"Jedes Aussiebverfahren ist kontraproduktiv"

23. April 2007, 17:35
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Studierende einer öffentlichen und einer privaten Medizinuniversität vergleichen in einer derStandard.at- Diskussion ihren Studienalltag

Im Gegensatz zu Harald Hermann von der Medizinuniversität Wien kennt Albert Eckert von der Paracelsus medizinische Privatuniversität in Salzburg keine überfüllten Hörsäle. Denn nur 42 BewerberInnen pro Studienjahr werden aufgenommen. Für derStandard.at diskutieren die beiden Studenten mit Julia Schilly über Konkurrenzkämpfe unter den Studierenden, Kontakt zu ProfessorInnen und Aussiebverfahren.

derStandard.at: Wie lange studiert ihr schon und wie zufrieden seid ihr mit eurem Studium?

Albert: Ich bin im vierten Studienjahr und das Studium sieht fünf Jahre vor. Ich bin bei der ersten Generation, die an der Paracelsus angefangen hat.

Mit dem Ablauf des Studiums bin ich sehr zufrieden. Denn ich weiß, dass ein so gutes Verhältnis zwischen Studenten und mit Professoren nicht selbstverständlich ist.

Harald: Ich bin im zwölften Semester, was auch die Regelstudiendauer ist, das heißt, ich werde im Sommer abschließen. Ich bin im neuen Studienplan, der 2002 umgestellt wurde. Inskribiert habe ich noch im alten Studienplan, aber als Pilotprojekt konnte man in den neuen Studienplan umsteigen. 150 wurden genommen und 300 haben sich beworben. Und ich war einer der Glücklichen, die ausgelost wurden.

Dadurch, dass wir nur 150 sind, im Regelplan sind es doch 600, ist es ein etwas anderes Verhältnis, als nach uns. Aber dafür gibt es viele Anfangsschwierigkeiten.

derStandard.at: An der Paracelsus werden jährlich nur 42 Studierende aufgenommen. Wie hast du das Aufnahmeverfahren erlebt?

Albert: Das Aufnahmeverfahren besteht aus verschiedenen Stufen. Zuerst muss man sich mit einem Brief bewerben. Dafür gibt es festgelegte Kriterien: Den üblichen "curriculum vitae", welche Motivation man hat, den Beruf des Arztes ausüben zu wollen, warum man ausgerechnet an der Paracelsus in Salzburg studieren will und welchen Ethos als Arzt man hat.

Die nächste Stufe ist ein ziemlich langer und schwieriger Aufnahmetest. Er dauert vier Stunden mit einer halben Stunde Pause. Am Computer mussten wir verschiedene Aufgaben bewältigen: Intelligenztests, Lerntests, Merktests und Sprache. Aus diesem Pool wurden die Leute rausgesucht. 400 sind zu diesem vierstündigen Test eingeladen worden und davon wurden 150 zum Gespräch eingeladen. Daraus wurden wiederum die 42 Studenten des ersten Jahrgangs ausgesucht.

derStandard.at: An der MedUni Wien war bis Wintersemester 2006/07 noch kein Aufnahmetest notwendig. Aber hast du dich trotzdem mit dem Eignungstest beschäftigt?

Harald: Ja. Man muss dazu sagen, wenn es keinen Test gäbe, ginge es auch schwer. Ich glaube, es haben sich 4000 Leute beworben und das sind einfach Kapazitäten, welche die Uni Wien nicht bewältigen kann. Mit dem Eignungstest an sich bin ich unzufrieden, weil ich nicht sicher bin, ob er wirklich die Leute herausfiltert, die für das Medizinstudium ungeeignet sind. Meiner Meinung nach ist jedes Aussiebverfahren kontraproduktiv. Langfristig gesehen kann es nur eine Lösung sein die Studienplätze aufzustocken.

Die Uni erhofft sich ja, dass es dadurch weniger Drop-Outs geben wird. Weil beim alten Studienplan, bei dem noch alle inskribieren konnten, sagt man, dass circa die Hälfte ausgestiegen ist.

derStandard.at: Stichwort Drop-Out Rate senken: Wie sieht das nach einem umfangreichen Aufnahmeverfahren wie an der Paracelsus aus? Lohnt sich das? Wie viele KollegInnen aus deinem Studienjahr sind ausgestiegen?

Albert: Von 42 sind vier ausgestiegen. Also eine doch relativ geringe Rate.

derStandard.at: Wann habt ihr im Laufe eures Studiums euren ersten Patienten gesehen?

Harald: Das war gleich ziemlich zu Beginn. Es wurde ein Patient eingeladen, der im Hörsaal interviewt wurde. Das fand ich gut, denn das hatten wir im alten Studienplan nicht.

Albert: Bei uns war das auch so. Was aber in einem kleinen Hörsaal den Vorteil hatte, dass wir auch Fragen stellen konnten. Es ist immer besser, wenn man persönlich Fragen stellen kann.

derStandard.at: Und außerhalb des Hörsaals?

Harald: Das war dann erst bei der Famulatur. Das sind Praktika, die man während des Studiums abschließen muss. In Wien sind dafür insgesamt 18 Wochen vorgesehen.

In den ersten Semesterferien gibt es außerdem die "Berufsfelderkundung". Da waren wir jeweils eine Woche lang in einem Pflegeheim, einem Krankenhaus und bei einem praktischen Arzt. Wir hatten da schon mit Patienten zu tun, jedoch mehr als Beobachter.

