Rasend sitzen, ungeheuerlich schlafen

2. April 2008, 18:43
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Mit "toxic dreams" betritt eine längst fällige österreichische Performancegruppe die Festivalbühne - Ausschweifender verhalten sich die Künstler von "Blast Theory"

Neben den gewichtigen Performance-Zugpferden Gob Squad, Big Art Group und Showcase Beat Le Mot, die, man könnte sagen, allmählich zum Establishment des donaufestivals gehören, tauchen neue Namen und (mit ihnen) Formen auf, die durch ihre radikale Art und ihren Innovationswert den Charakter des Festivals mitbestimmen.

Formen, die die üblichen zeitlichen und räumlichen Grenzen sprengen: Aktionen, die nicht auf der Theaterbühne, sondern im Freien oder im Hotelzimmer stattfinden, die nicht abendfüllend sind, zu kurz oder auch zu lang sind. Sie funktionieren nach ungewohnten und vielleicht auch unbequemen Strukturen.

Erstmals ist heuer die österreichische Theater- und Performancetruppe toxic dreams in Krems zu Gast. Die Mannschaft um Yosi Wanunu und Kornelia Kilga pusht mit Kreationen unterschiedlichster Ausformung seit genau zehn Jahren den Level der österreichischen Theaterszene. Seit 1997 entstanden knapp zwei Dutzend Shows.

So wurde etwa die Schlächterfamilie rund um den römischen Feldherrn Titus Andronicus zur rasenden Kochshow (2002), wurden die Abhörprotokolle aus dem Hause Milosevics (2003) zur famosen Sitcom oder, zuletzt, eine Tschechow-Erkundung mit gefilmter Moskaureise zu einer Art Videokonferenz (2006). Derzeit befragen toxic dreams das Vermächtnis der beiseite gelegten Avantgardisten des letzten Jahrhunderts (Eugenio Barba u.a.).

In Krems zeigt die Gruppe jetzt "Zähne": Der Röntgenblick auf zwei schlafende Gestalten gebiert in sleep Ungeheuer. sleep ist eine dreigeteilte Schlafperformance, interpretiert von jeweils unterschiedlichen Musikern (Martin Siewert, Ludwig Bekic und Michael Strohmann). Mit dieser in neunminütigen Loops bis zu sechs Stunden (ab 22 Uhr) ausgedehnten Schlafdarbietung im Zimmer 115 des Parkhotels in Krems bleibt das donaufestival der nicht erst von Gob Squad fulminant eroberten Spielstätte Hotel(zimmer) treu.

Die aus anonymen Mitstreitern bestehende britische Formation Blast Theory gehört zu jenen Gruppen, die dem heurigen Festivalmotto "Unprotected Games" am besten entsprechen. Blast Theory sind vertreten in dem in Österreich noch selten im Kunstkontext rezipierten Genre Gaming.

Dabei haben die Technologie-Nerds für ihr ebenfalls am Eröffnungstag aktiviertes Spiel Can you see me now? bereits 2003 den Prix Ars Electronica Golden Nica für interaktive Kunst in Linz gewonnen. Überhaupt: Die Präsenz von Blast Theory zwischen Tokio, Adelaide und Belfast in Performances, mit Fernseharbeiten, als Kuratoren oder bei Konferenzen zeugt vom Anwachsen dieser Gattung: Auftrite in Media Labs, in Technology Schools of the Future oder im guten alten National Theatre in London. Die Truppe hat ihren Lauf!

Jäger sind Gejagte

Can you see me now? verbindet die virtuelle mit der realen Welt für ein Jagdspiel. 20 Teilnehmer (aus dem Publikum) können via Internet (an Terminals am Kremser Festivalgelände oder am privaten PC weltweit) mitspielen.

Blast Theory-"Darsteller" bewegen sich durch die reale Stadt Krems, um mittels Handycomputer die virtuellen Standpunkte der Gegner auszuforschen und umgekehrt. Brutal, aber ganz unsere Welt. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 17.04.2007)

>> Parkhotel Krems, 22.00
>> Stadtraum Krems, Festivalgelände, Internet, Do 19.00 Fr/Sa 18.00
  • Mit einer Schlafperformance im Parkhotel Krems mischen "toxic dreams" erstmals beim "donaufestival" mit: "sleep", jeweils ab 22 Uhr in Zimmer 115.
    foto: donaufestival

    Mit einer Schlafperformance im Parkhotel Krems mischen "toxic dreams" erstmals beim "donaufestival" mit: "sleep", jeweils ab 22 Uhr in Zimmer 115.

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