Gier nach Sonne

18. April 2007, 17:03
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Der Fenstergucker im Stephansdom musste sich mit einem kleinen Fenster zufrieden ge­ben. Die Neuzeit indes: Sonne, komm ins Haus!

Früher war das Leben ein wenig anders. Unsere Vorfahren standen mit Beginn des Tages auf und gingen mit Einbruch der Dunkelheit wieder zu Bett. Arbeitsmäßig verbrachten sie wohl die meiste Zeit des hellen Tages im Freien. Abgesehen von der Energieeffizienz haben alte Häuser deshalb nur wenige und auch sehr kleine Fensteröffnungen. Die heutige Gesellschaft hingegen verbringt die meiste Zeit des Tages in geschlossenen Räumen und versucht unentwegt, Sonnenlicht und Wärme in den Raum zu lotsen.

Wir gieren nach jedem Sonnenstrahl - und dieser soll nach Möglichkeit durch großzügige Verglasungen in den Raum gelangen. Darüber hinaus lässt sich mit hochwertigen Thermo-Verglasungen die Sonnenenergie passiv nutzen, was ökonomisch und ökologisch längst schon State of the Art sein sollte.

Doch Achtung: Hochhäuser mit Ganzglasfassaden benötigen beispielsweise ein Vielfaches der gewonnenen Energie zur sommerlichen Kühlung der Räume. Und schon sind wir beim Pferdefuß der ganzen Angelegenheit: Was wir im Winter so schmerzlich vermissen, wird uns im Sommer rasch zu viel. Während man der Kälte durch Heizen begegnen kann, wird es mit dem Kühlen schon schwieriger. Eine mehr oder weniger funktionierende Klimaanlage ist nördlich der Alpen wenig verbreitet und kostet abgesehen von der Anschaffung auch im Betrieb viel Energie und somit viel Geld.

Ein weiterer Punkt ist die Blendung durch Sonnenlicht in Innenräumen. Wer möchte schon mit dem Sonnenhut am Esstisch sitzen oder mit der Sonnenbrille Zeitung lesen? Außerdem schadet das direkte Licht vielen Materialien, die im Innenausbau gerne verwendet werden. Hölzer und Stoffe verlieren ihre Farben, bleichen aus und werden grau.

Besser ist es daher, große Verglasungen nach Süden oder nach Westen sparsam einzusetzen und sie in jedem Fall mit einem außen liegenden Sonnenschutz zu versehen. Statt mechanischer Beschattungselemente, die sich im Wartungsaufwand niederschlagen, sollte baulichen Maßnahmen der Vorzug gegeben werden.

Nach Süden sollte eine auskragende Beschattung eingeplant werden. Das hat den Vorteil, dass die tiefe Wintersonne eindringen kann, die hohe Sommersonne jedoch abgehalten wird. Nach Westen oder Osten sind flexible Beschattungselemente wie etwa Fensterläden effizienter. (Christine Diethör, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.4.2007)

  • Arch. Christine Diethör, Innenraum-Expertin

    Arch. Christine Diethör, Innenraum-Expertin

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