Strategieplan gegen Gewalt an Schulen

3. Juli 2007, 10:19
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Jeder zehnte Schüler ist Opfer körperlicher Gewalt: Bildungspsychologinnen erarbeiten Maßnahmen - Norwegen als Vorbild

Wien - Bildungspsychologinnen der Universität Wien erarbeiten derzeit im Auftrag des Unterrichtsministeriums eine Gesamtstrategie zur Gewaltprävention an Österreichs Schulen. "Gewalt ist zweifellos ein Problem", meinte Christiane Spiel von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien im Gespräch mit der APA unter Hinweis auf wissenschaftliche Studien, die für Österreich kein positives Bild zeigen. Die Expertin will den Strategieplan bis zum Herbst fertig stellen. Amokläufe wie jenen von Montag in den USA könne man mit solchen Präventionsprogrammen aber nicht verhindern, sagte Spiel.

Jeder Zehnte betroffen

Eine aktuelle WHO-Studie in rund 30 Ländern zeigt, dass im Mittel jeder zehnte Schüler regelmäßig von Mitschülern körperlich attackiert wird; verbale Beschimpfungen kommen noch öfter vor. In der Untersuchung über das Ausmaß von "Bullying", wie die Aggression gegenüber Mitschülern bezeichnet wird, die über einen längeren Zeitraum mit einem Machtungleichgewicht zwischen Täter und Opfer ausgeübt wird, liegt Österreich unter den Ländern mit den meisten derartigen Attacken.

Maßnahmen bisher nicht evaluiert

Spiel wurde vom Unterrichtsministerium beauftragt, eine Gesamtstrategie zur Gewaltprävention auszuarbeiten. Es gebe zwar eine Fülle von Materialien, Ansätzen, Programmen und Projekten sowie engagierten Personen, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, weiß Spiel aus eigenen Recherchen. Trotzdem sei die Situation unbefriedigend, meint die Expertin. Denn diese Präventionsmaßnahmen seien im Allgemeinen singuläre Aktivitäten und würden nur in Ausnahmefällen dokumentiert, begleitend evaluiert und der Allgemeinheit als Wissensbasis zur Verfügung gestellt.

Nachhaltige Strategien

Langfristig erfolgreich seien Maßnahmen zur Gewaltprävention aber nur dann, wenn sie nachhaltig gestaltet würden. "Dazu ist es notwendig, dass die Aktivitäten theoretisch fundiert und in eine Gesamtstrategie eingebettet sind, alle Beteiligten einbezogen werden und dass alles mit langem Atem durchgeführt wird", so Spiel.

"Null Gewalt"

Die Expertin verweist auf einige Staaten, wo es schon seit Jahren erfolgreiche Präventionsstrategien gibt. So gebe es etwa in Norwegen "beeindruckende Ergebnisse", die Gewaltrate an Schulen sei massiv zurück gegangen. Vom Ministerpräsidenten abwärts bis zu einzelnen Schulstandorten seien dort "Manifeste gegen Gewalt" verabschiedet worden. An den Schulen gelte die Regel "Zero", was soviel heißt wie "Wir dulden null Gewalt". Lehrer würden bei Aggression sofort einschreiten, Eltern sofort eingebunden, Schulen und Lehrer laufend gecoacht. Zudem sei über das Thema in den Medien viel berichtet worden. "Obwohl alle Maßnahmen freiwillig sind, ist dadurch ein so starker gesellschaftlicher Druck entstanden, dass fast alle mitgemacht haben", sagt Spiel.

Internationales Know-How

Das Team um Spiel recherchiert derzeit derartige Beispiele aus verschiedenen Ländern. Wichtig werde es sein, diese Erfahrungen an die österreichische Situation anzupassen und für die verschiedenen Zielgruppen - von Kindergärten bis zur Oberstufe - adäquate wissenschaftlich fundierte und erfolgreich evaluierte Präventionsmaßnahmen auszuwählen. Dazu werden auch internationale Experten eingebunden werden.

Kontakt mit Eltern und Sozialarbeitern

Zusätzlich werden derzeit mit Vertretern der zentralen beteiligten Gruppen in Österreich, die in irgendeiner Form mit dem Thema zu tun haben, Interviews geführt. Dazu zählen natürlich Eltern, Lehrer und Schüler, aber auch Schulpsychologen, Schulärzte, Vertreter der Pädagogischen Hochschulen, Sozialarbeiter, Universitäten, die Lehrer ausbilden, die Exekutive, etc. "Wir wollen von diesen verschiedenen Personengruppen wissen, was sie zur Gewaltprävention beitragen können, was man besser machen könnte und was noch benötigt wird", sagt Spiel, die auch überlegt, wie man diese verschiedenen Gruppen besser vernetzen kann. Schließlich wird laut Spiel, damit auch wirklich alle informiert und eingebunden werden können, "eine mediale Unterstützung sehr wichtig sein".

Einzeltaten nicht zu verhindern

Einzeltaten wie den gestrigen Amoklauf an der Technischen Universität in Blacksburg (US-Bundesstaat Virginia) mit 33 Toten könne man mit solchen Präventionsprogrammen nicht verhindern, "das ist nicht vorhersagbar, das ist eine hochpathologische Sache", sagte Spiel. Allerdings könnten Kinder und Jugendliche durch derartige Programme früher sensibilisiert werden, "man kann die Grundsensibilität im Sinne einer Verantwortlichkeit heben". So könnten Auffälligkeiten früher erkannt werden, und es gebe früher die Möglichkeit etwa einer psychiatrischen Behandlung. "Aber Garantie gibt es keine, das sind extreme Einzelfälle". (APA)

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    Im internationalen Vergleich ist jeder zehnte Schüler Opfer von Gewalt.

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