Napster bleibt im Netz

30. Juli 2000, 12:04

Wenige Stunden vor Ablauf der Frist hat ein Berufungsgericht die angeordnete Schließung der MP3-Tauschbörse aufgehoben - Neue Entscheidung nicht vor Mitte September

Fans der Musiktauschbörse Napster können ihre Lieblingshits weiter kostenlos aus dem Internet herunterladen. Ein Berufungsgericht in San Francisco entschied am Freitag (Ortszeit) kurz vor der beschlossenen Schließung der Website, dem Einspruch von Napster gegen eine Einstweilige Verfügung stattzugeben. Zu einer weiteren Entscheidung wird es damit voraussichtlich nicht vor Mitte September kommen.

"Enttäuschung"

Napster-Anwalt Daniel Johnson begrüßte die Entscheidung des Gerichts. Der US-Musikindustrieverband RIAA, der gegen Napster geklagt hatte, bezeichnete den Beschluss dagegen als "Enttäuschung". Napster stellt Internet-Nutzern seit einem Jahr ein Programm zur Verfügung, mit dem problemlos und praktisch Musikstücke im digitalen MP3-Format gefunden und gratis kopiert werden können.

Die Firma sollte laut Einstweiliger Verfügung ihre Website ursprünglich am Freitag um Mitternacht Ortszeit (Samstag 09.00 Uhr MESZ) schließen, weil das Online-Angebot ausschließlich zum Zweck illegaler Raubkopien eingerichtet worden sei. Die Napster-Anwälte machten dagegen geltend, das Tauschen von Musiktiteln verstoße nicht gegen das Gesetz. Das Gericht setzte Napster nun eine Frist bis zum 18. August, um seine Position schriftlich zu begründen. Der Verband RIAA hat demnach bis zum 8. September Zeit, weitere Argumente für die Schließung der Website vorzulegen. Darauf müssen wiederum die Napster-Anwälte bis zum 12. September antworten. Erst dann folgt das eigentliche Verfahren.

"Ich bin froh und dankbar, dass wir unsere 20 Millionen Nutzer nicht abweisen müssen..."

Der 19 Jahre alte Firmengründer Shawn Fanning zeigte sich nach Bekanntgabe des Urteils zufrieden: "Ich bin froh und dankbar, dass wir unsere 20 Millionen Nutzer nicht abweisen müssen..." Nachdem die Schließung der Börse wegen Verletzung der Urheberrechte angeordnet worden war, überfluteten Napster-Fans in aller Welt den Server der Firma und luden noch Zehntausende Musiktitel herunter. Nach Angaben des Nachrichtensenders CNN schickten sie auch 75.000 E-Mails ab und protestierten gegen die Entscheidung.

Napster-Anwalt Johnson sagte, die beiden Richter hätten ihr Urteil unter anderem mit der Schwierigkeit für Napster begründet, aus der Vielzahl der Musikstücke alle urheberrechtlich geschützten Werke herauszufiltern. Die Firma werde nun vorerst wie bisher ihr Online-Angebot aufrecht erhalten. Napster-Gründer Shawn Fanning erklärte auf der Homepage der Firma, die gestartete Protestaktion solle trotz des juristischen Sieges weiter gehen. Napster hatte seine Nutzer dazu aufgerufen, nur CDs von Künstlern zu kaufen, die das Internet-Tauschsystem unterstützen. RIAA-Präsidentin Hilary Rosen nannte die Gerichtsentscheidung "frustrierend". Nun gebe es weiterhin Millionen von Copyright-Verletzungen.

Tauschen

Über die Napster-Website können im Internet gefundene und kopierte Musikstücke im MP3-Format ausgetauscht werden. Nach Angaben des Unternehmens nutzen weltweit etwa 20 Millionen Menschen diesen Service. Laut Musikindustrie werden täglich zwischen zwölf und 30 Millionen Songs von Napster-Nutzern auf ihre Computer kopiert. Napster bestreitet anhand von Gutachten, dass die praktisch kostenlose Verbreitung von Musikstücken im MP3-Format die Verkaufszahlen der Plattenindustrie beeinträchtigt.

Der Vorstand der Bertelsmann E-Commerce Group, Andreas Schmidt, forderte die Industrie zum Handeln auf. "Wo Nachfrage ist, ist immer auch ein Angebot", sagte Schmidt. Die Internet-Börse habe gezeigt, dass die Zukunft der Musikverbreitung in der Digitalisierung liege. "Die Musikindustrie muss schleunigst digitale Musik in sicheren, kopiergeschützten Formaten zur Verfügung stellen, damit die Nachfrage der Kosumenten befriedigt werden kann", sagte Schmidt. (red/APA)

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