Grundlos in den Abgrund: Amok im Kino

30. April 2007, 09:21
10 Postings

Zwischen Nihilismus und Waffenfetischismus: Massaker wie in Virginia finden im Kino ein reserviertes Echo

Ein verwackelter Handyfilm, gedreht vom Studenten Jamal Albarghouti, ist das einzige visuelle Dokument des Massakers auf der Universität Viriginia Tech (siehe Artikel rechts). Viel ist darauf nicht zu sehen: links in der Einstellung ein Fahrrad, rechts geparkte Autos, in der Tiefe des Bildes Polizisten, die eher ratlos wirken. Dafür sind die Schüsse im Gebäude selbst zu hören: Mit jedem davon wird auch der Film erschüttert und damit zuallererst zum Dokument einer körperlichen Verunsicherung.

Nichts für Hollywood

Wenn das Kino auf tragische Ereignisse wie nun jenes in Virginia reagiert, dann verlegt es das, was man nicht sehen konnte, nicht unbedingt ins Feld des Sichtbaren zurück. Zuletzt war das in der Folge des Massakers auf der Columbine High School in Colorado im Jahr 1999 der Fall. Naturgemäß ist das kein Stoff für Hollywoodgroßproduktionen. Amokläufe berühren zu viele gesellschaftliche Zusammenhänge, als dass sie in gängige Dramaturgien der Gewalt eingepasst werden könnten.

Überdies weisen sie auf strukturelle Missstände zurück, mit denen sich das Unterhaltungskino nur ungern auseinandersetzt. Da nimmt es offenbar lieber in Kauf, als einfacher Sündenbock herzuhalten, der mit gewaltverherrlichenden Filmen Nachahmer motiviert. Erst der Dokumentarfilmemacher Michael Moore, dem bekanntlich kein Thema heiß genug sein kann, hat sich in Bowling for Columbine mit der ihm eigenen Mischung aus Volksanwaltschaft und Aufdeckertum der Frage gestellt, worin die Ursachen für solche Ausfallserscheinungen liegen könnten.

Faszination Waffen

Moore fand viele möglichen Antworten, kam aber zu keiner eindeutigen These. Im Geschäft mit Waffen, das von mächtigen Organisationen wie dem US-Waffenverband (NRA) getragen wird, macht er die ökonomischen Interessen aus, die ein generelles Waffenverbot verhindern - was auch dazu führt, dass man das Problem gerne delegiert. Die Faszination für Waffen reicht jedoch über Anschauungen wie diese noch hinaus: Der Amerikanist Richard Slotkin hat die USA in seinem gleichnamigen Buch als Gunfighter Nation bezeichnet, die sich auch in der Gegenwart noch über die Mythen (und die Gewalt) des Wilden Westens definiert. Dieser Idee ist der Autorenfilmer Gus van Sant in seinem preisgekrönten Film Elephant näher, obwohl er sich jeder eindeutigen Festschreibung von Ursachen verweigert.

Die Kamera heftet sich an die Körper der Jugendlichen einer High School, darunter die späteren Täter, durchmisst ihre Räume in mehreren Wiederholungen, ohne signifikante Indizien vorzufinden, die das folgende Ereignis verstehen helfen würden. Gerade aber, weil es kein Bild gibt, an dem man sich festhalten könnte, und gerade, weil die Tat aus einer vermeintlichen Normalität heraus geschieht, wird sie um so bezeichnender für einen jugendlichen Nihilismus, für den Gewalt ein Ausdruck neben anderen ist.

In eine ähnliche Richtung zielt der vergleichsweise wenig bekannte Film Zero Day von Ben Coccio, in dem zwei Amokläufer Videos hinterlassen, in denen sie die Vorbereitungen zu ihrem Gewaltakt dokumentieren: Was freilich fehlt, ist auch hier der Grund. Coccio geht vielleicht am weitesten mit der These, dass in Szenarien wie solchen in Virginia womöglich nur eine Lust an der Zerstörung zum Tragen kommt, die über keine gesellschaftliche Moral mehr reguliert wird. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD print, 18.4.2007)

  • Schwer bewaffneter Volksanwalt: US-Regisseur Michael Moore suchte in "Bowling for Columbine" nach Ursachen für Gewalt
    foto: filmladen

    Schwer bewaffneter Volksanwalt: US-Regisseur Michael Moore suchte in "Bowling for Columbine" nach Ursachen für Gewalt

Share if you care.