Rüsseltiere mit Kettengliedern

17. April 2007, 13:58
posten

Hubert Lepkas Volks­schauspiel "Hannibal" am Rettenbachgletscher erzählt die Geschichte der punischen Alpenüberquerung als technisch eindrucksvolles Maschinentheater

Sölden – Am Rettenbachgletscher zieht Hannibal ein. Als "ein vollkommener Handwerker", wie Brecht ihn sah, bewältigt er den Hochsitz auf einer Pistenraupe, die ihn herein trägt auf das Schneefeld vor dem Gletscherstadion, in den Zielraum des im letzten warmen Herbst erstmals ins Wasser gefallenen Ski-Weltcup-Openings. Wo die Natur beginnt und die Technik endet, ist in dieser Arena auf 2700 Metern nicht auszumachen. Nicht in dem seit Jahrzehnten touristisch intensiv erschlossenen ewigen Eis hoch über Sölden. Choreograf Hubert Lepka, seinerseits vollkommen Handwerker, setzt sein fulminantes, auf 67 Minuten getimtes Schauspiel – die kühne Alpenüberquerung des karthagischen Feldherrn 218 v. Chr. im Krieg gegen Rom, mit gut 50.000 Soldaten, an die 7000 Reitern und 37 Elefanten – in ein Ambiente von mittlerweile vertrauter Ambivalenz.

Er nutzt die Mächtigkeit eines der in letzter Zeit schmelzend wahrgenommenen Eisberge als prächtige Kulisse, als enorme Bühne aus Fels und Schnee. Und mobilisiert eine Menge Maschinen: 32 Pistenraupen, Motorräder, Hubschrauber, auch ein paar Flugzeuge alten Typs kreuzen auf, Feuerwerke sind zu sehen, Explosionen und Lawinen werden ausgelöst. Lepka will "Grenzlinien umspielen". Der 49-jährige Choreograf, "seit der Kindheit", wie er sagt, "ein Fahrzeugfanatiker", hatte 2005 einen letzten Hannibal vor. Nach einem Ausflug in die Zukunft (Mars 2068) ist er mit seiner Gruppe Lawine Torrèn zum historischen Stoff und dem nach wie vor beliebten Stück zurückgekehrt: 5500 Zuseher haben diesmal in der Kälte ausgeharrt.

Die Rede ist von einer Million Euro für die eine Aufführung der von Sponsoren, der Gemeinde und den Bergbahnen bezahlten Inszenierung.

Elefanten auf Ketten

Hannibal ist ein Volksschauspiel. Fast 500 Personen, davon die Hälfte Laien aus Sölden, wirken mit: ein Stück Dorfgemeinschaft. Dem Gletscher, ganzjährige Einnahmequelle, wird gemeinsam Reverenz erwiesen. Dabei treten der Plot und der stellenweise etwas simpel aufgepeppte Erzähltext (gesprochen von Harald Krassnitzer aus dem Off) deutlich in den Hintergrund einer Choreografie, die die Weiten der weißen Hänge ausschöpft. Am eindrucksvollsten mit den kraftvoll-grazilen Pistenraupen, Hannibals Elefanten, die überraschende Vielfalt zeigen und auf die historisch militärische Funktion der Tiere verweisen: wenn sie als Truppe in der Dunkelheit die Joche überwinden, mit einer Panzern gleichenden Beweglichkeit, und dann wieder in einem Bully-Tanz um die eigene Achse, als Lebewesen, anmutig wirken, sich zugeneigt. Die Fahrer bringen Höchstleistungen an dem von ihnen regelmäßig planierten Weltcup-Hang – Handwerker auch sie, wenn nicht vollkommene, so doch Meister. (Petra Nachbaur, Benedikt Sauer / DER STANDARD, Printausgabe, 17.04.2007)

  • Ein Tiroler Nachklang auf einen Heerzug, der das alte, republikanische Rom einst in Angst und Schrecken versetzte: "Hannibal"-Choreographie im ewigen Eis.
    foto: wolfgang kirchner

    Ein Tiroler Nachklang auf einen Heerzug, der das alte, republikanische Rom einst in Angst und Schrecken versetzte: "Hannibal"-Choreographie im ewigen Eis.

Share if you care.