Der Intellektuelle ohne Hochmut

29. Juli 2000, 10:55

Vor zehn Jahren ist der legendäre Langzeitkanzler Bruno Kreisky in Wien gestorben. Die Faszination des Ausnahmepolitikers ist geblieben. Eine Spurensuche von Katharina Krawagna-Pfeifer.

Anmerkungen zu seiner Politik sind unerschöpflich. Er war der Konstrukteur einer neuen österreichischen Gesellschaft. Eine gute Weile öffnete er den Blick für die Vielfalt der Möglichkeiten der Politik als Gestaltungskraft jenseits der alltäglichen Wahrnehmung. Bruno Kreiskys, von 1970 bis 1983 Regisseur und zugleich Hauptdarsteller der heimischen politischen Bühne, hat vielen Menschen versucht, die Welt zu erklären - und zwar anders als es viele vor und nach ihm getan haben.

Seine andere Sicht manifestierte sich besonders in der Außenpolitik, wo er frühzeitig ungewöhnliche Pfade beschritt. In Österreich agierte er vorsichtiger und suchte den Konsens zu allen gesellschaftlichen Gruppierungen. Besonders gut ist dies an seinem offenen Verhältnis zur katholischen Kirche nachvollziehbar. In anderen Bereichen agierte er stur und ließ Einwände nicht gelten, wie z.B. bei seiner viel kritisierten Verstaatlichtenpolitik.

Unbestreitbar ist die Faszination, die von Bruno Kreisky ausgegangen ist und die noch zehn Jahre nach seinem Tod spürbar ist. Vor allem bei jenen, die ihn "ein Stück des Weges" begleitet und für ihn gearbeitet haben.

Den längsten Weg mit Kreisky zurückgelegt hat Margit Schmidt. Sie wurde dem damaligen Außenminister 1965 als Sekretärin zugeteilt und arbeitete bis zuletzt für ihn. "Ich war gefesselt von der Intellektualität Kreiskys. Er hat unendlich viel gewusst und viele gekannt. Aber, und das war das Faszinierende, er war ein Intellektueller ohne Hochmut", erinnert sich Schmidt. Sie leitet heute das Bruno Kreisky Forum für Internationalen Dialog in der Wiener Armbrustergasse, dem ehemaligen Wohnhaus Kreiskys. Trotz seines Wissensvorsprungs sei der Kanzler den Menschen nicht mit Verachtung begegnet. "Geärgert hat ihn, wenn sich Dummheit mit Arroganz gepaart hat, aber nie, wenn jemand aus Unvermögen naiv war." Schmidt beschreibt Kreisky als einen "mit dem man Tränen lachen konnte", der aber zuweilen auch ungerecht, unbeherrscht und grantig war.

Sie habe, so Schmidt, von Kreisky unendlich viel gelernt. Die wichtigste Lehre sei gewesen, die Schicksale der Menschen ernst zu nehmen. Schmidt: "Wir sind all die Jahre erstickt in Briefen, und Kreisky hat zu uns stets gesagt, das ist nicht Papier. Da steht ein Mensch dahinter."

Fasziniert "von der Art, wie Kreisky die Dinge gesehen und beurteilt" hat, waren auch seine Kabinettschefs Peter Jankowitsch (1970 bis 1972) und Ferdinand Lacina (1980 bis 1982). Kreisky habe selbst Banalitäten so darstellen können, das sie interessant und aufregend wurden. Bewundert wird von ihnen nach wie vor der Arbeitsstil des Langzeitkanzlers. Kreisky habe viel im Gespräch entwickelt. Legendär sind seine regelmäßigen Telefonstunden während des Frühstücks. Da habe jeder "den Kreisky" anrufen können und er habe gewusst, was die Leute bewegt.

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