Albert: Persönliche Untersuchungen von Patienten hat es im zweiten Jahr gegeben. Wir hatten eine Lehrveranstaltung bei der wir lernten, wie man zum Beispiel eine Anamnese erhebt.

derStandard.at: Wie sieht bei euch ein Studienjahr aus? Wie erfolgen die Prüfungen?

Albert: Wir haben sehr viele Blockprüfungen zu einzelnen Lehrveranstaltungen. Die durchschnittliche Dauer einer Lehrveranstaltung ist je nach Komplexität zwischen zwei und fünf Stunden und am Schluss findet die Prüfung über den Inhalt statt. Von den Wochenenden hat man relativ wenig. Und es ist schwierig, am Abend immer den Stoff zu repetieren, den man den ganzen Tag hört. Da muss man wirklich zäh sein.

Harald: In Wien ist der Studienplan in insgesamt drei Studienabschnitte gegliedert und Mindeststudiendauer sind sechs Jahre. Wir haben einen Stundenplan vorgegeben und werden in Kleingruppen eingeteilt. Am Vormittag haben wir immer Vorlesungen. Dann haben wir eine Mittagspause und anschließend meist Seminare oder Praktika. Mühsam ist, dass die Orte oft wechseln. Da bleibt manchmal von der Mittagspause nicht viel übrig.

Albert: In Salzburg liegt alles nah beisammen, das hat schon zeitliche Vorteile.

derStandard.at: Wenn ihr von eurem Studienalltag erzählt, stellt sich schon die Frage: Wie finanziert man das, bleibt daneben Zeit zum Arbeiten?

Harald: In Wien ist es extrem schwierig und geht nur, wenn man einen Job mit freier Zeiteinteilung hat. Es gab Versuche Kleingruppen für berufstätige Studierende einzuführen und diese Maßnahmen wurden teilweise auch durchgesetzt. Zum Beispiel finden da verpflichtenden Praktika später am Abend statt.

Albert: Bei uns ist das Arbeiten nebenbei sehr schwierig, da wir viele Vorlesungsstunden pro Woche haben und die Wochenenden nicht so nützen können. Ich weiß von einigen Studienkollegen, die am Wochenende gekellnert haben. Es ist so, dass die Universität deswegen den Leuten, die auf Förderung angewiesen sind, ein Förderungsprogramm zur Verfügung stellt. Das kann durch eine soziale Indikation sein oder in Form eines Leistungsstipendiums. Ich weiß, dass beide Formen von Kollegen aus meinem Jahrgang relativ intensiv genutzt werden.

Harald: Von der Uni selbst wird da nichts angeboten. Das sind rein staatliche Förderungen wie Studienbeihilfe. Einige kommen mit dem Geld nur sehr schlecht aus.

derStandard.at: Wie ist das eigentlich jahrelang in einer kleinen Gruppe von Studierenden integriert zu sein? Neben den Freundschaften - bilden sich da auch Konkurrenzkämpfe heraus?

Albert: Konkurrenzkämpfe gibt es sicher überall. Die Frage ist, wann es Formen erreicht, die nicht mehr sozial verträglich sind. Leute orientieren sich aneinander. Man geht nicht in der Masse unter. Und niemand möchte in so einer kleinen Zahl von Studenten schlecht dastehen. Aber, dass es in dem Sinne ein "Gerangel" gibt, habe ich nicht erlebt. Im Gegenteil, das hat auch positive Effekte.

Harald: Von Konkurrenzkämpfen habe ich zum Glück nichts erlebt. Was vielleicht auch daran liegt, dass wir nur 150 Leute in meinem Studienjahr sind und es haben sich sehr enge Freundschaften ergeben.

Aber in den anderen Jahrgängen und vor allem im ersten Jahrgang, vor der SIP, das steht für summative integrierte Prüfung, wird der Stoff des gesamten ersten Jahres abgeprüft. Danach stehen nur 600 Plätze zur Verfügung, aber es sind doch rund 2000 Studierende, die noch im ersten Abschnitt feststecken. Da entwickeln sich leider schon Konkurrenzkämpfe.

derStandard.at: Apropos soziale Kontakte: Wie sieht das mit Kontakten zu Professoren aus?

Harald: Nicht direkt in den Vorlesungen, da das doch ein Massen- Frontalunterricht ist. Aber in den Kleingruppen, in denen die Seminare und Praktika ablaufen, oder beim POL, problemorientierten Lernen, wo man in einer Gruppe von zwölf bis 15 Studenten ist, kann man schon enge Kontakte knüpfe.

Albert: Der Kontakt ist sehr gut. Teilweise haben wir problemorientiertes Lernen zu viert oder zu sechst mit den Professoren oder Ärzten von der Klinik. Dadurch entwickelt sich ein gutes persönliches Verhältnis.

Und einmal im Monat haben wir diese Clubabende, wo ein Mediziner einen Vortrag zu einem aktuellen medizinischen Thema hält. Das ist eine gute Möglichkeit, mit den Professoren in Kontakt zu treten, auch mit Professoren aus dem Ausland. (Julia Schilly, derStandard.at, 22.4.2007)

  • Julia Schilly (links) sprach mit Harald Herrmann (Mitte) und Albert Eckert über die Unterschiede zwischen Klasse und Masse.

    Julia Schilly (links) sprach mit Harald Herrmann (Mitte) und Albert Eckert über die Unterschiede zwischen Klasse und Masse.

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