Das Immunsystem toleranter machen

17. April 2007, 19:57
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Die Allergieforscherin Fatima Ferreira im STANDARD-Interview über genetisch veränderte Allergene als neuartige Impfung

Die Allergieforscherin Fatima Ferreira arbeitet an der Entwicklung einer neuartigen Impfung. Allergene, jene Substanzen, die die Überempfindlichkeit auslösen, werden genetisch verändert. Sabina Auckenthaler sprach mit ihr über Erfolgsaussichten des Projekts.

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STANDARD: Woran arbeiten Sie gerade?

Ferreira: Ich forsche mit meinem Team an der Entwicklung einer neuen Allergieimpfung, die auf künstlich hergestellten Allergenen basiert. Wir versuchen, die allergene Struktur minimal zu verändern, sodass sie vom Immunsystem toleriert wird. Ziel ist, dass dadurch auch auf natürliche Allergene keine Abwehrreaktion des Körpers mehr erfolgt.

STANDARD: Worin unterscheidet sich diese Methode von den bisherigen Heilmethoden?

Ferreira: Die bisherigen Verfahren funktionieren nach dem Prinzip der Sensibilisierungstherapie: Dem Körper werden Allergene, die aus dem allergieauslösenden Stoff gewonnen werden, in steigender Dosis injiziert. So gewöhnt sich das Immunsystem langsam daran. Allerdings ist hier das Risiko von Nebenwirkungen sehr hoch.

STANDARD: Wie verändern Sie die Allergene?

Ferreira: Mithilfe der Gentechnologie. Eine allergische Reaktion passiert ja dann, wenn das Immunsystem auf einen normalerweise harmlosen Stoff wie Pollen mit Abwehr regiert. Wir wollen herausfinden, welcher Teil des Allergens dafür verantwortlich ist, und diesen verändern.

STANDARD: Weiß man heute eigentlich genau, woher Allergien kommen?

Ferreira: Man kann das Risiko, Allergiker zu werden, erben - so viel weiß die Forschung sicher. Außerdem vermutet man, das der Allergenkontakt im Kindesalter eine Rolle spielt sowie die vielen neuen Stoffe in der Umwelt, die der Körper nicht kennt.

STANDARD: Immer wieder heißt es, der Grund liege in unserer übertriebenen Hygiene.

Ferreira: Ja, das ist die so genannte Hygiene-Hypothese. Die Idee dahinter ist, dass wir zu wenig Kontakt mit harmlosen Mikroben und Bakterien haben, sodass das Immunsystem nicht lernen kann, mit diesen umzugehen. In der Folge reagiert es dann mit Abwehr auf Substanzen, die eigentlich ungefährlich wären: Es kommt zur Allergie.

STANDARD: Und was halten Sie von dieser Hypothese?

Ferreira: Es macht durchaus Sinn. Aber ich bin Forscherin: Ich will gesicherte Ergebnisse und will mich nicht mit Hypothesen begnügen. Und wissenschaftlich nachweisen konnte das bisher niemand.

STANDARD: Es heißt auch, dass Kinder, die viel Kontakt mit Tieren haben, weit weniger Allergien bekommen?

Ferreira: Das Problem ist, dass die Studienergebnisse hier teilweise sehr kontrovers sind. Einige Forscher sind überzeugt, dass man durch Haustiere einer Allergie vorbeugen kann, andere glauben das Gegenteil. Man muss hier oft einen größeren Zusammenhang mit einbeziehen, nicht nur Einzelaspekte. Wir wissen zum Beispiel, dass Kinder, die Kontakt zu Tieren haben und oft in der Erde wühlen, weniger an Allergien erkranken.

Man kann aber sicher nicht pauschal sagen, Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, sind weniger gefährdet. Die Dinge sind komplexer, als sie oft in den Medien dargestellt werden. Über die genauen Mechanismen von Allergien wissen wir einfach noch nicht genug.

STANDARD: Das klingt angesichts der stark steigenden Zahlen an Allergikern nicht wirklich beruhigend.

Ferreira: Es gibt viele internationale Netzwerke, die sehr gut funktionieren und wo man nach neuen Methoden forscht. In Österreich ist man in Bereichen der Allergenforschung führend. Allerdings stimmt es auch, dass wir auf einen Durchbruch hoffen müssen. Die Häufigkeit von Allergien hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt - wenn das so weitergeht, leidet bald die Hälfte der Bevölkerung an einer Allergie.

STANDARD: Zu einem anderen Thema: Sie sind die zweite Frau in Österreich, die ein Christian-Doppler-Labor leitet. Man könnte sagen, Sie haben Karriere gemacht. Nervt es Sie, wenn Sie auf die Rolle als Frau im Wissenschaftsbetrieb angesprochen werden?

Ferreira: Das nervt mich überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wir müssen immer wieder über die Probleme, die Wissenschafterinnen haben, reden und junge Frauen ermutigen und unterstützen. Ich sehe mich da eigentlich gern als Role-Model.

STANDARD: Hatten Sie auch Vorbilder?

Ferreira: Ich verdanke eigentlich sehr viel meiner Mutter. Sie ist ein sehr offener Mensch und wollte, dass wir Kinder eine Ausbildung machen, damit wir einmal unabhängig sind. Zum Glück hatte ich im Laufe meiner Karriere auch männliche Kollegen und Vorgesetzte, die mich gefördert haben. Sehr unterstützt hat mich auch mein Mann. Das bedeutete manchmal auch, dass er sich und seine Karriere zurücknahm, damit ich weiterkomme. (DER STANDARD, Printausgabe, 18. April 2007)

Zur Person
Fatima Ferreira (47), geboren in Brasilien, leitet seit Juli 2006 das Doppler-Labor für Allergiediagnostik an der Uni Salzburg, wo sie auch außerordentliche Professorin im Fachbereich Molekulare Biologie ist. Im Dezember 2006 wurde sie FEMtech Expertin des Monats.

Nach ihrem Zahnmedizinstudium und einem Doktorat in Biochemie in Brasilien machte sie eine Postdoc-Ausbildung in Toronto, wo sie ihren Mann, den österreichischen Biochemiker Peter Briza, kennen lernte. 1990 zog sie mit ihm nach Österreich, wo sie zunächst am AKH arbeitete. (auk)

Link
www.cdg.ac.at

  • Ist es möglich, dass der Körper nicht mehr abwehrend gegen Allergien reagiert? Fatima Ferreira über aktuelle Allergieforschungsprojekte an der Universität Salzburg.
    foto: der standard/wild & team

    Ist es möglich, dass der Körper nicht mehr abwehrend gegen Allergien reagiert? Fatima Ferreira über aktuelle Allergieforschungsprojekte an der Universität Salzburg.

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