Wieder wichtig werden

17. April 2007, 19:37
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In Wien wird über neue Strategien gegen den Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften diskutiert

Das Jahr 2007 wurde in Deutschland zum Jahr der Geisteswissenschaften erklärt - trotz oder eher wegen ihrer weiterhin anhaltenden Krise. Nun wird auch in Wien über neue Strategien gegen den Bedeutungsverlust diskutiert. Aber womöglich reden sich diesen die Geisteswissenschafter ohnehin nur selbst ein.

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"Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften." Unter diesem selbstbewussten Titel hielt der deutsche Philosoph Odo Marquard vor mittlerweile mehr als zwanzig Jahren einen viel beachteten Vortrag - zu einer Zeit, als sich unter etlichen seiner Fachkollegen gerade erst eine gewisse Krisenstimmung breit gemacht hatte.

War es den Naturwissenschaften im Laufe des 20. Jahrhunderts immer eindrücklicher gelungen, ihren Nutzen für die Gesellschaft unter Beweis zu stellen, so schienen die Geisteswissenschaften im Vergleich dazu immer weniger anzubieten zu haben. Was nolens volens zur Frage führte, wozu man die Geisteswissenschaften überhaupt noch braucht.

Marquard hatte eine einfache Antwort parat, die für heftige Diskussionen sorgte. Gerade weil die Modernisierung durch die Naturwissenschaften und die Technik so schnell voranschreite, käme es zu lebensweltlichen Verlusten. Die Geisteswissenschaften könnten durch ihre "Erzählungen" Orientierungen liefern und auf diese Weise zur Kompensation der Modernisierungsfolgen beitragen.

Wenig Änderung

Mehr als zwanzig Jahre später scheint sich - zumindest im deutschsprachigen Raum - an der mehr oder weniger tristen Lage nicht allzu viel geändert zu haben. Zwar sind in der Zwischenzeit dutzende Bücher, Sammelbände und Aufsätze zum Thema erschienen. Doch an der grassierende Krisenstimmung hat das wenig geändert.

Selbst der so genannte "Cultural Turn" erwies sich nicht wirklich als nachhaltige Wendung zum Besseren. Zwar nennen sich die fortschrittlicheren Fachvertreter seit ein paar Jahren Kulturwissenschafter. Doch auch die Gründung etlicher neuer kulturwissenschaftlicher Institute trugen nicht wirklich zum Stimmungsumschwung bei - zumal unter dem Titel "Cultural Studies" nicht selten schlechte Sozialwissenschaft ohne die entsprechende methodische Ausbildung betrieben wurde.

Sind die Geistes- und Kulturwissenschaften also tatsächlich irrelevant geworden? Besteht noch Hoffnung, weil ihr allenthalben konstatierter Bedeutungsverlust hausgemacht ist? Oder wird der von den larmoyanteren Fachvertretern und womöglich sogar von den "bösen" Naturwissenschaften bloß herbeigeredet?

Antworten auf diese drei Gretchenfragen bietet ein neuer Sammelband, der von den deutschen Kultur- und Sozialwissenschaftern Ludger Heidbrink und Harald Welzer herausgegebenen wurde. Das Büchlein trägt den programmatischen Titel "Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften" (Verlag C. H. Beck), und seine Beiträge liefern auf alle drei Fragen tendenziell positive Antworten.

Dreimal "Ja"

Ein erstes "Ja" gibt es deshalb, weil sich für die Herausgeber viele Geistes- und Kulturwissenschafter tatsächlich in ein akademisches und gesellschaftliches Abseits manövriert haben. Fleiß sei an die Stelle von Originalität getreten, philologische Kleinkrämerei habe die Weitsicht ersetzt, kritisieren die beiden Herausgeber. Ein "Ja" gibt es aber auch deshalb, weil es genug neue gesellschaftliche Probleme gibt, von den "Soft Sciences" bislang sträflich vernachlässigt wurden aber dringender Erforschung bedürfen - wobei dafür eine gewisse "Versozialwissenschaftlichung" unabdingbar scheint.

Und ein "Ja" gibt es auch auf die Frage, ob man nicht viel bescheidener auftritt, als man eigentlich müsste. Warum das so ist, erklärt der deutsche Soziologe Nico Stehr. Er arbeitet gerade an einem EU-Projekt über die Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschaften mit, das von seinem Wiener Kollegen Ronald Pohoryles koordiniert wird (siehe Interview unten).

Im Standard-Gespräch gibt Stehr zu bedenken, dass die Nützlichkeit und die Anwendung des kultur- und geisteswissenschaftlichen Wissens nicht so einfach mit dem der Naturwissenschaften oder der Medizin zu vergleichen sei. "Dieses Wissen ist nicht so eindeutig fassbar wie etwa ein naturwissenschaftliches Patent oder ein neues Medikament." Gleichwohl leiste es wichtige Beiträge zu gesellschaftlich geltenden Deutungsmustern. Und nicht zuletzt: zum Verständnis der Welt, in der wir leben. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 18. April 2007)

Veranstaltung-Tipp
9. Ernst Mach Forum der ÖAW: "Geisteswissenschaften - Schlüsselqualifikationen für demokratische Gesellschaften?"

Es diskutieren u. a. der Soziologe Christian Fleck, die Philosophin Cornelia Klinger, der Rechtswissenschafter Dieter Simon und der Kulturwissenschafter Harald Welzer.

Ort und Zeit: Mittwoch, 18. April 2007, 18.00 Uhr, Wiener Rathaus, Wappensaal, 1. Lichtenfelsgasse 2

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    Drehen, bis man die Lösung findet. Sie alle denken über Geisteswissenschaften nach: Die Soziologen Max Weber (blau), Nico Stehr (grün) und Christian Fleck (rot), die Philosophin Cornelia Klinger (orange) und der Rechtswissenschafter Dieter Simon.

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