"Keine Kampfsau im Gerichtssaal"

18. April 2007, 07:00
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Die Situation von Juristinnen und bestehende Benachteiligungen in der Berufswelt erörterte eine Fachrunde

Wien - Obwohl die Geschlechterverteilung bei den Erstsemestrigen sowie den Absolventinnen und Absolventen der Rechtswissenschaften ausgeglichen ist, sind Frauen mit zunehmender Berufslaufbahn wenig in höheren Positionen zu finden. So sind beispielsweise nur 6,8 Prozent der ordentlichen Universitätsprofessuren weiblich besetzt und nur 15 Prozent aller Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen sind Frauen. Im Justizministerium hat es in den fünf (bzw. früher sechs) Sektionen noch nie eine weibliche Chefin, vor Karin Miklautsch (spätere Gastinger) auch keine Justizministerin gegeben, wie Maria Wais, Leitende Oberstaatsanwältin im Bundesministerium für Justiz, bei der Podiumsdiskussion "Juristinnen@work" Montag Abend in Wien berichtete.

Wais gewann im Laufe ihrer Berufslaufbahn den Eindruck, "dass Frauen viel mehr für einen Erfolg wissen mussten". Anekdoten aus dem Berufsleben, die auf Benachteiligung von Frauen deuten, wusste Anja Oberkofler, selbständige Rechtsanwältin in Wien, zu erzählen. So würden Konzipientinnen (Ausbildungsstufe zur Anwältin, Anm.) als fleißige Arbeitsbienen und Zuarbeiterinnen gerne gesehen, der Anwaltsberuf werde den Frauen jedoch weniger zugetraut. "Sie sind keine Kampfsau im Gerichtssaal", wie es ein Anwalt Oberkofler zufolge ausgedrückt hatte. Sie selbst bekomme, im Gegensatz zu Kollegen, im Gerichtssaal schon mal zu hören: "Seiens doch nicht so emotional, Frau Kollegin!"

Anwaltschaft

In der Rechtsanwaltskammer sind Frauen stark unterrepräsentiert und werden frauenspezifische Themen kaum berücksichtigt, wurde am Podium betont. Oberkofler zufolge gehören Frauen im Bereich der Anwaltschaft noch nicht zum gesellschaftlichen Bild: "Die Frau ist ein Alien. Sie könnte höchstens Konzipientin sein."

Für den Wirtschaftsbereich stellte Susanne Stein-Dichtl, geschäftsführende Gesellschafterin der Verlagsgruppe MANZ, fest, dass es noch nicht viele Frauen an die Spitze geschafft haben: "Auch ich bin oft nur von Männern umgeben."

Netzwerke

Als Gegenstrategie empfiehlt Stein-Dichtl Frauen die Betätigung in Netzwerken, "durchaus auch in gemischten". Ähnlich sieht Wais die Situation insbesondere für jene Juristinnen, die in gewählten Entscheidungsgremien vertreten sein wollen: Netzwerken und Organisation der Interessen im Vorfeld der Wahl. Was leitende Posten im öffentlichen Dienst betrifft, "ist es zu spät, wenn die Ausschreibung erfolgt ist", so Wais. Ihrer Erfahrung zufolge "werden Entscheidungen schon zuvor in eine gewisse Richtung gesteuert" - die gläserne Decke für Frauen wirke. Ein weiteres Problem ist Wais zufolge die erstrittene Feststellung einer Diskriminierung, dann folgt "allenfalls finanzieller Schadenersatz, nicht aber die angestrebte Position".

Für den wissenschaftlichen Bereich hat Michaela Windisch-Grätz, außerordentliche Professorin am Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien, den Eindruck, "dass eine Habilitation für Frauen keine Hürde mehr ist". Das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auch der Zeit fürs Netzwerken verdeutliche Windisch-Grätz: "Ohne Netzwerken, ohne Besuch von Veranstaltungen fehlen Informationen. Das wirkt sich natürlich schon aus."

Chancengleichheit

In der anschließenden Diskussion wurde die Wichtigkeit von Quotenregelungen betont, welche bei gleicher Bestqualifikation zum Tragen kommen können: Diese hätten eine gewisse Signalwirkung für Frauen zur Bewerbung sowie für die gesellschaftspolitische Diskussion, so Brigitte Hornyik, Leiterin des Evidenzbüros am Verfassungsgerichtshof. Ähnlich auch Alina-Maria Lengauer, Vizedekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät: "Die Quote stellt erst die Chancengleichheit her."

Weitere Empfehlungen an Juristinnen neben dem Netzwerken waren Engagement und das Übernehmen von Funktionen an den Universitäten, sowie "sich selbst was zuzutrauen und sich selbst ins Gespräch zu bringen".
(Daniela Yeoh)

  • Der Verein österreichischer Juristinnen (im Bild das Logo) will ein Gegengewicht zum männlich geprägten Recht und der männerdominierten Berufswelt schaffen. Ein Schwerpunkt des Vereins ist die Gleichstellung von Frauen und Männern.
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