Renaissance der Wut

26. April 2007, 16:14
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Die Düsseldorfer Band Fehlfarben ("Es geht voran") legt mit dem Album "Handbuch für die Welt" ein Meisterwerk vor

Wahrlich nicht ihr erstes, aber das am wenigsten erwartete.


"Alles gelesen, nichts verstanden" und "Sprachlos mit all den Worten, all den Gesten, nichts als Show", rotzt sich Peter Hein im Überdrüber-Song Sprachlos des neuen Fehlfarben-Albums "Handbuch für die Welt" den Ekel von der Seele. Mit einem verdunkelten Herzen, aber einem immer noch verlässlich scharfen Verstand.

Mein Gott, wer hätte so ein Album von diesen großen Altvorderen des rar-begnadeten deutschen (Post-)Punkrocks noch erwartet!? Zumindest nach "Knietief im Dispo" (2002) und dem entbehrlichen "26 1/2", auf dem, nachdem die Band ihr 25. Jubiläum verschlafen hatte, zum 26 1/2. Jahrestag bekennende Fans wie Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Frank Spilker (Die Sterne), Campino oder auch Helge Schneider Fehlfarben-Songs interpretierten - kann man gleich wieder vergessen! -, hatte sich das nicht wirklich abgezeichnet. Jetzt aber: Mit "Handbuch für die Welt" ist der Band aus Düsseldorf ein mindestens großartiges Album gelungen.

Fehlfarben, jene in den 1970ern vom Punk geprägte Formation um Sänger und Texter Peter Hein, die mit bis heute gültigen Alben wie "Monarchie und Alltag" oder "Glut und Asche" Werke vorlegte, an denen sich selbst die zwei Generationen später auftauchenden Erben wie eben Blumfeld messen mussten, verschreiben sich damit selbst eine Renaissance, die sich nun nicht nur über eine gewisse Freude und Sentimentalität definiert - nämliche jene, dass es die Fehlfarben immer noch gibt -, sondern belegen eindrucksvoll, dass sie sich mitten im Hier und Jetzt befinden.

Und zwar ohne sich deshalb um herrschende Moden zu kümmern oder sich so genannten Trends an den Hals zu werfen. Dazu ist man immer noch zu sehr (Anzug-)Punk, zu naturskeptisch, verfügt überdies über ein Langzeitgedächtnis - und ist dafür einfach nicht blöd genug. Dazu kommt, dass heute Angesagtes wie der zackige Postpunk von Franz Ferdinand und Konsorten ohnehin das ureigenste Terrain von Hein, Thomas Schwebel, Michael Kemner, Frank Fenstermacher ist, die hier von der Urbesetzung noch dabei sind. Dementsprechend schöpfen Fehlfarben aus dem Vollen, bleiben dabei allerdings ökonomisch schlank, spielen gnadenlos auf den Punkt.

Das entspricht nicht nur Heins Texten, der sich hier in Stücken wie dem genialischen "Teufel in Person" auf einem Energie-Level bewegt, der kurz vor der Explosion steht. Trotz des Drucks singt er noch die schönsten Melodien und legt so viel Authentizität in seine Stücke, wie man es sonst nur von Typen wie Mark E. Smith von The Fall und anderen Unbeirrbaren dieses Kalibers kennt. Eine derartige Qualitätsdichte lässt einen natürlich erst recht das Haar in der Suppe suchen. Allein - man wird nicht fündig. Stattdessen jubiliert man zu den repetitiven Riffs im Titelsong, die man in dieser Intensität zuletzt bei den US-Hardcorlern Tar gehört hat, freut sich über die Coverversion von "We Do Wie Du" vom Tribute-Album an die Proto-Punks Monks, durchschreitet das Hein-Gipfeltreffen "Das Schöne Herz" (Hein vertont Heinrich Heine!) und nickt spätestens beim zweiten Durchgang bestätigend lächelnd den Titel des Albumopeners "Anders Geblieben".

Das fiebrige Synthie-Wabern in "Politdisko" schießt im Verein mit dem Disco-Schlagzeug ins Gebein, während sich Heins Zeilen "Es mag ja wirklich schlimm sein, und vielleicht tut es mir leid, aber zum richtig gut sein, da hab ich keine Zeit" zumindest für die Dauer des Albums ad absurdum führen: So gut, so verdammt gut! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2007)

Fehlfarben live: 28.Mai, Arena Wien
  • Fehlfarben: "Handbuch Für Die Welt" (V2/Edel)
    foto: v2/edel

    Fehlfarben: "Handbuch Für Die Welt" (V2/Edel)

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