Alles im Fluss - Rio Douro

21. April 2007, 17:00
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An den steilen Ufern des Rio Douro gedeiht, was in Flaschen abgefüllt ein Verkaufsschlager ist: Portwein

Manchmal schaut zum Nachtisch einen Moment lang ein Ruderer vorbei, blickt anderthalb Sekunden aus einem Meter Entfernung auf das Vanille-Eis mit Portweinglasur in Augenhöhe, auf das Tässchen Café Galão und den Weinkühler neben dem Tisch. Manchmal winkt er kurz, und meistens ist er abgehängt, ehe sich der Gruß erwidern lässt.

Auf dem Flusskreuzfahrtschiff "Vasco da Gama" wird in Ruderboot- Perspektive gegessen. Die Unterkante der Panoramafenster des Bordrestaurants auf Deck 1 befindet sich ungefähr auf Wasserlinie des Rio Douro. Anfangs erschrecken die Passagiere kurz, da ihnen plötzlich von der falschen Seite auf den Teller geschaut wird. Vom zweiten Tag an ist das normal.

Als Revier für Kreuzfahrten ist der Douro erst spät entdeckt worden. "Die Portugiesen zieht's traditionell eher aufs Salzwasser", erzählt Kapitän Pierre Ackermann, der aus Straßburg stammt und seit zwanzig Jahren auf Europas Flüssen fährt. Inzwischen sind alles in allem rund zwanzig Ausflugsboote auf dem Douro unterwegs - sechs davon auf mehrtägigen Touren mit Kabinenunterbringung ab und bis Porto.

Schiffbar ist der Fluss durchs Herz des portugiesischen Weinbaugebiets bis 14 Kilometer weit über die portugiesisch-spanische Grenze hinweg, wo ein 60 Meter hohes Wasserkraftwerk ohne Schleuse die Weiterfahrt verhindert. Früher war dieser Fluss ein Draufgänger, hatte Stromschnellen, schoss stellenweise mit dem Temperament eines Wildbachs durchs Land und hat es den Männern mit den Portweinfässern auf ihren Barcos Rabelos oft schwer gemacht. Die Herren sind inzwischen auf Lastwagen umgestiegen, und wer hier heute Boot fährt, tut es zum Spaß.

Der Douro ist inzwischen durch Schleusen und Staudämme reguliert. Und seekrank ist Kapitän Pierre Ackermann noch nie jemand an Bord seines 75 Meter langen und vier Decks hohen Schiffes geworden. Der historische Vasco da Gama unterdessen, im 16. Jahrhundert Entdecker des Seewegs nach Indien, würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen, bekäme er mit, dass ausgerechnet ein Binnenschiff nach ihm benannt ist und die Reise obendrein in die falsche Richtung beginnt: 209 Kilometer weit in die iberische Halbinsel hinein.

Schnell wird der Douro schmaler, das Ufer felsiger. Der Fluss ist so etwas wie die jahrhundertealte Straße durch das Gebirge, durch das Land der terrassierten Hänge voller genügsamer Weinstöcke auf kargen Schieferböden. Und schon zwei, drei Fahrtstunden östlich von Porto gibt es keine Uferstraße mehr, noch keine Schienen, keinen sichtbaren Wanderweg, manchmal nicht einmal Stromleitungen, dafür Pinien, Kiefern, Felsen.

Wer hier an den Ufern siedelte, störte sich nicht daran, dass es im Tal während des Augusts 45 Grad heiß, im Winter für portugiesische Verhältnisse bitterkalt werden kann. Und er zog her, weil er Wein anbauen wollte. Die heißen Sommer hier sind es, die den Trauben den besonderen Geschmack verleihen, die besondere Süße. Als Portwein sind sie weltberühmt. Manche Passagiere halten es nicht einmal bis zu Hause aus, entkorken ihre Beute vom Portwein-Shopping während des Landgangs in Régua anschließend an Deck mit dem Taschenmesser-Korkenzieher, probieren, vergleichen, schwärmen - und müssen schnell noch einmal von Bord und Nachschub kaufen, wenn jemand im Weinkeller den besseren Einkauf gemacht hat.

