"Ärzte sind keine Kostenfaktoren, sondern Lebensfaktoren"

14. Jänner 2008, 10:01
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Aufgaben und Bezahlung der Turnusärzte sind heftig umstritten - Kdolsky kündigt Richtlinien für Ärzteausbildung an

Bilden wir die richtigen Personen zu Ärzten aus – und bekommen sie die richtige Ausbildung für den Beruf des Arztes? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion im Wiener AKH im Rahmen der MedSuccess 2007. Fünf MedizinerInnen stellten sich bei der Diskussion, die von derStandard.at-Redakteurin Anita Zielina moderiert wurde, den Fragen und der Kritik des Publikums.

"Wir haben eines der besten Systeme der Welt", stellte Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky zu Beginn der Diskussion klar. Ein großes Manko sehe sie aber in der Turnusärzteausbildung. Dies bestätigte auch Erik Huber, Turnusärztevertreter der Ärztekammer Wien. "Wir bilden Ärzte aus, die hervorragend Blut abnehmen und Zugänge legen können", kritisierte er. Ein Nachholbedarf sieht er in erster Linie im Tätigkeitsprofil der Turnusärzte, das noch nicht gesetzlich verankert ist. "Unser heutiges System ist höchstgradig unökonomisch", widersprach er der Gesundheitsministerin.

Reizthema Turnus

Das Publikum, großteils Studierende und ÄrztInnen in Ausbildung, oder solche, die gerade auf ihren Turnus warten, reagierte beim Thema Turnusärzteausbildung sehr emotional. Kritisiert wurden nicht nur die langen Wartezeiten auf eine Stelle sondern auch die unangemessene Bezahlung. Diese liege auch im neuen Kollektivvertrag noch weit unter dem Einstiegsgehalt in Deutschland.

"Mangelnde Ausbildung kostet dem Gesundheitssystem Geld", appellierte Huber an seine KollegInnen. Die Ursache für die mangelhaften Umstände liege unter anderem darin, dass ausbildendes Personal zu wenig Kollegialität zeige und sein Wissen ungern weitergebe. Das Problem fange eigentlich schon damit an, dass diplomiertes Krankenpflegepersonal Arbeiten erledigen müsse, für die sie eigentlich zu gut ausgebildet seien. In Folge dessen hätten auch TurnusärztInnen keine Zeit mehr für ihre eigentlich vorgesehenen Aufgaben und für ihre eigene Ausbildung.

"Bemühen uns wirklich"

Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien, konterte, dass dies wohl ein individuelles Problem sei, das man nicht pauschalisieren könne. Reinhard Krepler, Ärztlicher Direktor des AKH, betonte, dass es an seinem Krankenhaus "keine Krankenschwestern, die Betten überziehen" gebe – eine Behauptung, die die TurnusärztInnen im Publikum nicht bestätigen wollten und die auch lautstark kundtaten.

"Wir bemühen uns wirklich, Ihnen ein erstklassige Ausbildung zu ermöglichen", richtete sich Ärztekammer-Präsident Walter Dorner an die ZuhörerInnen. Auch er hält eine gesetzliche Verankerung des Tätigkeitsprofils der Turnusärzte für "wirklich sehr notwendig". Daran werde bereits gearbeitet, versicherte Gesundheitsministerin Kdolsky. Bis Ende 2007 sollen klare Richtlinien für die Fachärzte- und Allgemeinärzteausbildung geschaffen werden.

Keine perfekte Zugangslösung

Zum brisanten Thema Zugangsbeschränkungen gestand Rektor Schütz Defizite ein: "Österreich hat noch zuwenig Erfahrung mit Zulassungsverfahren, wir brauchen noch Zeit." Der EMS, der Eignungstest für das Medizinstudium sei sicher nicht die optimale Lösung – ein perfektes Aufnahmeverfahren lasse sich wahrscheinlich nie finden.

Im Streit um die Quotenregelung für ausländische Studierende betonte Kdolsky, dass eine Einigung mit der EU nötig sei, um flächendeckende Versorgung in Österreich zu gewährleisten. Die Diskutierenden zeigten Verständnis für Studierende, die nach ihrem Studium ins Ausland gehen, weil sie dort bessere Verhältnisse erwarten. Gerade deshalb müssten aber die Mängel im österreichischen Ausbildungssystem beseitigt werden. ÄK-Präsident Dorner appellierte abschließend an die Anwesenden, umzudenken: "Ärzte sind keine Kostenfaktoren, sondern Lebensfaktoren". (lis/derStandard.at, 19. April 2007)

  • VertreterInnen aus Politik und Praxis versuchten die Kritik an der österreichischen Medizinausbildung zu relativieren.
    foto: derstandard.at/oberndorfer

    VertreterInnen aus Politik und Praxis versuchten die Kritik an der österreichischen Medizinausbildung zu relativieren.

  • Der Hörsaal 1 im Wiener AKH war überfüllt, besonders beim Thema TurnusärztInnen wurde die Diskussion emotional.
    foto: derstandard.at/oberndorfer

    Der Hörsaal 1 im Wiener AKH war überfüllt, besonders beim Thema TurnusärztInnen wurde die Diskussion emotional.

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    Nicht nur in Österreich ist die Bezahlung und die Arbeitslast von ÄrztInnen ein Thema - auch in Deutschland wird dagegen immer wieder demonstriert.

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