuten verbracht hat, empfindet man das dringende Bedürfnis, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen."

Die Zeit der Wohnvorstellungen aus einem Guss war vorüber. Der Stardesigner wurde geboren, die Stilvielfalt zunehmend unüberschaubarer. Die Schau schließt mit vier Ausstellungen aus den Jahren 1986 bis 1993. Zwischen der ironisch-provokativen Schau "Gefühlscollagen - Wohnen von Sinnen" im Kunstmuseum Düsseldorf und dem witzig-frischen Auftritt von Droog Design in Mailand liegt Jasper Morrisons schlichter Gegenentwurf, die Installation "Some New Items for the Home" von 1988. Die sinnlich inszenierte Schau in Weil zeigt eines deutlich: Wohnausstellungen markieren Spitzen einer Entwicklung. Manchmal generieren sie ikonenhafte Bilder, die im kollektiven Gedächtnis fest verankert sind. Immer jedoch stellen sie unsere Vorstellung vom gemütlichen Heim infrage. (Andrea Eschbach/Der Standard/rondo/20/04/2007)

"Zerstörung der Gemütlichkeit? Programmatische Wohnausstellungen des 20. Jahrhunderts".
Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 28. Mai.
  • Jasper Morrison: "Some New Items for the Home, Part I, DAAD Galerie Berlin, 1988
    foto: morrison studio

    Jasper Morrison: "Some New Items for the Home, Part I, DAAD Galerie Berlin, 1988

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    Plakate zu großen Wohnausstellungen der vergangenen 80 Jahre
    "Die Wohnung"

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    "Organic Design in Home Furnishings"

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    "Design in Scandinavia"

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    "Gefühlscollagen - Wohnen von Sinnen"

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