An Bord kocht Daniel George aus Colmar auf Augenhöhe mit den Reihern, die ihm durch die Scheibe auf den gedünsteten Rotbarsch schauen. Brot nimmt er unterwegs an Bord, das frische Obst und Gemüse kauft er in den Dörfern am Ufer: "Und in Barca d'Alva am Douro das Olivenöl. Es ist das beste der Welt."

Dann und wann kauert sich wieder ein Ort an den Fluss, liegt wie das Dorf Pinhão in einer Schleife zu Füßen der immer steileren Hänge. Still ist es hier: die Häuser alt, die wenigen Gassen schmal, der Bahnhof mit Fliesenbildern verziert, ein paar alte Frauen beim Einkaufen, sonst niemand in den Straßen. Mehr los ist nur während der Lese, wenn Erntehelfer aus dem ganzen Land an den steilen Hängen zwischen den Trauben herumklettern.

Eile ist hier noch nicht erfunden, der Alltag weit weg und von den über Kilometer straßenlosen Bergen ausgesperrt - als ob das Schiff nahezu lautlos durch einen 3-D-Film gleitet. Die Kulisse ist zeitlos. Welches Jahrhundert gerade läuft? Ob es schon Elektrizität gibt? Autos? Die Landschaft verrät es nicht, liefert kein Indiz. Was Kapitän Ackermann am Douro so liebt? "Dass der Fluss so ruhig fließt, die Stille abfärbt. Der Douro ist Balsam für die Nerven. Gleichzeitig wird die Fahrt nie langweilig, weil die Landschaft sich hinter jeder zweiten Biegung komplett wandelt." Und: "Und es gibt tolle Angelmöglichkeiten!"

Die Referenz an den seligen Vasco da Gama und seine hochseefahrerischen Verdienste erweist Pierre Ackermann am letzten Fahrttag lange nach dem Wendemanöver vor dem unüberwindlichen spanischen Staudamm: In Porto schippert er zur Verwunderung seiner Passagiere am Anleger vorbei, fährt sechs Kilometer weiter bis zur Mündung in den Atlantik und sagt über Bordlautsprecher durch, er habe beschlossen, nun doch den Seeweg nach Indien zu suchen.

Ein paar hundert Meter später dreht er wieder um. Und alle sind ein bisschen erleichtert - und vollends beruhigt, wenn sie wieder fest vertäut am Anleger dümpeln. Kurz nach dem Abschluss-Abendessen können sie ihren Kapitän im Rettungsboot vor den Panoramascheiben entlanggleiten sehen. Ackermann fährt angeln. Letztes Mal hat er hier einen Seewolf aus den Fluten gezogen, Daniel George hat ihn zubereitet. Und als Digestif gab es einen vierzig Jahre alten Portwein: zur Feier des Tages. (Helge Sobik/Der Standard/Rondo/20.4.2007)

Anreise: z. B. mit der Lauda Air von Wien nach Lissabon
Veranstalter: einwöchige Tour an Bord der "Vasco da Gama" bei Air Maritime Seereisen/FTI mit Unterbringung in einer Zweibett-Außenkabine, Vollpension (ohne Getränke). Dabei Anreise von Wien via Frankfurt.
Weitere Infos: Portugiesisches Touristik- und Handelsbüro, Opernring 1, 1010 Wien, Tel.: (01) 5854450 und (0810) 900650
Info zu Porto: Tourismusamt Porto
  • Für Flusskreuzfahrer ist der Rio Douro eine Neuentdeckung.
    foto: tourismusamt porto

    Für Flusskreuzfahrer ist der Rio Douro eine Neuentdeckung.

  • Der Rio Douro mündet in Porto in den Atlantik.
    foto: tourismusamt porto

    Der Rio Douro mündet in Porto in den Atlantik.

  • An seinen steilen Ufern die Weinhänge, wo die Trauben für den Portwein reifen.
    foto: tourismusamt porto

    An seinen steilen Ufern die Weinhänge, wo die Trauben für den Portwein reifen.

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