Raser, Luster und Gelehrte

19. April 2007, 17:00
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Der Oman ist nicht nur ein Paradies für Wüstenfans, die Berge des muslimischen Sultanats gelten auch als das Mekka von Geologen

"No problem", sagt Said, als wir auf die Reste der abgerissenen Sicherheitsgurte deuten. Auch die seitlichen Haltegriffe im Jeep hängen traurig an der Dachverkleidung. "No Problem", wiederholt Said bin Seray fröhlich, und bevor wir die Suche nach Halt schließlich aufgegeben haben, zittert die Tachonadel bereits rund um die 100-km/h-Marke. Anscheinend gibt es in der omanischen Wüste Ramlat al Wahiba irgendein Einbahnsystem, denn Said wird auch nicht langsamer, als wir uns auf der einspurigen Sandpiste einer Kurve nähern, deren Ausgang hinter einer Düne verborgen ist.

Doch das war erst der Anfang unserer Off-Road-Tour. Nach einer halben Stunde stoppt Said mit einem vorsorglichen "No problem", rückt seine Kumma, die mit orientalischen Ornamenten bestickte Kappe, ohne die im Oman kein Mann außer Haus geht, zurecht und schaltet in den Geländegang.

Keine Ahnung, wie Said es schafft, die fast senkrecht abfallende Dünenwand hinaufzufahren. Noch unerklärlicher ist die Schieflage, die uns oben erwartet, bevor es ohne Kippeffekt in einem sanften Schwung wieder abwärts geht. Und rauf, Gas weg, und runter, der Sandlawine hinterher, die der Jeep selbst ausgelöst hat. Hochschaubahnfeeling in der Magengrube, aber keine ruckartigen Richtungswechsel, keine aus dem Sitz hebenden Bremsmanöver. Zu Saids Fahrkünsten würde der Donauwalzer gut als Soundtrack passen. Zu den Wogen der wunderschönen Wüstenlandschaft sowieso.

Als wir später bei Qahwa (Kaffee, oder besser: Zehnfachespresso) und Datteln im Wüstencamp sitzen und an dem jungen Chauffeur spärliche Arabischkenntnisse ausprobieren, nämlich "shukran" für "danke", lächelt er nur und verabschiedet sich mit einem herzlichen "No problem" aus seinem nicht minder spärlichen Englisch-Wortschatz.

Ungefähr ein Fünftel des Sultanats Oman im Osten der Arabischen Halbinsel besteht aus Sandwüste. Im Norden und Süden des Landes erheben sich bizarre Gebirgszüge, die das Mekka von Geologen rund um den Globus sind. "Moho", schwärmt Jeff Kendrick, Geologe aus Canberra. Und damit meint der Australier nicht etwa einen Longdrink, den er sich in der Pause des Geologenkongresses im exklusiven Shangri-La Hotel durchaus gönnen könnte, denn für Touristen werden im Oman (teure) Ausnahmen vom muslimischen Alkoholverbot gemacht.

Moho steht in eingeweihten Kreisen für die Mohorovicic-Diskontinuität. Das wiederum ist die Grenze zwischen der Erdkruste und dem darunter liegenden Erdmantel, normalerweise in 50 Kilometern Tiefe. Im Oman hingegen liegt diese Schicht als so genanntes Schlangengestein frei. Warum die Erde an dieser Stelle ihr Inneres nach außen gestülpt hat, kann Jeff nicht mehr erklären, die Kongresspause ist um. Egal. Jeder Oman- Besucher kann jedenfalls bestätigen, dass eine Autofahrt durchs Gebirge beeindruckende Aus- und Ansichten bietet.

Die Mehrheit der 2,6 Millionen Einwohner lebt in schmalen, den Bergen vorgelagerten Küstenstreifen und in den wenigen Oasen im Landesinneren. Noch vor 40 Jahren war der Oman, einst Handelsgroßmacht vom Indischen Ozean bis nach Ostafrika, streng abgeschottet vom Rest der Welt.

Erst Sultan Qaboos bin Said al Said, der 1970 seinen Vater stürzte und die Macht ergriff, führte das muslimische Land wieder aus der Isolation. Er ließ Schulen, Krankenhäuser, Straßen - Letztere mit entscheidender Hilfe der STRABAG - und Moscheen bauen. Im großen Gebetsraum der nach ihm benannten Moschee in der Hauptstadt Muscat sorgt ein vier Tonnen schweren Swarovski-Kristallluster für Erleuchtung. Bis heute bestimmt der charismatische, mittlerweile graubärtig gewordene Alleinherrscher, der in der Verfassung auch die Gleichstellung von Mann und Frau festschrieb, die Geschicke des erdöl- und erdgasreichen Sultanats. Sein Konterfei ist allgegenwärtig, sogar auf der ersten Doppelseite des omanischen Telefonbuches wird ihm gehuldigt.

Die Modernisierung, die ohne Hilfe aus dem Ausland nicht möglich wäre, hat aber auch ihre verordneten Grenzen. Anders als in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Kuwait darf im Oman kein Gebäude an den Wolken kratzen. Und die zahlreichen Gastarbeiter, die hauptsächlich aus Indien und aus Sri Lanka stammen, dürfen nur für eine begrenzte Zeit im Land bleiben.

"Der Oman wird omanisiert" - damit hat sich Reiseführer Pem Rajapakse aus Sri Lanka, dessen am Goethe-Institut in Colombo erlerntes Deutsch jeder Pisa-Prüfung standhalten würde, längst abgefunden. Bis Einheimische seinen Job übernehmen, wird der Buddhist aber noch Hundertschaften von Abendländern durchs Morgenland führen.

Pems Lieblingsort ist Nizwa, eine alte Oasenstadt zu Füßen des Jebel Akhdar-Gebirges, mit Dattelplantagen und einem mächtigen Fort aus dem 17. Jahrhundert. Viele Männer tragen hier zusätzlich zur Dishdasha, dem weißen, knöchellangen Gewand, noch den traditionellen silbernen Krummdolch am Gürtel. Fast alle Frauen im nach Weihrauch duftenden Souq sind verhüllt. Was aber nicht heißt, dass sie sich Touristen verschließen. Im Gegenteil, die verschleierten Frauen preisen geschickt Gesichtsmasken zum Verkauf an. Schützen vor Sand und Staub, vor der Sonne und vor aufdringlichen Blicken. Eine Burqa als Souvenir? Einmal was anderes. (Michael Simoner/Der Standard/Rondo/20.4.2007)

Anreise: Flüge ab Wien mit Qatar Airways, Emirates, Royal Jordanian Airways oder Lufthansa
Allgemeine Infos: Oman Tourism, Oman Info
Visum: Bei der Einreise erhältlich
Trekking: Trekking Oman
Shopping: Souk of Oman
  • Ein Fünftel des Oman ist Sandwüste. Genug Platz für Off-Road-Touren.
    foto: pixelquelle.de

    Ein Fünftel des Oman ist Sandwüste. Genug Platz für Off-Road-Touren.

  • Dattelpalmen prägen die Oasen.
    foto: pixelquelle.de

    Dattelpalmen prägen die Oasen.

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