Nicht Medizin, nicht Nahrung

17. April 2007, 11:14
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Nahrungsergänzungs- mittel sind eine lukrative und schnell wachsende Nische - Experten: EU-weite Regeln dringend not­wendig

Wien - Je höher die Verarbeitungsstufe, je eher die Nahrung in Richtung Fertigmenüs geht, desto eher wird zu ih- nen gegriffen: Nahrungsergänzungsmittel haben den Ruf, eventuelle Mängel aufgrund moderner, vielleicht ungesunder und nicht ausgewogener Ernährung auszugleichen.

Die wichtigsten Nahrungsergänzungsmittel sind Vitaminpräparate und Mineralstoffe. Da sie Lebensmitteln zugerechnet werden, müssen sie keine Zulassungen wie bei Medikamenten durchlaufen. Sie kommen nach einer relativ einfachen behördlichen Anmeldung auf den Markt.

Stichproben

Eine Überprüfung durch unabhängige Institutionen wie durch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährung (Ages) findet bestenfalls im Nachhinein statt. Die Ages prüft solche Produkte stichprobenartig nach der Markteinführung. Dabei wird nach Zufallsprinzip vorgegangen oder bei Verdachtsfällen. Immerhin werden so im Jahr etwa 500 Proben gezogen.

Das Geschäft mit solchen Mitteln, die als Pillen, Dragees, Brausetabletten oder Tropfen auf den Markt kommen, boomt. Trotzdem kann der Umsatz, der damit gemacht wird, nur geschätzt werden. Ein bis zweimal der Umsatz, den die Apotheken damit machen, schätzt Ages-Experte Markus Zsivkovits. Das heißt für Österreich: Bei einem Apothekengesamtumsatz von 72 Millionen Euro werden, grob geschätzt, Verkäufe von Nahrungsergänzungsmitteln in Höhe von rund 180 Mio. Eu- ro getätigt. "Nahrungsergänzung ist nach dem Hustensaft der wichtigste Umsatzbringer", sagt Zsivkovits.

Viele Kanäle

Eine Marktabschätzung ist deshalb so schwierig, weil die Produkte über viele Distributionskanäle den Konsumenten erreichen: Fachdrogerien führen sie ebenso wie der Lebensmitteleinzelhandel oder Apotheken. Und immer wichtiger wird der Internet-Verkauf.

Rainhard Bernhart, ebenfalls bei der Ages, erzählt von extremen nationalen Unterschieden, was zulässige Mengengröße und Inhaltsstoffe betrifft. Es gibt 25 voneinander unterschiedene Regelungen in Europa, sagt Bernhart. Ein Harmonisierungsversuch 2002 scheiterte dennoch. Der Auftrag an die EU-Lebensmittelagentur Efsa, sichere Höchstmengen für Vitaminpräpara-te, Mineralstoffe und andere Stubstanzen (etwa Pflanzenextrakte) zu definieren, wurde vor ein paar Jahren gegeben. Bis heute gibt es kein umfassendes Bewertungsschema.

Gleichzeitig ist der Markt von vielen Neuheiten gekennzeichnet: Neuere Angebote sind etwa Mittel zur Menopause, etwa auf Basis von Rotklee oder "Brainfood". "Die Branche strotzt vor Innovationen", sagt Bernhart. Erst kürzlich ist ihm ein Potenzmittel, eine Art gefälschtes Viagra auf Kräuterbasis, in einem oberösterreichischen Asiashop untergekommen. Ein Direktimport aus China, der aufgrund von Mundpropaganda bei den Oberösterreichern gerne gekauft wurde. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD print, 17.4.2007)

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    foto: cremer
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