Kreisky-Erinnerungen

29. Juli 2000, 10:11
Kleines Kreisky-Erlebnis: Sensationsbesuch von Gaddafi. Bankett. Tischrede des libyschen "Revolutionsführers": "... unermüdlicher Kampf gegen den verbrecherischen US-Imperialismus und seine Lakaien ...". Kanzler Kreisky, schon sehr krank, setzt zur Antwortrede an: Ausbau der Beziehungen, Dialog, wirtschaftliche Verflechtungen usw. Dann: "... aber eines muss ich schon noch sagen - die amerikanische Demokratie hat für die Welt viel Positives getan ...". Schon noch. Es war Kreiskys Methode der nebenbei hingesagten Zurechtweisung. Kreisky war sehr gebildet, aber oft nicht nobel, ja ausgesprochen bösartig. Er war ein fantastischer Kommunikator, aber zugleich Manipulator. Er war ein Großbürger unter vielen Kleinhäuslern, die er kalt instrumentalisierte. Er hatte ein Konzept für Österreich (in vielem falsch, aber ein Konzept). Dass "so einer wie ich" Kanzler werden konnte, verwunderte ihn noch lange. Er meinte einmal im Gespräch, der damals noch viel massivere heimische Antisemitismus sei für ihn persönlich ausgesetzt worden. Er hat "die Menschen draußen" wahrscheinlich letztlich doch geliebt - gerade, weil er sich nicht viele Illusionen über sie machte.
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